Nicht gleich in die Luft gehen

Wir bekommen hier oft Anregungen von unseren Lesern. Und natürlich wollen wir gerne auch darauf eingehen. Vor einiger Zeit hat Sigrun uns mal geschrieben:

„Wozu ist eigentlich Ärger oder Wut gut? Ich erlebe Ärger überwiegend destruktiv und erschöpfend. Der Mensch ist halt kein Dampfkochtopf, und wenn ich Dampf ablasse, dann fühle ich mich hinterher nicht besser, sondern schlechter. Meistens fühlen sich die um mich herum dann auch schlechter. Allerschlimmstenfalls geht richtig was kaputt (Selbstachtung, Achtung durch andere, Vertrauen :-( ) Aber irgendeinen Sinn muss die Wut/der Ärger doch haben!?“

Sicherlich gibt es die verschiedensten Anlässe, wütend zu sein. Auf das Leben, auf die Politik, auf Schicksalsschläge. Das sind die großen Themen. Aber lassen Sie uns in diesem Beitrag zunächst einmal auf die kleinen Dinge schauen, über die wir uns aufregen.

Denn auch Kleinigkeiten erzeugen Wut. Und auch unsere „kleinen“ Wutausbrüche vergiften, wie Sigrun schon geschrieben hat, die Stimmung und nach und nach auch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen.

Letztes Jahr, als ich hier bei Zeit zu leben angefangen habe, hatte ich beim Lesen unserer Beiträge ein richtiges Aha-Erlebnis. An irgendeiner Stelle habe ich gelesen: „Mein Gegenüber ist kein Gedankenleser.“ Das ist eigentlich so selbstverständlich. Und trotzdem hat dieser Satz so einiges in meinem Kopf verändert – und in meiner Beziehung zu anderen Menschen.

Dann sah es z. B. so aus, dass ich abends von der Arbeit nach Hause gekommen bin, mein Freund schon zu Hause war, aber noch nichts erledigt hatte. Nichts eingekauft, nichts gekocht. Und ich hatte das Gefühl, für alles alleine verantwortlich zu sein. Und dann war ich gleich irgendwie stinkig, wenn ich nach Hause gekommen bin. Dann habe ich rumgepöbelt, dass es ja wohl nicht sein kann, dass ich immer alles alleine machen muss, und er könnte ja wohl auch mal was machen – und zack, war die Stimmung hinüber. Dabei hatte ich mich eigentlich auf einen schönen gemeinsamen Abend gefreut.

Aber wenn man sich eben bewusst macht, dass der Partner kein Gedankenleser ist, dann kann man vielleicht auch nachvollziehen, dass all das nicht schon genau so gemacht wurde, wie man es sich vorgestellt hat. Und ein Gespräch über meine Erwartungen in dieser Hinsicht war von unschätzbarem Wert.

Die Ursache von Wut

Gerade an dem obigen Beispiel wird deutlich: Wut oder Ärger ist ganz oft die Folge unerfüllter Bedürfnisse und Erwartungen.

Wenn Sie zum Beispiel bei der Arbeit in einem Projektteam arbeiten und alle zusammen etwas schaffen wollen, die anderen sich aber nicht wirklich produktiv beteiligen und Sie das Gefühl haben, alles alleine machen zu müssen.

Wenn Sie das Bedürfnis nach Ruhe haben und sich einen entspannten Tatort-Abend auf dem Sofa wünschen, dieser Plan aber dadurch durchkreuzt wird, dass Ihr Partner ein paar Kumpels für einen Männerabend eingeladen hat.

Oder wenn Sie extra früher Feierabend gemacht haben, weil Sie nur noch einen Zahnarzt-Termin um 14:30 Uhr bekommen habe, aber letztlich bis 15:30 Uhr im Wartezimmer sitzen müssen. Das erzeugt Ärger und Wut und manchmal fällt es dann schwer, gelassen zu bleiben.

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Seien wir mal ehrlich: In den seltensten Fällen ist es die böse Absicht unserer Mitmenschen, die uns wütend macht. Ganz oft haben wir einfach unsere eigene Vorstellung von einer Situation, die dann mit der Realität aber nicht zusammenpasst. Und daraus resultiert unser Frust – und unsere Wut.

Die eigene Verantwortung erkennen

„Mein Gegenüber ist kein Gedankenleser.“ Wut, Ärger und Frustration resultieren meistens daraus, dass unsere Erwartungen und Bedürfnisse nicht erfüllt wurden.

In der Regel kann man ja immer eine Situation am besten ändern, wenn man eigenverantwortlich handelt und bei sich selbst ansetzt. Und so ist es auch hier: Erst, wenn wir die eigenen Erwartungen und Bedürfnisse aussprechen, haben wir die Chance, etwas zu ändern. Und sind unserer Wut nicht mehr hilflos ausgeliefert.

Vielleicht können Sie ja auch mal den Ursachen Ihrer eigenen Wut etwas auf die Spur kommen:

  • Welche Situationen/Personen haben Sie in der letzten Zeit wütend gemacht?
  • Gibt es Situationen/Personen, die Sie ständig wütend machen?
  • Überlegen Sie nun: Welche Bedürfnisse und Erwartungen hatten Sie an die jeweilige Situation oder Person?

