Interview: Bauchentscheidungen und die Macht der Intuition

Wir müssen in unserem Leben ständig Entscheidungen treffen: Ob es nun ganz banal die allmorgendliche Kleidungsfrage ist, die Entscheidung, was wir am Wochenende unternehmen, oder eine so gravierende Entscheidung, wie z. B. eine Familie zu gründen. Ständig wägen wir ab, stellen pro und kontra einander gegenüber und kommen dann im besten Fall auch zu einer Entscheidung.

Aber manchmal geht es auch ganz schnell, ohne kompliziertes Abwägen. Und ab und zu treffen wir sogar eine Entscheidung, die eigentlich gegen unsere Berechnungen von Für und Wider spricht.

Über genau diese Art von Entscheidungen haben wir ein kurzes Interview mit einem echten Experten geführt: Prof. Dr. Gigerenzer ist der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. soziale Intelligenz, Risikoverhalten und Entscheidungstheorie. Und sein Buch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ kann man als Plädoyer verstehen, öfter mal auf seinen Bauch zu hören und seiner Intuition zu folgen. Also fragen wir den Experten …

Herr Prof. Dr. Gigerenzer, was ist denn nun genau Intuition?

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer:

Intuition ist gefühltes Wissen. Ein Gefühl, das sich durch 3 Dinge auszeichnet:

  1. Es ist sehr schnell im Bewusstsein,
  2. Wir wissen nicht, warum dieses Bauchgefühl plötzlich da ist, und
  3. Es lenkt viele Entscheidungen in unserem Leben.

Intuition ist unbewusste Intelligenz und sagt uns, was wir machen sollen.

Ist es denn Zufall, wenn eine intuitive Entscheidung gut und richtig war?

 

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer:

Nein, keineswegs. Intuitive Entscheidungen führen verblüffend oft zu genauso guten Ergebnissen wie rationale Entscheidungen.

Wenn wir zu 100 % rational entscheiden möchten und ganz sichergehen möchten, dass die Entscheidung richtig ist, dann müssten wir ja alle Faktoren in unsere Entscheidung einbeziehen. Das ist mit unserem begrenzten Verstand und auch mit unserer begrenzten Zeit aber gar nicht möglich. Dazu kommen die Einflüsse unserer Umwelt, die unberechenbar sind.

Zwei Beispiele:

Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten sich zwischen zwei Männern entscheiden. Sie könnten jetzt für beide Männer eine Liste erstellen, mit Pro und Kontra, könnten diese einzelnen Gründe gewichten und am Ende schauen, welcher der beiden Männer „gewonnen hat“. Aber können Sie diese Fakten mit Sicherheit sagen? Und können Sie voraussehen, wie dieser Mann dann in Zukunft tatsächlich sein wird? Wenn z. B. Treue ein wichtiger Faktor war, der dazu geführt hat, dass dieser Mann gewonnen hat, wer sagt Ihnen, dass er auch in Zukunft treu sein wird?

Wenn Sie in Ihrer Firma aufgrund der Zahlen und Fakten, die Ihnen vorliegen, entschieden haben, einen bestimmten Kurs zu fahren, damit die Umsatzzahlen besser werden: Können Sie denn sicher voraussagen, wie sich der Markt entwickeln wird, und entsprechend, ob durch diese Entscheidung die Umsätze wirklich steigen werden? Vermutlich nicht.

Eine Entscheidung basiert zumeist nur auf einem guten Halbwissen. Die Intuition, die eine Art unbewusste Intelligenz ist, kann uns gerade dann ein guter Wegweiser sein.

Gute Entscheidung = Gutes Leben

Eine gute Entscheidung ist eine Wahl, die du hinterher nicht bereuen musst. Mit Herz und Verstand. Systematisch. Alles Wichtige berücksichtigen. Deine Entscheidung in 7 Tagen.

Ein Beispiel aus meinem Buch “Bauchentscheidungen” verdeutlicht: Manchmal ist weniger mehr.

Welche Stadt hat mehr Einwohner: Detroit oder Milwaukee?

Wenn Sie diese Frage einmal in Ihrem Bekanntenkreis stellen, dann werden vermutlich die meisten Ihrer Bekannten sagen, dass Detroit die Stadt ist, die mehr Einwohner hat. Und das ist vollkommen richtig. Aber sicherlich kann Ihnen keiner Ihrer Bekannten die genaue Anzahl der Bewohner einer dieser Städte nennen. Sie entscheiden intuitiv.

