Im Portrait: Die Methode des Voice Dialogue

“Voice Dialogue” heißt übersetzt so viel wie “Dialog der Stimmen”. Gemeint sind Stimmen in uns selbst.

Nach dem Ansatz des Voice Dialogue sind wir nämlich nicht nur eine Person, sondern haben über die Zeit in uns ganz verschiedene einzelne Personen ausgebildet. Diese inneren Personen kennenzulernen, ist ein faszinierendes Erlebnis und wir lernen auf diese Weise viel über uns selbst.

Sind wir alle persönlichkeits-gespalten?

Wer das mit den inneren Stimmen zum ersten Mal liest, bekommt vielleicht den Eindruck, dass uns hier so etwas wie die Krankheit der Persönlichkeitsspaltung eingeredet werden soll. Weit gefehlt! Es geht hier weder um eine krankhafte Störung, noch darum Ihnen etwas einzureden. Es geht viel mehr um ein wundervolles Modell, das es uns ermöglicht, uns selbst besser kennen zu lernen und viel versöhnlicher mit uns selbst umzugehen.

Die Begründer Hal und Sidra Stone

Entwickelt wurde die Methode von dem amerikanischen Psychologen-Ehepaar Hal und Sidra Stone. Es war Hal Stone, der einem intuitiven Gespür folgend eines Tages seiner Frau einige Fragen stellten, auf die dann plötzlich nicht mehr Sidra zu antworten schien, sondern jemand anders – eine andere Person in Sidra. Diesem Phänomen gingen die beiden nach und entdeckten so, dass wir ganz unterschiedliche Personen in uns haben.

Personen in uns

Sie können sich das mit den inneren Personen ruhig bildlich vorstellen – in der Regel haben wir, wenn wir uns auf das Modell einlassen, sehr schnell eine konkrete Vorstellung von einigen Personen in uns. Da können z.B. strenge Personen in uns sein, wie ein Perfektionist oder ein Antreiber, die dafür sorgen, dass wir leistungsfähig sind. Dann gibt es auch ganz weiche Anteile, wie z.B. eine fürsorgliche Person, die immer darauf achtet, dass es allen gut geht. Die Art der Personen in uns ist für jeden von uns ganz verschieden und es ist faszinierend und erhellend, die Personen in uns selbst entdecken. Sie können sich mit der Zeit regelrechte Landschaften der Zusammenstellung Ihrer inneren Personen erstellen und sich selbst so sehr intensiv kennen lernen.

Psychotherapeut und Buchautor Artho Wittemann arbeitet seit Jahren mit der Methode des Voice Dialogue. In dem folgenden Artikel stellt er Ihnen das Prinzip und auch die Anwendung des Voice Dialogue vor.

von  Artho Wittemann

Stellen Sie sich bitte für einen Moment etwas Merkwürdiges vor: Stellen Sie sich bitte einen Förster vor, der nicht weiß, dass es Bäume gibt. Er geht in den Wald und sieht viele Blätter, Stämme, Äste, Wurzeln und Blüten. Er kennt sie und liebt sie und versucht, sie zu pflegen. Aber er begreift nicht, wie sie zusammengehören. Er sieht die Bäume einfach nicht.

“Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft”

Novalis

So geht es uns, wenn wir versuchen, die menschliche Psyche zu verstehen. Wir sehen eine unglaubliche Vielfalt an Gedanken, Gefühlen und Impulsen, aber wir verstehen nicht genau, wie sie zusammengehören.

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Chaotische Komplexität

Wo immer wir hinblicken in der Natur, sehen wir komplexe Einheiten, die aus den unterschiedlichsten Materialien zusammengesetzt sind. Beim Baum zum Beispiel, finden wir Laub, Holz und den Saft, der durch seine Adern fließt. Wenn wir diesen Baum nun näher betrachten, entdecken wir auch, dass sich sein Bild in vielen kleinen Teilen wiederholt: Wir sehen Äste, die für sich betrachtet dem ganzen Baum sehr ähnlich sehen. An den Ästen sind Zweige, die wieder eine ähnliche Struktur haben. Sogar die Adern der Blätter weisen eine ähnliche Form auf, wie der Baum.