Haben Sie diese Bedürfnisse und Erwartungen ausgesprochen? Bevor die Situation eskaliert ist und Sie Ihren Ärger rausgelassen haben? Oder könnte es vielleicht sein, dass diese Situationen ganz anders abgelaufen wären, wenn Sie vorher ausgesprochen hätten, wie Ihre Vorstellung davon ist?

Bestimmt kommen Sie bei dieser kleinen Untersuchung einigem Ärger auf die Schliche, der eigentlich überflüssig war. Und sich letztlich auch nicht gelohnt hat.

Die Wut beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden

Wut ist ein Mittel, mit dem wir etwas erreichen wollen. Wir unterstreichen dann lauthals und mit stampfenden Füßen und zuknallenden Türen, wie wir uns etwas vorgestellt hätten.

Sigrun hat es schon geschrieben. Gerade, wenn es um Kleinigkeiten geht, fühlen wir uns nicht besser, sondern nur noch schlechter, wenn wir unseren Dampf abgelassen haben. Und die anderen Menschen um uns herum auch. Das verdirbt die Stimmung und ganz oft ärgern wir uns dann noch mehr über die Konsequenzen des Wutausbruchs als über die Ursache selbst.

Denn Wut erzeugt ja auch eine Reaktion. Vielleicht wird Ihr Gegenüber selbst dann auch wütend und kontert mit irgendwelchen Vorwürfen. Oder Ihr Gegenüber reagiert bockig und schaltet auf den „Jetzt-erst-recht-nicht-Modus“. Oder, und das ist das Schlimmste: Ihr Gegenüber ist ehrlich verletzt und verliert nach und nach das Vertrauen zu Ihnen.

Wut ist also kein gutes Mittel, um etwas zu erreichen.

Wenn es darum geht, etwas erreichen zu wollen, dann ist es nachhaltig ganz sicher besser, wenn Sie Ihre Wünsche und Erwartungen aussprechen. Denn solange das nicht geschehen ist, haben Sie keinerlei Recht, sich darüber zu ärgern, dass andere Menschen sie nicht von Ihren Augen abgelesen haben.

Wut wahrnehmen, annehmen, aussprechen

Nicht immer ist unsere Gelassenheit stärker als unsere Wut. Und wenn unsere vorher bereits ausgesprochenen (!) Bedürfnisse und Erwartungen böswillig oder aus Bequemlichkeit übergangen werden, dann ist es natürlich auch in Ordnung, wütend zu sein. Denn unseren Ärger runterzuschlucken ist in der Regel keine langfristige Lösung. Nicht nur, dass es meistens nur ein „aufgeschoben statt aufgehoben“ ist und sich früher oder später so viel Frust und Ärger angehäuft hat, dass wir irgendwann explodieren. Unsere Gefühle zu unterdrücken und unseren Ärger und Frust herunterzuschlucken macht uns im Zweifel auch krank, unsicher oder führt oft zu destruktiver Verdrossenheit.

Wie also kann ich mit meiner Wut umgehen, wenn z. B. meine Gelassenheitsformel „Mein Partner ist kein Gedankenleser“ nicht mehr ausreicht? Und wenn meine Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden?

1. Bleiben Sie erst einmal bei sich. Fragen Sie sich:

  • Was genau hat mich wütend macht?
  • Denken Sie kurz darüber nach, welche Ihrer Bedürfnisse dadurch verletzt wurden und welche Erwartungen unerfüllt geblieben sind.
  • Überlegen Sie einen Moment ganz objektiv, ob sich ein Streitgespräch lohnt oder ob Sie es erst einmal dabei belassen möchten.

Ganz oft verpufft der erste Ärger schon, wenn man ihn einmal kurz verspürt hat und ihn sozusagen einmal von oben herab betrachtet hat. Und in vielen Fällen zeigt dieser objektive Blick, dass sich ein Streitgespräch nicht wirklich lohnt.

2. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Sache noch einmal angesprochen werden muss: Fair bleiben

  • Sprechen Sie am besten nach den Regeln der Gewaltfreien Kommunikation
  • Benennen Sie das Problem
  • Bleiben Sie bei sich
  • Sprechen Sie Ihre Bedürfnisse aus
  • Machen Sie keine Vorwürfe
  • Bleiben Sie bei den Fakten/beim Thema
  • Schlagen Sie eine Veränderung vor
  • Ermutigen Sie auch Ihr Gegenüber, seine Gefühle zu äußern
  • Nehmen Sie auch Ihr Gegenüber und dessen Bedürfnisse ernst
  • Erkennen Sie auch die Wahrnehmung Ihres Gegenübers an
  • Versuchen Sie Ihr Gegenüber ehrlich zu verstehen

Zum Weiterlesen, falls jemand Sie und Ihre Gefühle dennoch übergeht:

Nach einem solchen friedlichen Gespräch sollten beide Parteien um die Vorstellungen und Bedürfnisse des jeweils anderen wissen. Ohne dass Sie einander durch Vorwürfe verletzt haben und ohne dass die Stimmung nachhaltig getrübt ist.

„Mein Gegenüber ist kein Gedankenleser.“ Vielleicht können Sie in Zukunft auch einfach einmal kurz innehalten, bevor Sie sich über irgendwelche Kleinigkeiten aufregen, und sich diesen Satz einmal sagen. Ich kann es sehr empfehlen.

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