Herr Prof. Gigerenzer hat diese Frage zusammen mit einem Kollegen in einer Studie zunächst amerikanischen Studenten vorgelegt, dann deutschen Studenten. Die amerikanischen Studenten hatten zu 60 % die richtige Antwort gegeben. Bei den deutschen Studenten haben fast alle richtig geantwortet.

Aber warum „wussten“ es die deutschen Studenten besser?

Das Grundprinzip der Intuition besteht meiner Ansicht nach aus zwei Elementen:

  1. aus einfachen Faustregeln.
    Das sind Regeln, die uns nicht immer bewusst sind, die sich aber über lange Zeit bewährt haben.
  2. aus evolvierten Fähigkeiten.
    Das sind Fähigkeiten, die auf unserer evolutionären Erfahrung basieren: das Wiedererkennungsgedächtnis, Nachahmung, Sprache usw.

Den amerikanischen Studenten waren beide Städte bekannt und sie hatten viel mehr Informationen über Milwaukee und Detroit.

Den meisten deutschen Studenten war nur Detroit ein Begriff. Sie haben von Detroit schon einmal gehört. Milwaukee war kaum einem der deutschen Studenten bekannt.

Deshalb mussten sich die deutschen intuitiv entscheiden. Und dieser Intuition lag folgende Faustregel zu Grunde: Halte dich an das, was du kennst.

Auf das Beispiel angewandt, bedeutete das für die deutschen Studenten: „Wenn du den Namen der einen Stadt, aber nicht den der anderen Stadt wiedererkennst, dann schließe daraus, dass die wiedererkannte Stadt mehr Einwohner hat.“ Weil wir Menschen im Laufe der Evolution ein Wiedererkennungsgedächtnis (evolvierte Fähigkeit) aufgebaut haben, können wir diese Faustregel nutzen.

Letztlich wussten die amerikanischen Studenten zu viel, um die oben vorgestellte Faustregel anzuwenden. Beide Städte wurden wiedererkannt, nicht nur eine. Und so mussten sie die Informationen, die sie über beide Städte hatten, abwägen und eine Entscheidung treffen.

Intuition ist eben eine andere Art von Intelligenz: Sie zieht ihre Schlüsse aus Faustregeln, die sich im Laufe der Evolution bewährt haben: „Halte dich an das, was du kennst“, „Mach das, was das letzte Mal erfolgreich war“, „Ein einziger guter Grund reicht“.

Lässt sich Intuition trainieren?

 

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer:

Natürlich. Indem wir lernen, unserer Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln zu vertrauen, aber auch lernen, wann wir ihr vertrauen können.

Es gibt Menschen, denen fallen die kleinsten Entscheidungen sehr schwer. Weil sie nach der perfekten Lösung suchen. Sie handeln entsprechend nicht intuitiv. Diese Menschen nennt man Maximierer.

Wenn ein Maximierer die perfekte Hose finden möchte, dann möchte er jede einzelne Hose, die im Geschäft ist, anprobieren. Alle Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Und in den nächsten Laden gehen und dort auch noch jede einzelne Hose anprobieren und diese dann miteinander vergleichen.

Und selbst, wenn er sich dann mal entschieden hat: Er weiß, dass es noch etliche Millionen anderer Hosen gibt, und wird niemals so richtig zufrieden mit seiner Entscheidung sein. Weil er eben nicht sicher sein kann, dass es die richtige Entscheidung war.

Maximierer zappen so lange durch das Fernsehprogramm auf der Suche nach der Sendung, die gerade die beste ist, bis sie am Ende gar nichts richtig gesehen haben.

Dem entgegen stehen die Satisficer. Satisficer nennt man diejenigen, die ihre Suche begrenzen und sich schnell mit der ersten Möglichkeit zufriedengeben, die „gut genug“ ist.

Wenn eine Hose passt und hübsch ist, dann nehmen sie diese – und es ist ihnen egal, ob es irgendwo auf der Welt noch eine Hose gibt, die besser ist. Und wenn sie den Fernseher anschalten und ein Programm finden, das ihnen interessant erscheint, dann geben sie sich damit zufrieden.

Satisficer handeln hier intuitiv – nämlich nach der Faustregel „Take the best“: Ein einziger guter Grund reicht.

Und genau hier lässt sich Intuition trainieren. Suchen Sie nach dem einen guten Grund. Fangen Sie bei kleinen Entscheidungen an, wie z. B. dem Hosenkauf, und hören Sie auf zu suchen, wenn Sie den einen guten Grund gefunden haben, der für ein Modell spricht. Hören Sie dann einfach auf, weiterzusuchen.

