Keine Zeit, keine Zeit

Heute will ich von einer kleinen Begebenheit berichten, die allerdings nur ein Platzhalter ist, aber ganz gut veranschaulicht, was ich sagen will:

Bei uns im Reitstall gibt es immer auch mal wieder Fohlen. Die gehen dann relativ bald mit ihrer Mutter auf die Weide. Nun muss man die Pferde ein kleines Stück durchs Dorf führen, um zur Weide zu kommen und zwar auf der Dorfstraße entlang. Einer nimmt dazu die Stute, der andere das Fohlen. Wenn Autos kommen, bittet man die Fahrer, etwas langsamer zu werden und bringt das Fohlen neben die Stute, damit es nicht vor das Auto springen kann.

So weit so gut.

Einmal nun kam ein Auto sehr flott angefahren und wurde auch auf Handzeichen nicht langsamer. Daraufhin stellte ich mich mit der Stute auf die Straße, um meiner Bitte nach einer Temporeduzierung Nachdruck zu verleihen, was auch klappte.

Der Fahrer fuhr sein Fenster herunter und rief: „Ich habe keine Zeit, ich muss zur Arbeit.“

Ich kenne dieses Verhalten auch von mir: Einmal war ich so gestresst, dass ich dafür, dass ich noch einen Bus bekommen wollte, von einem Auto angefahren wurde. Vor lauter Fixierung auf den Bus ließ ich alle Vorsicht außer Acht (im Krankenhaus hatte ich dann die Zeit, die ich vorher auf keinen Fall zu haben glaubte…).

Wenn wir unter Stress sind, ist unser Denken eingeschränkt. Wir sehen nur noch unser Ziel (also „Ich muss zur Arbeit.“ oder „Ich muss diesen Bus bekommen.“) und sonst nichts. Regelrecht kopflos zählt nur das, von dem wir in diesem Moment überzeugt sind, dass es nicht Wichtigeres geben kann.

Bemerkenswert dabei ist, wie weit unsere Fixierung dabei gehen kann:

  • Unser Verhalten wird widersinnig – Weil wir so gestresst sind, merken wir z.B. gar nicht, dass wir durch unser Verhalten die Sache teilweise unnötig verlängern. In der Beispielsituation wäre der Mann viel schneller weitergekommen, wenn er sein Tempo kurz reduziert hätte (ein Zeitverlust von 5, höchstens 10 Sekunden), anstatt dann anzuhalten und eine Diskussion anzufangen.
  • Wir verlieren unseren gesunden Menschenverstand –  Für die Beispielsituation heißt das: Ein Fohlen ist ziemlich unberechenbar und wenn die Menschen, die dabei sind, mit Handzeichen signalisieren, doch bitte etwas langsamer zu fahren, ist es angeraten, das zu tun – denn: wenn man einen Unfall mit dem Fohlen hat, wird man erst recht zu spät zur Arbeit kommen.
  • Wir verschieben oder verlieren gar jede Relation – Im Beispielfall war der Mann nicht nur bereit, die Gesundheit bzw. sogar das Leben der Tiere und der Menschen, die sie führten aufs Spiel zu setzen, sondern auch seine eigene Unversehrtheit (…und können wir denn eigentlich sicher sein, ob er sich bei spielenden Kindern auf der Straße anders verhalten hätte?).

Was ich sagen will ist: Je weniger wir glauben Zeit zum Durchatmen zu haben, desto wichtiger ist es, genau das zu tun – nämlich um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und reflektieren zu können, was wir gerade tun.

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Kommentare

  • im Deutschen gibt es ja auch einen Spruch, der da heisst: Eile mit Weile. so wie ich ihn in Erinnerung hab, ist er meist im nachhinein gebraucht.
    hier , wo ich wohne, gibt es einen Spruch der sagt: “despasito, porque tengo prisa”, d.h. “langsam! denn ich bin in Eile”… und es ist so etwas wie eine Selbsterinnerung… vorher!

  • Ja, die Geschichte mit den Pferden ist gut. Mir fällt es auf, dass die Mitmenschen immer gereizter reagieren, oft auf Kleinigkeiten. Alle wollen immer Recht behalten, keiner gesteht sich ein, dass er auch Fehler macht. Ich muß sagen, ich war früher auch so. Habe aber sehr an mir gearbeitet und versuche nun geduldig und höflich zu sein.
    Ich fand einen guten Spruch:
    Jeder Narr kann kritisieren, verurteilen, reklamieren – und die meisten Narren tun es auch. Aber um zu verstehen und zu verzeihen – dazu braucht es Charakter und Selbstbeherrschung.

