Du bist du und ich bin ich

„Versuche niemals jemanden so zu machen, wie du selbst bist.“
– Ralph Waldo Emerson

Über dieses Zitat bin ich gerade gestolpert. Und ich finde, es passt zu dem, was ich heute schreiben möchte.

Denn sicherlich kennst du solche oder ähnliche Situationen:

Geht es dir auch manchmal so, dass du denkst, jemand sollte sich anders verhalten? Oder anders sein? Sich anders anziehen? Anders mit seinen Mitmenschen umgehen?

Und manchmal sprechen wir solche Gedanken dann ja auch aus.

Zum Beispiel

  • Du sagst deinem Partner zum wiederholten Male, dass er doch mal weniger Zeit vor dem Fernseher verbringen sollte. Weil es doch viel sinnvoller wäre, stattdessen ein Buch zu lesen.
  • Der Schreibtisch deiner Kollegin quillt bald über vor lauter Akten. Jedes Mal, wenn du daran vorbeigehst, denkst du: „Mann, bei der siehts ja aus. Muss die nicht mal aufräumen, um ihre Arbeit vernünftig zu machen?“
  • Deinem besten Freund gingen auf der Arbeit mal wieder die Pferde durch und du erwiderst, er solle doch mal nicht immer so cholerisch sein.
  • Du triffst deinen Bruder und denkst die ganze Zeit: „Muss der denn immer mit so alten Klamotten rumlaufen? Er kann sich doch echt mal was Ordentliches kaufen.“
  • Oder du meinst es nur gut und rätst deiner Schwester, sich doch endlich mal gesünder zu ernähren.

Seien wir mal ganz, ganz ehrlich. In solchen Situationen wünschen wir uns von unserem Gegenüber doch, dass er sich anders verhält, als er es jetzt gerade tut. Wir möchten, dass der andere etwas anders macht als bisher. Weil wir meinen, besser zu wissen, was gut oder schlecht für unser Gegenüber ist. Wir denken, dass sein Verhalten so nicht in Ordnung ist. Wir lehnen es vielleicht sogar ab und verurteilen dadurch unser Gegenüber. Und manchmal sprechen wir es auch aus. Ganz bewusst. Oder manchmal eben auch in blöden Sprüchen, die den anderen verletzen können. Da ist der Mund dann manchmal schneller als der Kopf.

Dabei geht es mir nicht um Situationen, in denen das Verhalten der anderen Person mit mir selbst zu tun hat. Zum Beispiel, wenn der Partner, mit dem man zusammenwohnt, ständig seine Kleidung in der Wohnung verteilt. Oder wenn meine beste Freundin andauernd ihre schlechte Laune an mir auslässt. Das sind Momente, in denen ich durchaus ansprechen kann, was mich stört. Eben weil ich davon betroffen bin.

Da gibt es aber eben auch Dinge, die gehen mich einfach nichts an. Da habe ich nicht das Recht, mich einzumischen. Zum Beispiel, wenn mir die Wohnungseinrichtung meiner Schwester überhaupt nicht gefällt. Oder wenn ich die Kinder anders erziehen würde, als es der Bekannte tut. Das sind Situationen, in denen das Verhalten des Gegenübers keine direkten Auswirkungen auf mich hat. Und deswegen steht es mir auch nicht zu, mich in diese Themen einzumischen. Außer ich werde nach meiner Meinung gefragt ;-)

Wahrscheinlich weißt du selbst ganz gut, wie solche Beispielsituationen weitergehen können, wenn man sich da einmischt. In manchen Situationen ist ein Streit quasi schon vorprogrammiert. Der andere reagiert womöglich gekränkt oder beleidigt. Vielleicht zieht sich die Freundin zurück. Oder die Kollegin zahlt es mir mit gleicher Münze heim, indem sie mich für etwas kritisiert, das sie stört. Mich selbst aber ja gar nicht.

Beziehungen können leiden, wenn wir Dinge, die uns überhaupt nichts angehen, bei anderen kommentieren oder sie ihnen vorwerfen. Auch, wenn wir „nur“ denken, „der andere könnte doch wirklich mal …“. Oder: „Wieso macht die nicht endlich mal …?“

Auch solche Gedanken können Beziehungen belasten. Sogar unsere Beziehung zu uns selbst, weil wir dem anderen gegenüber dann nicht mehr auf Augenhöhe begegnen, sondern eher von oben herab.

