Erinnerungen: Stolperstein oder Chance?

Erinnerungen: Stolperstein oder Chance?

Die Wuppertaler Schwebebahn fährt beim Zapping durchs TV-Bild, anderntags geht ein Mädchen mit puscheligen Ohrenwärmern an mir vorbei, auf dem Weg ins Büro läuft im Radio: The Cure. All das löst Erinnerungen aus.

Womöglich träume ich nachts von einem Kneipenbesuch in Wuppertals Luisenviertel, erinnere mich an mich als 14-Jährige mit Puschel-Ohrenwärmern, wie ich – hoffnungslos verknallt in Ski-Lehrer Günter – verschneite Hänge herunterfahren. Oder ich tanze für einen Moment wieder auf einer Wohnheimparty bis zum Morgengrauen … schöne Erinnerungen :-)

Ich nenne diese durch kleine Alltäglichkeiten ausgelösten Erinnerungen Pop-up-Erinnerungen. Nicht, weil sie mich an die manchmal sinnvollen und häufig so nervigen Pop-ups im Internet erinnern. Nein, weil meine Erinnerungen ähnlich wie in einem Pop-up-Buch eine plastische Gestalt annehmen, wenn sie durch einen kleinen Impuls angestoßen werden.

Kennst du das auch? Eine Kleinigkeit kreuzt deinen Weg und peng bist du in der Vergangenheit … oder vielleicht führen dich auch erst die Träume in der Nacht in die Vergangenheit.

Schöne Erinnerungen

An vielen Erinnerungen erfreue ich mich. Sie lösen Glücksgefühle, Begeisterung, nostalgische Wehmut aus. Ich begegne Erinnerungen, die mich „jung“ machen, die mich tanzen, grinsen, rot werden lassen. Oder einfach anrühren und oft sehr, sehr dankbar machen.

Ich bin froh über meine Empfänglichkeit für diese Impulse. Meistens jedenfalls.

Denn ab und zu werden auch andere Erinnerungen ausgelöst.

Unangenehme Erinnerungen

Erinnerungen, die mich rot werden lassen … vor Scham. Die mich traurig machen, alte Enttäuschungen wieder hervorkramen. Erinnerungen, die auch heute noch weh tun und schmerzhaft sein können.

„Wie gehe ich mit diesen Erinnerungen um?“, habe ich mich letztens gefragt.

Dabei ist mir aufgefallen, dass mir letztendlich auch diese leidvollen und unangenehmen Erinnerungen wichtig sind. Denn in den allermeisten Fällen habe ich einen guten Umgang mit ihnen. Einen Umgang, der mich weiterbringt, mich versöhnt, mir hilft, auch diese Erinnerungen als Bereicherung in meinem Leben zu sehen.

Ich habe beim genaueren Nachdenken fünfUmgangsweisen mit diesen eher belastenden Erinnerungen ausmachen können.

Da rein – da raus

Zugegeben: Mein Kopf funktioniert meist nicht automatisch als durchlaufender Kanal. Aber wenn ich wirklich überhaupt keine Lust auf eine negative Erinnerung habe, klappt es meist recht gut, sie schnell wieder loszulassen. Ich schlage das Pop-up-Buch sozusagen wieder zu. Das gelingt am besten, wenn ich ganz bewusst die Entscheidung treffe: Nein, damit will ich mich jetzt bestimmt nicht auseinandersetzen.

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?

Das herauszufinden ist schwer. Aber machbar. Und wenn du es herausgefunden hast, wirst du den Unterschied merken. Jeden Tag.

Finde Dinge über dich heraus, die du nicht geahnt hast: Mit dem Selbstlernprogramm: Finde deinen Kompass.

Das reicht natürlich noch nicht. Denn nur „etwas nicht denken zu wollen“ funktioniert ja nicht.

Eine Pop-up-Erinnerung tritt wieder in den Hintergrund, wenn ich mit mir etwas weitaus Besseres anzustellen weiß. Wenn ich etwas Schönes mache. Für mich: ein Buch lesen, mit einem lieben Menschen sprechen, kochen … oder schlafen.

Natürlich gibt es auch noch viele andere Möglichkeiten, einen Schnitt zu setzen und die belastenden Erinnerungen hinter sich zu lassen. Mehr dazu in “Loslassen, abhaken, vergessen”. Außerdem interessant: “Warum es wichtig ist, die Vergangenheit loszulassen”.

Ein weiterer guter Weg für den Umgang mit den Pop-up-Erinnerungen sind die Chancen, die sie mir bieten.