  • Die höfliche Lüge ist tatsächlich manchmal schonender. Es ist für den Anderen auch nicht unbedingt nachvollziehbar, wie ich selbst meine Prioritäten setze. Selbst wenn man dann erklärt was man macht und wofür man sich Zeit nimmt, wird der Gesprächspartner das nicht unbedingt akzeptieren.
    Um dann wiederholte, fruchtlose Diskussionen oder polemische
    Auseinandersetzungen zu vermeiden ist auch meiner Meinung nach die höfliche Lüge besser.

  • @RWLHirsch: mit der Annahme, der Umgang wäre dann freundlicher und angenehmer, gehst du allerdings davon aus, dass dann niemand SO EHRLICH wäre, zu irgend jemandem zu sagen: sorry, mit Dir nicht. Sondern man würde versuchen, den Wunsch zu erfüllen, um “freundlichen Umgang” zu ermöglichen. Wer das durchweg tut, gerät dann selbst in die Zeitknappheit. Das kann es m.E. auch nicht sein, da ist die “höfliche Lüge” vielleicht doch gelegentlich besser (das wär auch mal einen Artikel hier wert!)

  • Es sind schon ein paar Jahre ins Land gegangen und meine Kinder waren schon aus dem Kindesalter herausgewachsen. In dieser Zeit geschah es immer wieder, dass bei der Anfrage nach Hilfe oder Unterstützung bei Hausarbeiten, Gartenarbeiten u. A. die Antwort kam: “Ich habe keine Zeit“.
    Da ich noch in einem Alter war, in dem man sich über diese Antwort aufregen kann tat ich dies. Erstaunt stellte ich aber, nachdem ich mich beruhigt hatte, fest, dass nur ich mich aufregte, alle anderen Beteiligten aber diese Aufregung gar nicht zur Kenntnis nahmen bzw. mit den Worten „der tickt wieder mal nicht richtig“ diese Aufregung ignorierten.
    Wie es im Leben aber so ist, gab es einen Zeitraum in dem ich diesen Satz „ich habe keine Zeit“ von verschiedenen Mitmenschen immer Häufiger hörte. Das machte mich stutzig und so ging ich der Sache auf den Grund. Den Mitmenschen Vorwürfe zu machen kam für mich nicht mehr in Frage, denn ich halte es mit der Weisheit: „Vorwürfe sind sehr schlecht formulierte Wünsche“. Irgendwann machte ich die Erfahrung, dass der Begriff „keine Zeit zu haben“ eine Ausrede ist, um Dinge, die man nicht tun will, abzublocken. Oft wurde der Begriff auch als Ausrede benutzt, um mit unliebsamen Zeitgenossen oder Menschen mit denen man nichts mehr zu tun haben will keinen Kontakt zu bekommen. Kurz gesagt: man traut sich nicht, dem Anderen gegenüber ehrlich zu sein. Eine weitere Möglichkeit besteht noch darin, dass man selbst mit der Zeit, die einem zur Verfügung steht, wirklich nicht umgehen kann.
    Wenn man sich jedoch in unserer Gesellschaft umhört, hat jeder für den Begriff „ich habe keine Zeit“ volles Verständnis. Ja – es geht sogar soweit, das man den armen Mitmenschen bedauert und sich keine weiteren Gedanken macht.
    Aus meiner heutigen Sicht, darf es den Begriff „Ich habe keine Zeit“ nicht geben. Und aus meinem Vokabular ist er auch so gut wie gestrichen. Wer mit seiner Zeit vernünftig umgeht, findet für einen anderen Menschen in seiner Prioritätenliste immer einen Termin. So erkläre ich heute den Mitmenschen was ich tue und versuche einen Termin zu finden um dem Gegenüber das Gefühl zu geben, dass ich ihn achte und akzeptiere. Meine Überzeugung geht dahin, dass der Umgang von uns Menschen viel freundlicher und angenehmer wäre, wenn man ehrlicher miteinander umginge.

  • Hallo

    Wie der ZEN und auch Benedikt schon sagten:
    “Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg”

    -> Umwege erweitern ja auch bekanntlich den Horizont. :-)

    Tanja hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Verhalten von manchen Menschen wird widersinnig sie verlieren den objektiven Blick.

    Was kann man tun? Nun den “Irr-Sinn” nicht folgen, sondern Ruhe einkehren lassen, das wirkt durchaus beruhigend auf die Mitmenschen ;-)

    Leicht gesagt? Nein, das will ich nicht behaupten, doch durch jahrelange tägliche Übung bin ich dort hingekommen, denn an einem bestimmten Punkt entscheide ich immer für meine seelische und körperliche Gesundheit – egal, wass passiert.
    Was nutzt es mir, wenn ich mit einem Herzinfarkt im Krankhaus lande? Oder auf meinen Grabstein steht: “Hier ruht die schnellste Todgelaufene?”