Ich brauche einen neuen Job!

Aber welchen? Was kann ich? Was will ich? Welcher Job passt wirklich zu mir? Wo finde ich die guten Jobs? Fragen über Fragen. Antworten findest du hier: Projekt: Traumjob.

Solche Verurteilungen können wie ein Schmierfilm sein, der eine Beziehung belastet. Ein schales Gefühl stellt sich ein. Vielleicht kommt es zum offenen Konflikt. Aber oftmals spürt der andere auch nur unterschwellig: Meine Freundin findet mich nicht in Ordnung, so wie ich bin. Sie meint, dass sie besser weiß, was gut für mich ist.

Und auch für einen selbst ist so ein Schmierfilm von Verurteilungen nicht hilfreich. Denn man nimmt sich im Extremfall damit die Chance, das Gute und Schöne in einer Beziehung und in Begegnungen in vollen Zügen zu genießen. Weil man immer wieder zu seinen verurteilenden Gedanken zurückkehrt.

Deswegen ist es eine enorme Erleichterung, wenn man andere weniger verurteilt. Und, ganz im Sinne des Zitats vom Anfang, den anderen nicht versucht, so zu machen, wie man selbst ist.

Aber wie geht das? Wie kann es gelingen, andere weniger zu verurteilen? Vielleicht sogar gar nicht erst zu denken: „Du solltest aber wirklich mal …“ Und: „Wieso kannst du nicht endlich mal …?“

Was kann ich tun, damit ich andere weniger verurteile? 

Wenn ich jemand anderen für etwas verurteile, das mich im Grunde nichts angeht, hilft es, mir selbst einen Spiegel vors Gesicht zu halten. Denn Verurteilungen haben ganz oft mit uns selbst zu tun. Denn jeder von uns hat bestimmte Werte, also Dinge, die einem selbst wichtig sind. Also bestimmte Vorstellungen darüber, was man gerne in seinem Leben haben möchten und was einem persönlich im Leben wichtig ist.

Wenn wir nun aber jemand anderen verurteilen, versuchen wir, die eigenen Werte, Wünsche und Vorstellungen auf den anderen zu übertragen. Das passiert häufig ganz automatisch. Weil man ja denkt, dass das, was einem selbst wichtig ist, auch für den anderen wichtig sein müsste. Aber das ist eben meistens nicht der Fall. Weil dem anderen ja ganz andere Dinge wichtig sein können.

Mir ist es zum Beispiel wichtig, dass ich eine gemütliche Wohnung habe, auf die ich mich abends freuen kann. Und dass ich möglichst viel Gemüse und Obst esse. Und dass ich Zeit für Sport, Partner, Natur und Freunde habe. Diese Werte und Vorstellungen sind meine eigenen. Aber anderen Menschen sind vielleicht andere Dinge wichtig. Sie haben andere Werte und Vorstellungen darüber, wie ihr Leben aussehen sollte.

Ein erster Schritt, um andere Menschen weniger zu verurteilen, ist also, Klarheit über die eigenen Werte und Vorstellungen zu bekommen. Und sich bewusst zu werden, dass jeder Mensch da unterschiedlich ist. Denn dann fällt es mir auch leichter, den anderen mit seinen Werten und Vorstellungen stehen zu lassen. Ihn nicht zu verurteilen. Sondern mir zu sagen: Das ist mir wichtig und ihm ist etwas anderes wichtig und beides ist in Ordnung.

Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich:

Wenn ich mein Gegenüber dafür verurteile, dass er mit alter Kleidung rumläuft, dann könnte das also mit meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu tun haben. Welche könnten das sein? Dahinter steckt vielleicht, dass mir ein ordentliches Aussehen wichtig ist. Oder dass mir speziell teure Kleidung wichtig ist. Oder dass es mir wichtig ist, was andere Menschen über die andere Person und mich denken. Mein Anspruch an den anderen zeigt, wie ich selbst mit meinem Aussehen umgehe. Welchen Anspruch ich selbst an den Kleidungsstil habe.

