Die subtile Aggression der Selbstverbesserung

Das Leben ist gepflastert mit doppelten Botschaften.

„Mach was aus dir. Sei attraktiv. Hey, und gib bloß nichts darauf, was die anderen sagen.“

„Du, mach einfach dein Ding. Sorge zuerst für dich selbst. Denn du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben.“

„Und kümmere dich aber auch gut um deine Familie und Freunde, denn sie sind auch das Wichtigste in deinem Leben.“

„Oder: Akzeptiere dich, wie du bist. Aber du musst auch an dir arbeiten, dich entwickeln, dich verbessern und als Mensch wachsen.“

Bei diesen ganzen Botschaften, Ansprüchen und Erwartungshaltungen kann einem ganz schummerig im Kopf werden.

Aber bleiben wir mal kurz bei der letzten Mehrdeutigkeit:

a) Akzeptiere dich, wie du bist.

b) Lerne, wachse und mache mehr aus dir.

Ja, a) und b) sind wichtig. Und doch widersprechen sich die beiden Aussagen vordergründig.

Was mich zu der Botschaft der heutigen Mail bringt.

Eine der Schlüsselfähigkeiten in der heutigen Zeit ist:

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?

Das herauszufinden ist schwer. Aber machbar. Und wenn du es herausgefunden hast, wirst du den Unterschied merken. Jeden Tag.

Finde Dinge über dich heraus, die du nicht geahnt hast: Mit dem Selbstlernprogramm: Finde deinen Kompass.

Widersprüche und Mehrdeutigkeiten aushalten können.

Also in Grautönen zu denken statt in Schwarz und Weiß.

Um beim Beispiel von oben zu bleiben:

Sich selbst zu akzeptieren ist wichtig. Es ist sogar oft eine der großen Voraussetzungen, bevor ich mich ändern kann.

Aber eine übersteigerte Selbstakzeptanz kann auch hinderlich sein.

Zum Beispiel wenn ich mich weigere, über meine Rolle in einem Konflikt nachzudenken.

Weil ich ja richtig bin, wie ich bin. Es sind die anderen, die die Fehler machen. Nö, ich nicht.

Das ist dann zu viel „Selbstakzeptanz“.

Selbstakzeptanz kann also gut UND schlecht sein.

Kommen wir zum Gegenteil: die Selbstverbesserung.

Ja, an sich zu arbeiten ist wichtig. Da sind wir uns wahrscheinlich einig.

Denn die Welt da draußen ändert sich immer schneller. Die Welt wird anspruchsvoller.

Wer sich da nicht mit ändert und an sich arbeitet, der bleibt schnell auf der Strecke.

Aber wenn du zu hohe Ansprüche an dich stellst, machst du dich auch kaputt. Zu großer Selbstdruck macht dich dauerhaft unzufrieden und unleidlich.

Oder wie mein Qigong-Lehrer Jürgen gerade gestern zu mir gesagt hat:

Das ist die subtile Aggression der Selbstverbesserung.

Ein bisschen Selbstoptimierung ist gut. Zu viel ist schädlich.

Auch Selbstoptimierung kann also gut UND schlecht sein.

Deswegen können Selbstverbesserung und Selbstakzeptanz auch prima nebeneinander stehen.

Sie widersprechen sich nur in der Absolutheit.

Das ist wie beim Kochen. Da machst du auch oft Zucker UND Salz rein.

Ich mag mich, wie ich bin. Und es gibt noch viele Bereiche, in denen ich dazulernen kann. Wo ich besser werden kann.

Für mich persönlich widerspricht sich das nicht.

Denn als widersprüchlicher Typ kann ich auch gut mit Widersprüchen umgehen.

Ich erhebe mein Glas auf diese Welt, die immer verrückter zu werden scheint. Aber: Wir haben ja keine andere.

Ralf

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