Helfersyndrom? Die Lebensphilosophie des Gebens und wie sie gelingen kann

Es gibt Menschen, die wirklich sehr, sehr viel geben.

Die absolut alles für die Kinder tun.

Die im Freundeskreis immer aushelfen.

Die sich einsetzen für das Gemeinwohl.

Die immer da sind, wenn ein offenes Ohr gebraucht wird. 

Richtige “Geber” also. Die immer da helfen, wo Hilfe vonnöten ist.

Vielleicht fällt dir direkt jemand ein, auf den diese Beschreibung passt.

Oder vielleicht bist du selbst so ein Mensch. 

Wenn du selbst so jemand bist, dann genießt du wirklich meinen absolut größten Respekt. 

Ohne dich wäre die Welt ein viel schlechterer Ort. Denn du bist der Kitt, der ganz vieles zusammenhält.

Aber manchmal tust du mir auch leid. 

Denn du kümmerst dich um alle anderen, aber vergisst dabei häufig dich selbst. Du opferst dich selbst auf – bis an den Rande des Burnouts. Oft liegt das vielleicht auch daran, dass du einfach schlecht nein sagen kannst …

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?

Das herauszufinden ist schwer. Aber machbar. Und wenn du es herausgefunden hast, wirst du den Unterschied merken. Jeden Tag.

Finde Dinge über dich heraus, die du nicht geahnt hast: Mit dem Selbstlernprogramm: Finde deinen Kompass.

Oftmals haben Menschen wie du vielleicht am Ende des Tages das Gefühl, es wird nicht wertgeschätzt, was sie leisten. Es wird irgendwann einfach für selbstverständlich gehalten. 

Und im schlimmsten Fall fühlst du dich einfach nur noch ausgenutzt.

  • „Bei Silke kann ich mich immer ausheulen, wenn es mir schlecht geht …“ 
  • „Daniel kannst du immer fragen, der hilft bei jedem Umzug …“ 
  • „Ach, Corinna besorgt schon das Geschenk …“ 

Kein Wunder, dass du als Mensch, der viel gibt, dich dann manchmal wie der Depp der Nation fühlst. Ausgenutzt und über den Tisch gezogen, weil du es nunmal gut meinst.

Du tust Gutes und fühlst dich danach noch nicht mal gut damit … Eigentlich ist das eine ziemlich miese Bilanz, oder?

Wäre es da nicht besser, wenn du einfach mal Arschloch sein könntest? Einfach mal die anderen den Buckel runterrutschen lassen und sie zusehen lassen, wo sie bleiben?

Es gibt sie ja, die Menschen, die sagen: „Wenn du Ellenbogen hast, dann kommst du weit im Leben. Und wenn jeder an sich selbst denkt, ist ja an alle gedacht. Also sieh zu, dass du für dich selbst sorgst. Benimm dich ruhig wie ein Arschloch, denn nur so bringst du es zu was.“

Ja, vielleicht wäre das eine Alternative.

Aber ganz ehrlich: Das bist dann auch wieder nicht du.

Dich wie ein Arsch zu benehmen, kostet dich viel mehr Kraft, als einfach anzupacken und zu helfen.

Außerdem willst du dich selbst auch nicht so verbiegen. Denn eigentlich möchtest du ja gut sein und anderen helfen.

Vom Geben und Nehmen

Alle Weltreligionen preisen ja das Geben als selige Handlung. Von dem Standpunkt aus bist du also voll auf dem richtigen Weg. 

Aber was sagt eigentlich die faktenorientierte Wissenschaft dazu? 

Ist deine Lebensphilosophie des Gebens nur gut für andere, aber schlecht für dich? Bist du als ein Geber im Vergleich wirklich immer der Dumme, der häufig ausgenutzt wird? Musst du dich damit einfach anfreunden, wenn du ein Geber bist? 

Der Organisationspsychologe Adam Grant hat u. a. genau das erforscht. 

Er hat drei unterschiedliche Stile finden können, wie Menschen in sozialen Interaktionen miteinander umgehen.

  • Typ 1 fragt sich: Was kann ich für dich tun? (Geber-Typ)
  • Typ 2 fragt sich: Was kannst du für mich tun? (Nehmer-Typ)
  • Typ 3 sagt sich: Hilfst du mir, helf ich dir. (Ausgleichender-Typ)

Die Mehrheit der Menschen verhält sich wie Typ 3, der ausgleichende Typ. 