Doch die andere Person ist ja nicht man selbst. Die andere Person ist eigenständig. Sie hat ganz eigene Wünsche, Werte und Vorstellungen und trifft auf dieser Basis ihre Entscheidungen. Vielleicht läuft sie mit älterer Kleidung rum, weil sie ihr Geld lieber für andere Dinge ausgibt, die ihr wichtiger sind. Zum Beispiel für ein Hobby. Oder für Spielzeug für die eigenen Kinder. Kleidung hat für sie also keinen hohen Stellenwert.

Diesen Blick in den Spiegel wollen viele von uns am liebsten erst einmal vermeiden. Das ist auch völlig menschlich und normal. Weil man sich selbst dann ja womöglich eingesteht, dass man nur bei sich selbst etwas ändern kann und vielleicht sogar sollte. Der Bruder wird sich sicher keine anderen Klamotten kaufen und die Freundin wird sicher nicht ihre Wohnung auf Vordermann bringen, nur weil man selbst es gerne hätte.

Nur wenn ich bei mir anfange, kann sich etwas an der Situation verändern. Wenn ich aufhöre, den anderen zu verurteilen, dann wird auch in mir und in unserer Beziehung mehr innere Ruhe und Frieden einkehren.

Vielleicht hast du ja Lust bekommen, den ein oder anderen verurteilenden Gedanken einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann habe ich hier einige Reflexionsfragen für dich. Und am besten schreibst du dir die Antworten dazu auch auf. Denn dann kannst du nach einiger Zeit noch einmal zurückschauen. Und ganz konkret sehen, in welchen Beziehungen sich etwas verändert hat. Wen du vielleicht weniger verurteilst. Und welche Begegnungen du unbeschwerter genießen kannst.

Reflexionsfragen:

  1. Welchen beurteilenden Gedanken habe ich gegenüber jemand anderem gedacht? Oder vielleicht sogar ausgesprochen?
    Falls es dir nicht so leichtfällt das herauszufinden, versuche doch einmal, diesen Satz mit möglichst vielen Satzendungen zu ergänzen. So kommst du ganz leicht auf viele Ideen: Ich verurteile dich dafür, dass …
  2. Welche Werte, Wünsche und Vorstellungen spielen für mich in dieser Situation eine Rolle?
    Vervollständige dazu doch konkret diesen Satz: Mir ist nämlich wichtig, dass …
    Schreibe dabei alles auf, was dir einfällt.
  3. Welche Werte, Wünsche und Vorstellungen könnten meinem Gegenüber wichtiger sein? Warum verhält er sich so und nicht anders? 
    Ergänze dazu bitte folgenden Satz: Meinem Gegenüber hingegen könnte es wichtiger sein, …
    Schreibe auch hier wieder alles auf, was dir in den Kopf kommt.

Wenn du dir diese Fragen stellst, dann kannst du dich selbst und auch dein Gegenüber ein bisschen besser verstehen. Weil du dadurch mehr erkennst, was dir wichtig ist im Leben und warum du den anderen verurteilt hast. Und gleichzeitig lernst du auch dein Gegenüber besser kennen, weil du dir Gedanken über ihn machst. Und dich fragst, was ihm wichtig ist und ihn beschäftigt. Du kannst sein Verhalten besser nachvollziehen und brauchst es nicht mehr zu verurteilen.

So bekommst du also ein besseres Verständnis für dich selbst und für dein Gegenüber und kannst dann sagen: Du bist du und ich bin ich.

Über Barbara Pötter

Barbara Pötter ist Sozialpädagogin, Coach für psychosoziale Beratung und Schreiberin.

Nachdem sie knapp 3 Jahre bei Zeitzuleben als Redakteurin und Kursleiterin mitgewirkt hat, hat sie in Konstanz am Bodensee ihr eigenes Unternehmen aufgebaut.

Unter www.stadtlandfreund.de bietet sie nun Veranstaltungen für Menschen an, die neue Leute kennenlernen möchten und gleichzeitig die Stadt und das Umland besser erkunden wollen. Damit greift sie ein Thema auf, das sie auch hier bei Zeitzuleben aus persönlichen Erfahrungen heraus sehr beschäftigt hat und das viele Menschen in ihrem Leben immer wieder berührt.

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