Aber nicht nur Form und Struktur sind ähnlich, sondern auch Material und Funktion. In der Chaos-Theorie heißt dieses Phänomen “Selbst-Ähnlichkeit”. Wenn man es erst einmal kennt, kann man es überall in der Natur entdecken: In den Bergen, in den Wolken, im Wasser… und in der Psyche des Menschen.

Die Muster erkennen

Aber zurück zu unserem Wald! Unser Förster hat einen Geistesblitz: Plötzlich sieht er, dass dieses Durcheinander aus Laub und Holz und Wurzeln eine Ordnung hat. Er erkennt, dass die schmalen, dünnen Blätter zu dem einen Stamm gehören, und die festen runden Blätter zu dem Stamm daneben. Er weiß auf einmal, wie alles zusammengehört! Er sieht die Bäume.

Jetzt betrachtet er die kranken Blätter, die ihm so viele Sorgen machten, mit neuen Augen. Es dämmert ihm, dass es keinen Sinn hat, sie abzuzupfen. Er muss sich um die kranken Wurzeln kümmern. Aber nicht um alle Wurzeln, sondern nur um die des kranken Baumes! Voller Freude macht er sich an die Arbeit.

Vom Überlebenswillen der einzelnen Teile

Jeder einzelne Baum im Wald hat aus sich heraus den Willen zu sein und zu wachsen. So entsteht, ganz von alleine, der Wald. In gleicher Weise besteht die Psyche aus Einheiten, die aus sich heraus den Willen haben, zu sein und zu wachsen. Jede einzelne dieser Einheiten kann sich über Gefühle, Bilder, Symbole und Gedanken ausdrücken; das macht sie, in viel größerem Maße als Bäume, zu außerordentlich vielseitigen, komplexen Erscheinungen. Diese Einheiten nennen wir die Inneren Personen.

Sie besitzen die beiden wichtigsten Merkmale der Gesamtpersönlichkeit: Den Willen zu leben und die Komplexität der menschlichen Psyche.

Von den Personen, die in uns sind

Wie auf der ganzen Erde ist die Natur auch in der menschlichen Psyche enorm kreativ und verschwenderisch: In jedem von uns lebt eine überwältigende Vielzahl der unterschiedlichsten Gestalten.

Aber wie in der Natur gilt auch in der Psyche zunächst das Gesetz des Stärkeren: Eine kleine Gruppe setzt sich früh in unserem Leben durch, reißt die Macht an sich und bildet die Innere Regierung.

Jedes Mitglied dieser Gruppe trägt ein kleines Namensschild, auf dem “Ich” steht. Manche arbeiten zusammen, andere konkurrieren miteinander, es gibt Generäle und folgsame Diener. Jeder glaubt zu wissen, was am besten für uns ist, und wie wir am sichersten durch´s Leben kommen.

“Ich” ist das, was gerade regiert

Diese Regierungsclique, die wir “ich” nennen, ist in jedem Menschen anders zusammengesetzt. Während der eine auf das Kommando hört, “still und unauffällig zu bleiben”, und das auch meisterlich umzusetzen weiß, wird dem anderen etwa befohlen, seinen Platz in der Welt mit Offenheit und freundlicher Zugewandtheit zu behaupten.

So unterschiedlich diese beiden Regierungen auch arbeiten, haben sie doch eins gemeinsam: Sie wollen an der Macht bleiben, und müssen daher ihr Gegenteil bekämpfen.

© bei Artho Wittemann, Institut für IndividualSystemik
www.individualsystemik.de

Denken Sie bitte für einen Moment an eine Person, die Sie wirklich nicht leiden können. Was genau können Sie nicht leiden? Ist Ihnen die Person zu dominant, zu aggressiv und rücksichtslos, oder zu schüchtern, unbeholfen oder tapsig? Finden Sie ein Wort, das ihren Fehler treffend beschreibt.

Wir behaupten: Es lebt jemand in Ihnen, ein Mitglied Ihrer Inneren Regierung, der auf keinen Fall will, dass Sie so werden. Er will, dass Sie das Gegenteil bleiben. Mit dieser Person können Sie sprechen. Nicht als Phantasie, sondern ganz real.