Der Nehmer-Typ und der Geber-Typ sind quasi die Extreme auf der Skala.

Die Forschungen von Adam Grant fanden im beruflichen Umfeld statt, also in Unternehmen, Organisationen und Ausbildungsinstituten. 

Und natürlich war ein Schwerpunkt seiner Fragen dabei auch die berufliche Leistung der unterschiedlichen Typen. 

Was würdest du denken, welcher dieser drei Typen schließt in der Berufswelt wohl am schlechtesten ab? Wer ist am wenigsten produktiv, verkauft am wenigsten und schreibt die schlechtesten Noten im Studium?

Antwort: Es sind die Geber-Typen.

Nicht weiter überraschend, oder? 

Die Geber-Typen, die schlecht abgeschnitten haben, sind die Art von Ladenverkäufern, die sagen: „Ich verkaufe den Kunden unsere Schrottprodukte nicht.“ 

Oder die Art von Studenten, die sagen: „Natürlich helfe ich meinen Kommilitonen auch noch am letzten Tag vor der Prüfung, statt selbst zu lernen.“ 

Ist logisch, dass sie dadurch weniger verkaufen und weniger Zeit zum Lernen haben. 

Übertragen auf das Leben außerhalb der Berufswelt könnte man sagen: Als Geber bist du manchmal so sehr beschäftigt mit den Problemen anderer Leute, dass du deine eigenen nicht auf die Reihe kriegst. Sei es dein Ehemann, deine Kinder oder deine Mutter … ihre Probleme sind immer wichtiger als deine. 

Dieses Forschungsergebnis passt also erstmal ganz gut zur Wahrnehmung des „Wenn ich anderen helfe, stecke ich selbst dabei zurück“.

Aber das waren noch nicht die gesamten Ergebnisse … Die Überraschung kommt jetzt:

Was würdest du denken, welcher dieser drei Typen ist am erfolgreichsten in der Berufswelt?

Wenn wir beim Klischee bleiben, dann ja wohl der Nehmer-Typ, der die Ellenbogen ausfährt und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, oder?

Weit gefehlt. 

Es sind ebenfalls die Geber-Typen!

Wie kann das sein? 

Die Gruppe der Geber hat halt das breiteste Spektrum. Sie finden sich überdurchschnittlich häufig ganz oben und ganz unten auf den Leistungsskalen. Und deshalb sind es auch Geber-Typen, die am produktivsten sind, am meisten verkaufen und die besten Noten schreiben.  

Es gibt also zwei Arten von Geber-Typen. Einmal die Geber-Typen, die geben und dafür selbst zurückstecken … Und dann gibt es also noch die Geber-Typen, die geben und trotzdem ihre Sachen gut auf die Reihe bekommen und dabei erfolgreich sind.

Jetzt stellst du dir sicher auch die Frage aller Fragen: Was unterscheidet diese beiden Geber-Typen voneinander? Warum sind manche Geber so erfolgreich und andere nicht? 

Was machen die „erfolgreichen“ Geber anders als die anderen? 

Adam Grant konnte das ziemlich genau feststellen, denn er hat für seine Studien über 30.000 Menschen befragt.

Und es sind insgesamt 3 Dinge, die die „erfolgreichen“ Geber anders machen. Dinge, die sich aus der Arbeitswelt auch hervorragend in dein Privatleben übertragen lassen.

Punkt 1: Lerne, dich zu begrenzen

Als Geber musst du besonders gut acht darauf geben, nicht auszubrennen. Du bist die Risikogruppe! Weil du dich ständig selbst überforderst, wenn du erst anderen hilfst und danach auch noch deine eigenen Probleme angehen musst. Das ist manchmal einfach zu viel des Guten.

Deshalb musst du als Geber lernen, dich selbst zu begrenzen. Denn wenn es dir selbst nicht mehr gut geht, ist damit ja auch keinem anderen mehr geholfen. 

Wie geht das, wie kannst du lernen, dich selbst zu begrenzen? Zum Beispiel, indem du ein gutes Maß findest. Deine Hilfe muss nicht immer den 100 % All-inclusive-Service umfassen. Du musst nicht Mutter Teresa sein, um jemandem zu helfen. 