Chance zum Handeln

Wenn ein Impuls eine belastende Erinnerung auslöst, gibt mir das die Chance, etwas zu tun. Ich habe schon Menschen kontaktiert, mit denen noch etwas offen war, einen Brief geschrieben (den ich gar nicht abzuschicken brauche) oder endlich die Dinge ausgemistet, die ich mit dieser unangenehmen Erinnerung verbinde.

Wenn ich so mit meiner Erinnerung umgehe, nehme ich sie als Impuls, etwas abzuschließen oder voranzubringen. Ich fühle mich dann weniger ausgeliefert und merke: Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann heute, hier und jetzt anders mit dieser Vergangenheit umgehen.

Damit bin ich auch bei der nächsten Chance, die mir meine Erinnerungen schenken.

Chance zum Reflektieren

Meine Erinnerungen bieten mir die Gelegenheit, über die Vergangenheit nachzudenken. Aus ihr zu lernen. Zum Beispiel herauszufinden, was ich heute ohne diese Erfahrung nicht wüsste. Oder was an dieser Erfahrung wichtig für meine Entwicklung war. Was würde mir beispielsweise fehlen, wenn ich diese Erfahrung nicht gemacht hätte?

Das funktioniert sehr gut, wenn ich mir ein paar kluge Fragen stelle.

Zum Beispiel:

  • Was habe ich aus dieser Erfahrung Wichtiges für mein Leben gelernt?
  • Wen hätte ich ohne dieses Erlebnis nicht kennen gelernt und würde ich heute vielleicht vermissen?
  • Welche positive Entwicklung von heute wäre ohne diese Erfahrung gar nicht angestoßen worden?

Von der Reflexion über die Vergangenheit ist der Weg nicht weit in die Gegenwart. Denn auch dafür bieten Pop-up-Erinnerungen Chancen.

Chance für den Blick ins Jetzt

Meine Erinnerungen bieten mir Impulse für die Gegenwart und die Zukunft. Denn ganz oft berühren sie mich aus einem bestimmten Grund.

Vielleicht ist grad ein ganz ähnliches Thema in meinem Leben dran. Erinnere ich mich an einen Konflikt in der Vergangenheit? Daran, dass ich damals nicht genug für mich eingetreten bin? Oder daran, dass ich jemand anderem damals weh getan habe?

Gibt es eine vergleichbare Situation in der Gegenwart? Oder droht eine Situation in der Gegenwart sich in eine ähnlich unglückliche Richtung zu entwickeln?

Sehr hilfreich kann dabei auch die ein oder andere Selbstcoaching-Methode sein.

Zum Beispiel das „innere Team“. Mit dieser Methode lasse ich meine inneren Stimmen zu Wort kommen, erfahre beispielsweise, welche Aspekte für mich in einer aktuellen Situation eine Rolle spielen. Ich kann begreifen, wieso es mir so schwerfällt, mich zu entscheiden. Oder wieso ich mit einem Menschen immer wieder aneinandergerate.

Auch die „5 Säulen der Stabilität“ können mir helfen, meine aktuelle Lebenssituation in den Blick zu nehmen. Mit ihr machst du einen Check aller wichtiger Lebensbereiche. Du siehst, wo du stehst und in welchem Bereich du womöglich etwas verändern möchtest. Dies kann grad auf dem Hintergrund deiner Erinnerungen interessant sein. Es lohnt sich zu fragen: Was hat sich seit damals positiv verändert? Wo geht es mir schlechter? In welchem Bereich lohnt es sich, hinzuschauen?

Wenn ich mich mit diesen Methoden mit mir selbst auseinandersetze, begegne ich dabei häufig einer Seite, die ich oftmals freiwillig gar nicht gerne aufsuchen mag: meinen schmerzhaften Gefühlen.

Und genau dort liegt die nächste Chance, die mir meine Erinnerungen schenken.

Chance zum Fühlen

Meine Erinnerungen schenken mir die Chance zu fühlen. Traue ich mich, mich heute, mit ausreichend Abstand, meinen Gefühlen von damals zu stellen? Sie erneut zu fühlen? Sie vielleicht sogar zum ersten Mal ganz bewusst wahrzunehmen? Dann schenkt mir das Lebendigkeit, Tiefe und Kraft. Denn Gefühle wegzudrücken ist nur in Ausnahmefällen (zum Beispiel, wenns grad gar nicht passt) sinnvoll. Für immer wegschließen lohnt sich nicht. Denn weggepackte Gefühle blockieren Empfinden und Erleben. Wer schmerzhafte Gefühle zu weit wegsperrt, schneidet sich auch von den glücklichen und schönen Gefühlen ab.

Habe ich grad oder in den nächsten Stunden Zeit und Raum, mich meinen durch Erinnerungen ausgelösten Gefühlen zu stellen, versuche ich mir diese wertvolle Gelegenheit auch wirklich zu geben. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt.