Lernen Sie Ihre Inneren Personen kennen

Das ist die Kunst von Voice Dialogue: Sie lernen das System Ihrer Inneren Personen kennen.

Wir beginnen immer mit der Regierung. Person für Person lernen Sie die Anführer und Gesetzgeber und die Diener und Ausführenden kennen.

Ein Beispiel

Markus ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er möchte sich Ihnen hier kurz vorstellen, hat aber wie immer wenig Zeit. (Er bittet Sie daher, jetzt etwas schneller zu lesen). Er hat im Büro einen Kollegen, der etwas bedächtig ist. Markus nennt ihn “die Schnecke”.

Wer, meinen Sie, ist ein wichtiges Mitglied in Markus` Innerer Regierung? Sein Antreiber – genau.

Als wir Markus in einer Voice-Dialogue-Sitzung fragen, wo sich sein Antreiber im Raum aufhalten würde, wenn er nicht in ihm wäre, antwortet er intuitiv und ohne zu zögern: “Der steht hinter mir”.

Markus stellt sich auf den Platz, wo er den Antreiber gespürt hat und erlebt eine Veränderung seiner Wahrnehmung. Er fühlt sich kräftig, unter Spannung, ungeduldig. Die Energie des Antreibers ergreift Besitz von ihm. Wir können einen Dialog beginnen.

Ein Dialog beginnt

Begleiter: “Guten Tag. Darf ich fragen, was du da machst, hinter Markus?”

Antreiber: ” Ich schiebe ihn an!”

Begleiter: “Wie machst du das?”

Antreiber:” Ich mache ihn ungeduldig. Ich gebe ihm das Gefühl, keine Zeit zu haben. Und ich bete ihm die Liste vor mit all den Dingen, die er noch nicht getan hat!”

Begleiter: “Was steht denn ganz oben auf deiner Liste?”

Antreiber: “Der Beruf! Ich will, dass er erfolgreich ist, deshalb muss er immer auf Zack sein, immer wach und bereit. Briefe und Anrufe müssen sofort beantwortet werden; er muss immer zur Verfügung stehen, egal, wie spät es ist. Zeit spielt für mich keine Rolle. Er muss Kontakte pflegen, neue Ideen entwickeln, Bescheid wissen, was läuft. Er muss Fachzeitschriften und Bücher lesen. Und dann ist da natürlich noch die Familie. Und Entspannung ist wichtig!”

Begleiter: “Entspannung?”

Antreiber: “Ja, natürlich, ich schicke ihn einmal die Woche zum Yoga. Nur ein entspannter Geist ist fit und innovativ!”

Die Weiterführung des Dialogs

Der Dialog mit dem Antreiber vertieft sich. Markus identifiziert sich immer mehr mit diesem speziellen Energiemuster, das ihn ja schon so lange bestimmt. Nach einiger Zeit vergisst er sogar, dass er in einer Voice-Dialogue-Sitzung ist. Er wird zum Antreiber. Leidenschaftlich preist er die Vorteile von Effektivität, Schnelligkeit und Erfolg. Er beschreibt, wie er Markus bereits in den ersten Schuljahren zu Bestleistungen verholfen hat, wie stolz die Eltern auf Markus waren.

Doch dann schlägt die Stimmung auf einmal um.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes

“Was wäre denn aus Markus geworden, wenn du nicht gewesen wärst?” hat der Begleiter eben gefragt.

Dem Antreiber steigen die Tränen in die Augen. Er erinnert sich an den kleinen, verträumten Bub, der mit großen, fragenden Augen dem Vater hinterherläuft. Ein Bild taucht auf, wie der kleine Markus allein auf dem Dachboden spielt. Ein Gefühl von Verlorenheit, das er schon sehr lange nicht mehr geschmeckt hat, erfasst ihn.

“Er wäre verloren gewesen!” schluchzt der Antreiber. “Sie hätten ihn fallengelassen!”

Er gibt sich seiner Trauer hin, weint wie ein Vater, der sein eigenes Kind verloren hat.

“Du musst ihn sehr lieb haben, den kleinen Markus”, sagt der Begleiter.

Der Antreiber nickt. “Ja, ich liebe ihn. Ich wollte ihm doch nur helfen.”