Was meine ich damit?

Wenn dich ein Kollege um einen Gefallen bittet, kannst du statt „Ja klar!“ auch einfach sowas sagen wie: „Ja klar, gleich hätte ich 10 Minuten Zeit, worum geht’s denn?“ Du begrenzt einfach den Zeitraum, z. B. auf 10 Minuten.

Dich bittet jemand nächsten Samstag um Hilfe beim Umzug?

Deine neue Antwort könnte lauten: „Ich helf dir gern, kann am Samstag aber höchstens für 3 Stunden dabei sein (weil …).“

Jemand möchte deine Bohrmaschine ausleihen? 

„Klar, kannst sie dir morgen hier abholen, bin bis 10 Uhr zuhause.“

Begrenzung. Du hilfst weiterhin. Aber eben nicht grenzenlos. Und vor allem nicht mehr, als du selbst kannst. Um dich selbst zu schützen. 

So machen es die erfolgreichen Geber. Sie begrenzen sich und achten auf sich selbst, wenn sie anderen helfen.

Probier es mal aus. Ich selbst mache immer wieder die Erfahrung, dass das vollkommen o. k. so ist, und jeder freut sich vor allem darüber, dass du überhaupt hilfst! 

Punkt 2: Auch du darfst Hilfe empfangen

Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. 

Viele Geber können gut geben, aber nicht so gut empfangen.

Die „erfolgreichen“ Geber hingegen trauen sich, andere auch um Hilfe oder einen Gefallen zu bitten. 

Das ist ein Merkmal, das sie ganz wesentlich unterscheidet von allen anderen Gebern. Sie können Hilfe annehmen.

Hilfe annehmen ist ja für viele Menschen ein Problem. 

Insbesondere für dich als Geber sollte das aber eigentlich nicht so sein, da du ja den anderen auch viel hilfst.

Warum aber ist das für viele Menschen so ein großes Problem, andere um einen Gefallen zu bitten und Hilfe anzunehmen? 

Die typischen Ängste, die uns davon abhalten, um Hilfe zu bitten, sind:

  • Ich will nicht hilfsbedürftig oder schwach wirken.
  • Ich will anderen nicht zur Last fallen.
  • Ich habe Angst vor Ablehnung.

Natürlich, um Hilfe bitten ist fast immer ein bisschen unangenehm. 

Aber diese Sorgen finden zuerst mal nur in deinem Kopf statt … Als Geber wirst du überrascht sein, wie viele Menschen hilfsbereit sind und dir gerne zurückgeben, wenn du mal Hilfe brauchst. 

Aus Angst vor Ablehnung nicht zu fragen, ist keine gute Strategie für dein Leben. Menschen, die in der Lage sind, um Hilfe zu bitten, zeigen sich selbst dabei verletzlich und führen mit dieser Einstellung auch ein erfüllteres Leben.

Sich also verletzlich zu zeigen und dafür das Risiko einzugehen, evtl. auch mal ein „Nein“ zu hören, ist definitiv der bessere Weg. 

Du kannst dich Schritt für Schritt daran gewöhnen. Und ein normales Verhältnis zum Empfangen entwickeln.

Üb das doch mal im Kleinen. Bitte andere ab und an mal um einen ganz kleinen Gefallen, um dich mit kleinen Schritten daran zu gewöhnen.

Und wenn du selbst jemanden um einen Gefallen bittest, frage ihn am besten persönlich und nicht telefonisch oder in einer Kurznachricht. 

Danach sagst du von Herzen „Danke“. 

Übe das. Es ist nämlich ganz wichtig, dass du den anderen auch mal die Möglichkeit gibst, dir etwas zurückzugeben.

Punkt 3: Meide Nehmer-Typen in deinem Umfeld, so gut du kannst

Adam Grant hat in seiner Forschung nachgewiesen, dass die Nehmer-Typen zwar auch ihre Qualitäten haben … sie für Gruppen und Teams allerdings Gift sind. 

Sie sorgen dafür, dass die Geber sich ausgenutzt fühlen und irgendwann nicht mehr geben wollen.  

All das, was für dein Arbeitsumfeld gilt, gilt in diesem Fall umso mehr für deine Freizeit: Gib dich in Familie, Freundes- und Bekanntenkreis möglichst wenig mit dem Nehmer-Typ ab. Sie nutzen deinen „Schwachpunkt“ und guten Willen maximal aus. Für dich werden sie zu einem Fass ohne Boden.