Wenn du deine Gefühle erfahren möchtest, begib dich auf eine Entdeckungsreise in die Welt deiner Gefühle und übe dich darin, mit deinen Gefühlen auf gute Weise umzugehen.

Deine Erfahrungen

In Gesprächen mit anderen merke ich immer wieder, dass nicht jeder und jede diese Pop-up-Erinnerungen erlebt. Manch einer ist erstaunt über meine lebendigen Erinnerungen und wie schnell sie ausgelöst werden.

Ich treffe aber auch immer wieder Menschen, denen es ganz ähnlich geht wie mir. Und falls du so jemand bist, inspiriert dich dieser Beitrag vielleicht dazu, den Schatz deiner Erinnerungen neu zu erleben.

Schreib doch in den Kommentaren von deinem Umgang mit deinen Pop-up-Erinnerungen. Wie erlebst du sie? Wie haben sie dein Leben bereichert?

Wie findest du diesen Beitrag?
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (10)
Loading...
 

Wenn deinem Leben gerade etwas fehlt ...

Kostenlos mitmachen. Eine außergewöhnliche, unterhaltsame und inspirierende Email-Serie. Rund um die Liebe, den Lebenserfolg, Geld und die Kunst, sich selbst nicht im Weg zu stehen.

Auch interessant?

Kommentare

  • Liebe Nicole,
    vielen Dank für diesen Beitrag!
    Habe oft dieses Problem mit den Erinnerungen die mich triggern.
    Heute habe ich nachdem ich Deinen Text gelesen habe geübt bei Erinnerungen und Gefühlen die mich triggern und die ich nicht haben möchte zu sagen:” Popup!” Im Sinne von:”Mach Dich weg!”
    Das ist zwar im Original von Popup sicherlich so nicht gemeint, hat aber bei mir gut funktioniert.
    Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg! Annette

  • Großmutters Garten! In dem bin ich sofort, weil r mit Gerüchen verbunden ist, genauso ihr Haus. Sie ist seit 40 Jahren tot, ich war nur noch zweimal dort und bin sehr froh, dass es an eine Familie verkauft ist, die es wunderschön ausgebaut hat. Dieser Garten ist sowas wie eine Erdung, etwas Beständiges, an das ich mich lehnen kann, wenn mir das Leben um die Ohren fliegt. Es poppt immer auf, wenn ich etwas wie Großmutter mache – backen, Blumen pflanzen zum Beispiel. Da ist ein Geruch, der zu Hause bedeutet. Und so ist ein Zipfel Vergangenheit ein Anker für heute.

  • Grüße an dich , Nicole!
    Wenn Erinnerungen mich bewegen oder sogar Sehnsucht auslösen und ich weiß, diese Erfahrungen können nicht wieder genau so umgesetzt werden, weil die beteiligten Personen nicht nah genug sind oder die Situation anders ist, nehme ich die Teile der Erinnerung, die mir fehlt in meinem Leben und suche die passenden Umstände, die diesem Auslöser der Erinnerung am nächsten kommen und mache sie zu einem Teil meines jetztigen Lebens. Mit Personen, die ich liebe, bleibe ich in Verbindung, betone meine Empfindungen ihnen gegenüber und versuche auch hier, jene Aspekte, die gemeinsame schöne Erinnerungen geweckt haben, in angepassten Umständen aufklingen zu lassen.
    Bei Trauer freue ich mich an jenen Momenten, die mir mit dieser Person geschenkt wurde – auch wenn hier gerade zu Anfang viel Schmerz dabei ist, das Spüren eines Mangels, der nicht behoben werden kann. Nur ertragen. Und mit so viel Überschneidungen in ähnlichen Momenten, Personen, Erinnerungen erleichtert werden kann, bis die Leere erfüllt ist mit den Aspekten des Anderen, die mich zu jenem Menschen machen, der zwar nicht mehr die ganze Zeit an die verstorbene Person denkt, dafür durch die Zeit des Trauerns Teile des Anderen übernommen und sich dadurch erweitert hat. Genauso wie all jene, die Ähnlichkeiten im Äußerlichen, Eigenschaften, Umstände mit der vermissten Person haben, mein Herz berühren, ohne dass ich sie überhaupt kenne.

Deine Anmerkung zu diesem Beitrag?

Hausregeln: Wir lieben Kommentare :-) Auch kritische Anmerkungen. Solange sie respektvoll, fair, höflich und konstruktiv sind. • Und bitte, bitte, bitte kein Marketing in irgendwelcher Form (auch nicht für kostenlose Angebote) • Und bitte unter dem eigenen Namen schreiben (nicht als "Versicherungsvergleich" oder "Wasserbetten"). • Die Fotos neben den Kommentaren funktionieren übrigens über Gravatar. Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.