Geben Sie sich beim Fernsehen nicht stundenlang dem Zappen hin, sondern finden Sie den einen guten Grund, der für die eine Sendung und gegen die andere Sendung spricht, und dann bleiben Sie dabei.

Trainieren Sie Ihre Bauchentscheidungen also ruhig erst mal an den unbedeutsamen Kleinigkeiten. So können Sie lernen, ein Gespür für Ihr Bauchgefühl zu bekommen. Und auch, dass Sie Ihren Bauchentscheidungen vertrauen können.

Übrigens hat es noch weitere Auswirkungen, wenn Sie es schaffen, von einem Maximierer zu einem Satisficer zu werden. In einer Studie konnte man auch feststellen, dass Maximierer oftmals an Depression, Perfektionismus, Reue und Selbstvorwürfen leiden. Satisficer sind hingegen optimistischer, haben eine höhere Selbstachtung und sind zufriedener mit ihrem Leben.

Würden Sie denn grundsätzlich jedem empfehlen, immer aufgrund eines Bauchgefühls zu entscheiden?

 

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer:

Nein. Man muss lernen, wann man sich auf sein Gefühl verlassen kann, und wann man besser nachdenkt.

Zum einen kann nicht jeder aufgrund eines Bauchgefühls entscheiden. Ein gesundes Halbwissen ist gut für intuitive Entscheidungen, richtig. Aber wer kein Wissen hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen – vermutlich wird er überhaupt keine intuitive Eingebung bekommen.

Am besten sind intuitive Entscheidungen, die von Menschen mit großer Erfahrung gefällt werden. Zum Beispiel von einem Manager, der eine berufliche Entscheidung treffen muss. Er hat genug berufliches Wissen verinnerlicht, um wichtige Entscheidungen intuitiv zu treffen.

Außerdem muss man zwischen guten und schlechten Intuitionen unterscheiden.

Als man vor vielen Jahrhunderten noch in kleinen Gruppen lebte, war der Tod eines einzelnen Mitglieds bedrohlich für die gesamte Gruppe. Diese Angst hat bis heute überlebt: Überall dort, wo viele Menschen sterben könnten, greift der Angstmechanismus von damals. Alltägliche Risiken werden hingegen oftmals unterschätzt.

So ist auch eine Angst, wie z. B. Flugangst, eine Form von Intuition. Eine unbewusste Intelligenz, die uns vor Risiken warnen möchte.

Diese Flugangst ist aber sozusagen eine Art schlechte Intuition, weil sie auf Wissen basiert, das heute überholt ist, mitunter auch falsch. Nämlich, dass das Fliegen ein großes Risiko ist, weil bei einem Absturz viele Menschen sterben können. Diese schlechte Intuition lässt außer Acht, dass es statistisch gesehen ungefährlicher ist, mit einem Flugzeug zu fliegen, als zum Beispiel mit einem Auto zu fahren.

Danke, Prof. Gigerenzer, dass Sie sich Zeit genommen haben, kurz mit uns über das Thema Intuition und „Bauchentscheidungen“ zu sprechen.

Allen Lesern, die sich für das Thema interessieren, können wir zum Weiterlesen das Buch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ von Prof. Dr. Gigerenzer empfehlen.

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

Prof. Dr. Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, ist habilitierter Psychologe. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Modelle begrenzter Rationalität, soziale Intelligenz, ökologische Rationalität, Risikoverhalten und Entscheidungstheorie.

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, u. a. den renommierten Preis der American Association for the Advancement of Science (AAAS) im Bereich Verhaltenswissenschaften. In diesem Jahr wurde er mit dem Communicator Award ausgezeichnet, einem Preis für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Forschungsarbeiten einem breiten Publikum vielfältig, originell und kreativ nahebringen und sich darüber hinaus um den immer notwendigeren Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit verdient machen.

Seine populärwissenschaftlichen Bücher „Das Einmaleins der Skepsis“ und „Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten“ wurden in 18 Sprachen übersetzt.

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Kommentare

  • Danke für den guten Artikel.
    Schon vor einigen Jahren ist das Buch von Bas Kast erschienen:
    “Wie der Bauch dem Kopf beim denken hilft”.

    Für mich war das Wegweisend und ist immer noch ein wichtiges Thema. Denn die Intuition ist meine wichtigste Entscheidungshilfe geworden. So habe ich gelernt, Kopf und Herz gelichzeitig zusammen zu bringen.
    Vielen Danke nochmals für die Erinnerung daran.
    Sarah Croé
    http://www.sarah-croe.de

  • Sehr interessant, danke!

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