Wenn du also das Gefühl hast, eine Person nutzt dich nur aus, dann kannst du hier ganz ohne schlechtes Gewissen eine Grenze ziehen. Du musst nicht jeder Person helfen. Du darfst nein sagen. Du darfst dich selbst begrenzen (s. Punkt 1). 

Woher weißt du, ob du einem Nehmer-Typ gegenüberstehst? Du kannst den Praxistest durchführen und die Person um einen Gefallen bitten (s. Punkt 2). Wenn die Person dir mehrfach Gefallen verweigert, dann mag sie dich entweder nicht … Oder sie ist wahrscheinlich ein Nehmer-Typ.

Die Nehmer-Typen zu vermeiden, vereinfacht dein Leben ganz enorm. Weil du dir jetzt nicht mehr Gedanken darüber zu machen brauchst, ob dich jemand nur ausnutzt oder nicht. Und ob deine Lebensphilosophie womöglich falsch ist oder dergleichen …

Denn die anderen Geber geben gern zurück. Und die Ausgleichenden geben dir auch etwas zurück, wenn du ihnen schon mal einen Gefallen getan hast.

Die Lebensphilosophie des Gebens als Erfolgsmodell 

Die Forschung von Adam Grant hat bewiesen: Als Geber musst du nicht automatisch der Gelackmeierte sein, der von anderen nur belächelt und ausgenutzt wird und am Ende selbst noch mit seiner Rolle hadert.

Denn wenn du in dem ja eher konkurrenzbetonten Arbeitsumfeld als Geber ganz vorn mit dabei sein kannst, dann hat diese Lebensphilosophie auch im Privatleben viele Vorteile für dich. Und vor allem auch für dein gesamtes Umfeld …

Denn alle Organisationen, die Adam Grant untersucht hat, hatten eines gemeinsam: Je mehr die Geber sich in ihrem Verhalten frei entfalten konnten, desto besser hat die gesamte Organisation im Vergleich abgeschnitten: mehr Gewinn, mehr Kundenzufriedenheit, mehr Mitarbeiterzufriedenheit. 

Und das Gleiche gilt natürlich nicht nur für Unternehmen. Es lässt sich auch übertragen auf Vereine, Freundescliquen und Familien.

Fazit: Das Leben als Geber bietet viele Chancen

Die Lebensphilosophie des Gebens ist also nicht von Nachteil für dich. Es ist, wie so häufig, das, was du daraus machst … Die 3 wichtigsten Tipps, damit es dir als Geber damit auch gut geht, kennst du ja jetzt.

Sollen dich andere ruhig belächeln als Mensch mit Helfersyndrom, als Gutmensch. Aber als Geber bist du sehr wichtig für alle Gruppen, Teams, Organisationen und für unsere gesamte Gesellschaft. 

Und für dich selbst kannst du als Geber deine Beziehungen auch so gestalten, dass du dich nicht ausgenutzt fühlst. Sondern selbst auch ganz viel zurückbekommst.

Diese Forschungsergebnisse von Adam Grant in die Welt zu bringen, das ist mir ein Anliegen. Weil ich dich als Geber dazu ermutigen möchte, weiter derjenige zu sein, der du bist. Und weiter so zu handeln, wie du handelst. Und zwar ohne dein Handeln zu bereuen, in Frage zu stellen oder dich darüber zu ärgern. Oder dir zu wünschen, mehr Arschloch zu sein … Denn du bist gut und richtig und wichtig, genau so, wie du bist. 

Und wenn du selbst jemanden kennst, der so ein selbstloser Geber-Typ ist, dann teile diesen Beitrag doch noch mit ihm/ihr und sage auf diesem Wege einfach mal „Danke“ ;-)

Wie viele Sterne bekommt der Beitrag von dir?
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (114)
Loading...
 

Teilen macht Freude und Freunde:

 

Wenn deinem Leben gerade etwas fehlt ...

Kostenlos mitmachen. Eine außergewöhnliche, unterhaltsame und inspirierende Email-Serie. Rund um die Liebe, den Lebenserfolg, Geld und die Kunst, sich selbst nicht im Weg zu stehen.