    So sag ich mir liebe “Eile mit Weile”

    Liebe Grüße
    Ursula

  • Alles richtig … und in ruhigen Zeiten auch sehr plausibel! Man kann sich immer gute Vorsätze schaffen.
    Mich würde aber mal interessieren, ob es eine wirksame Methode gibt, sich selbst zu beruhigen. Wenn ich einen Haufen Arbeit (beruflich) vor mir habe und alles “gestern” erledigt sein soll, gerate ich schon mal in Panik. Wenn ich dann versuche, nicht darüber nachzudenken und nur meine Arbeit zu tun, holt mich in einer stillen Minute das ganze wieder ein und die Panikattacke ist schlimmer als vorher – also was tun?

  • Ich arbeite in einem sehr großen “gestressten” Betrieb, umso schöner finde ich es wenn ich mir die Zeit nehmen kann und diese Newsletter am Montag morgen lesen kann und Eure wunderschönen Zitate. Ich hab mir jetzt alle raus geschrieben und werde diese in meinen nächsten Meetings gezielt einbauen :O) Vielleicht entsteht ja eine Kettenreaktion ;O)
    Wunderschöne Arbeitswoche
    Gitti
    PS: und das witzigste ist, daß gerade das Lied “Relax” von Mika läuft *ggg*

  • Das Thema finde ich um so interessanter, da unser Bürgermeister auch grad öffentlich dazu aufgerufen hat. Er hat Angst um unsere Kinder.
    Wahrscheinlich hattet ihr gemeinsame Wahnehmungen;)
    Ich danke auch für diese Erinnerung, denn ich steh grad im Dauerstress. Jetzt werde ich wieder eine Tiefenerholung starten. Danke

  • Da meine Lieblinssprueche schon erfolgreich gelistet sind, gebe ich Euch jetzt meine Theorie des Hetzens zum Besten:

    Ich denke, das Gros der Menschen denkt in Momenten der Zeitknappheit/Arbeitslast, alles selbst beeinflussen zu koennen/muessen.

    Nun, wer regelmaessig in Taxi und Flugzeug unterwegs ist, nimmt einiges anders wahr: wir stehen im Stau, wir werden zu spaet kommen .. doch ich kann es leider nicht beeinflussen. Ein Anruf beim Kunden und man lehnt sich relaxt im Wagen zurueck. Im Flugzeug das Gleiche: der Luftraum ist zu oder das Rollfeld ueberflutet? Es liegt nicht in meiner Macht – und man nutzt die ‘verlorene’ Zeit zum Doesen, Musikhoeren oder interessanten Gespraech mit dem Sitznachbarn.

    Wer allerdings selbst am Steuer sitzt oder rennt oder panisch die Mitarbeiter zur Eile treibt, hat das irrsinnige Gefuehl (den empfundenen Druck), selbst die ZeitKurve herumreissen zu muessen.

    In diesem Sinne einen relaxten Sonntag
    Kuestenkind

  • Mir ist ebenfalls sogleich ein Zitat eingefallen, nämlich das folgende:

    Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.
    Indianische Weisheit

    Auf diese Weise kann man sich vor der Falle des ‘gestresst-seins’ schützen. Wenn man immer wieder eilig unterwegs ist, ist es sicher gut mal einen Umweg zu machen um der Seele Gelegenheit zu geben uns einzuholen. Wie es das Zitat aus dem Zen-Buddhismus empfiehlt.
    Unter Stress legt man leichter irrationales Verhalten an den Tag, so wie zuvor von Tania Konnerth beschrieben.

    Mir scheint da fallen uns viele schöne Zitate ein ;-)

    Viele Grüße
    füge ich noch an

  • Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg.
    (Weisheit des Zen-Buddhismus)

  • Da ist durchaus etwas dran.

    Und deshalb rufe ich mich auch in solchen Situationen immer mit dem Spruch “Wenn Du es eilig hast, geh langsam” wieder auf den “Boden der Tatsachen” zurück. Einmal tief durchatmen und dann ganz gelassen weitermachen statt sich in Hektik zu verlieren und nachher tatsächlich viel mehr Zeit “zu verlieren” als man vorher “einsparen” wollte.

  • Dazu fallen mir zwei Sprüche ein.

    Zeit zum Ausruhen ist es immer dann, wenn wir keine Zeit dafür haben.

    Der gelassene nutzt seine Chance besser als der getriebene.
    (Thornton Wilder)

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