Nach einiger Zeit lässt der Begleiter das Gespräch mit dem Antreiber ausklingen. Er bittet Markus, sich wieder auf den Stuhl zu setzen, hinter dem er stand.

Die Sitzung zusammengefasst

Der Begleiter erklärt Markus einige wichtige Punkte zu der Sitzung: “Es sind drei wichtige Dinge passiert:

  1. Zunächst hast du erlebt, wie sich die Energie des Antreibers anfühlt und äußert. Du hast es im Körper gespürt, du hast seinen Enthusiasmus gefühlt, du hast seine Worte gehört.Dann hast du erlebt, warum er das alles tut.
  2. Du hast seine Liebe und Sorge um den kleinen, verträumten Jungen in dir gesehen. Genau diese Liebe ist der Motor für sein unerbittliches Antreiben. Er wollte unbedingt vermeiden, dass du die Verlorenheit des kleinen Jungen noch einmal erleben musst. Aber er hatte vergessen, warum er das alles tat. Jetzt hat er sich erinnert.
  3. Und als drittes: Du hast dich jetzt ein Stück vom Antreiber gelöst. Vor der Sitzung hättest du gesagt: “Ich möchte immer alles sofort erledigen.” Jetzt weißt du, dass es ein Teil von dir ist, der das will, ein Teil, der keine Rücksicht darauf nimmt, was das Gegenteil von ihm, der kleine Junge und vielleicht auch der Faulenzer in dir wollen.”

Das bewusste Ich

Die Instanz, die sich von einer Hauptstimme löst, nennen wir das “Bewusste Ich”. Das Bewusste Ich ist nicht mehr mit dem Antreiber identifiziert. Wenn es, vielleicht in einer nächsten Sitzung, den kleinen Jungen oder das Faultier in Markus kennen lernt, beginnt es, eine echte Wahlfreiheit zu genießen. Dann fällt die Entscheidung nicht mehr nach dem Gesetz des Stärkeren, sondern aus der Freiheit, zwischen zwei Möglichkeiten frei zu wählen.

Dann entwickelt sich eine neue innere Ordnung: Jede Kraft bekommt ihren Platz im System. Das Bewusste Ich wird in wachsendem Maße fähig, Gegensätze zu halten und anzunehmen. Das Chaos und der Krieg im Inneren können zu einem Miteinander werden.

Was die Methode des Voice Dialogue möglich macht

Tipp

Achten Sie doch einfach ab sofort im Alltag darauf, ob Sie erkennen können, “wer” da in Ihnen in bestimmten Momenten aktiv wird. Wer z.B. ist schnell reizbar? Was für eine Person ist das in Ihnen, die Sie vielleicht ständig kritisiert? Und gibt es vielleicht jemanden in Ihnen, der gerne Witze macht und im Rampenlicht steht? Schreiben Sie sich ruhig auf, wen Sie da so entdecken – mit der Zeit wird das Bild dann immer vollständiger.

Mit dieser Methode können wir unsere innere Landschaft Stück für Stück erforschen und klären. Wir brauchen nicht unbedingt ein großes Problem zu haben; Neugierde und Lust auf Entdeckung genügen. Dann tut sich vor unseren Augen ein unglaublich dynamisches, vernetztes und letzten Endes immer auch sinnvolles System auf, das von Liebe getragen ist.

Ein System, das aus triebhaften, emotionalen, symbolischen, intellektuellen und spirituellen Energiemustern besteht, die alle darauf warten, entdeckt zu werden. Wir finden die Kräfte, die schon lange bestimmen, wer wir sind und die, die von genau diesen Kräften unterdrückt wurden, weil sie das Gegenteil wollten. Wir beginnen auch zu verstehen, warum wir uns so entwickeln mussten.

Voice Dialogue ist keine eigenständige Therapierichtung. Es ist ein Werkzeug, das sich leicht in alle bestehenden Methoden integrieren lässt, und diese unterstützt und erweitert. Es ist eine Einladung – gerade auch an Therapeuten und alle, die mit Menschen arbeiten – Menschsein zu verstehen und zu fördern.

Literatur zum Thema:

© bei Artho Wittemann, Institut für IndividualSystemik
www.individualsystemik.de

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