Perfektionismus: Raus aus der Falle

Perfektionismus

Es gibt Menschen, die wollen in jedem Lebensbereich möglichst das Beste aus sich herausholen. Thema: Perfektionismus.

Sie haben den Anspruch, im Beruf erfolgreich zu sein, eine glückliche Partnerschaft zu führen, alles für ihre Gesundheit zu tun, die besten Voraussetzungen für ihre Kinder zu schaffen und dann auch noch in ihrem Hobby sehr gut zu sein.

Ja, wenn man das umsetzen könnte, dann hätte man das perfekte Leben … Viele streben nach diesem Idealbild. Aber sich ein perfektes Leben zu wünschen oder diesen Anspruch auch ernsthaft zu verfolgen, das sind schon zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. Was hat es auf sich mit dem Perfektionismus?

Bist du ein Perfektionist?

Eigentlich müsste man ja ein enormes Organisationstalent sein, um alle diese Ansprüche irgendwie unter einen Hut zu bringen. Ein Perfektionist hat aber genau diese Erwartung an sich selbst und findet das auch vollkommen normal.

Denn das Ziel eines jeden Perfektionisten ist es, die größtmögliche Kontrolle über sein Leben zu haben. Dafür muss er sich dann sehr anstrengen. Aber er ist auch gern bereit, dafür sein Bestes zu geben.

Erkennst du dich darin ein bisschen wieder? Dann bist du womöglich auch ein wenig perfektionistisch veranlagt. Und Perfektionismus ist ein Thema für dich.

Du fragst dich jetzt vielleicht: „Na und? Was ist schlimm daran, hohe Ansprüche zu haben, Kontrolle über sein Leben zu wollen und dafür immer sein Bestes zu geben? Ich bin damit eigentlich immer gut gefahren, warum sollte ich etwas daran ändern wollen?“

Perfektionismus kann Vorteile haben, aber auch Nachteile

Grundsätzlich ist erstmal nichts falsch daran. Perfektionisten erbringen durch ihre hohen Ansprüche an sich selbst oftmals tolle Leistungen und sind häufig sehr erfolgreich in dem, was sie tun.

Aber selbst, wenn sie all das schaffen, was sie sich vornehmen, fühlen sie sich oft nicht glücklich oder nehmen ihre Erfolge nicht als solche wahr. Wenn sie ihre Ziele erreichen, sind sie damit nur für kurze Zeit zufrieden. Und sobald sie ihre Ziele erreicht haben, sehen sie schon die nächste Herausforderung – schließlich geht es immer noch besser. Das ist ein Kerngedanke wenn es um Perfektionismus geht.

Ihre bis dahin erbrachten Leistungen empfinden sie nicht als besonders, denn sie haben ja nur ihren eigenen Anspruch erfüllt, also quasi ihre „Pflicht“ getan.

Wenn ein Perfektionist also erfolgreich ist, dann kann er diesen Erfolg oftmals nicht wirklich genießen. Zufrieden ist ein Perfektionist deshalb nur ganz selten. Und sobald ein Ziel erreicht wurde, wird die Messlatte gleich wieder höher gehängt.

Auf der anderen Seite ist ein Perfektionist sehr unzufrieden mit sich selbst, wenn er seine Ansprüche mal nicht erfüllen kann. Und dabei liegt die Messlatte eigentlich schon so hoch, dass die Ansprüche grundsätzlich nur schwer zu erreichen sind.

Schreib dich glücklich…

Es gibt eine bestimmte Art, ein Tagebuch zu schreiben. Eine Art, die dich wirklich voran bringt. Ein Tagebuch, das dich heilen kann. Pure Selbsterkenntnis. Und jede Menge Spaß: Projekt: Tagebuch.

Ein Perfektionist muss sich also immer übermäßig anstrengen, um alle seine Ziele zu erreichen. Er läuft immerzu seinem eigenen Anspruch hinterher.

Aber warum sollte man sich eigentlich immer so anstrengen, um seine Ansprüche zu erfüllen, wenn man am Ende eh nie zufrieden ist?

 

7 Tipps für mehr Zufriedenheit

An dieser Stelle denkst du vielleicht: „Ja, das stimmt schon, aber wenn ich meine hohen Ansprüche und meinen Pefektionismus aufgebe, dann werde ich insgesamt nachlässiger. Und wenn es eins gibt, was ich nicht mag, dann ist es Schludrigkeit!“

Bitte versteh mich nicht falsch, hohe Ansprüche an sich selbst zu haben ist prima. Und auch das Streben nach Erfolg ist vollkommen menschlich. Du sollst ja auch nicht gleich von dem einen Extrem ins andere fallen und zum Schlendrian werden.

Aber vielleicht kannst du dir dein Leben sehr viel einfacher machen, wenn du dich einmal fragst, an welcher Stelle deine Ansprüche sehr hoch oder überhöht sind. Falls du das bei dir feststellen kannst, dann kannst du ein Stück mehr Zufriedenheit und Ruhe in dein Leben bringen, indem du dich gezielt von diesen überhöhten Ansprüchen verabschiedest. Es gilt, hier die richtige Balance für sich zu finden.

Folgende Tipps können dir dabei helfen:

Tipp 1: Sich selbst anerkennen

Das Wichtigste, was du als Perfektionist lernen musst, ist, dich selbst so anzuerkennen, wie du jetzt gerade bist.

Du darfst unperfekt sein und du darfst auch Fehler machen. Wer keine Fehler macht, der lernt auch nicht. Und auch wenn du deiner Vision von einem besseren Selbst stetig hinterherrennst, mach dir bewusst: Du bist mehr wert als die Summe deiner Leistungen und Taten.

Genauso wie du andere Menschen unabhängig von ihren Leistungen magst, weil sie eben so sind, wie sie sind, darfst du dich selbst auch lieben und anerkennen. Mach dir bewusst: Ausnahmslos jeder Mensch hat Makel und macht Fehler. Das ist vollkommen normal und du darfst das auch!

Jeder von uns hat einen „inneren Kritiker“ in sich, der gerne alles, was wir tun, schlechtredet und uns dadurch herunterzieht. Bei Perfektionisten hat dieser kleine Richter aber zumeist die Oberhand gewonnen und kritisiert ununterbrochen drauflos. Um mit deinem inneren Kritiker besser zurechtzukommen, kannst du lernen, konstruktive Selbstgespräche zu führen.

Frage zum Weiterdenken: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich mich öfter und stärker selbst anerkennen könnte?

Tipp 2: Sich von überhöhten Ansprüchen verabschieden

Hast du für die an dich selbst gestellten Ansprüche eigentlich eine Art „Vorbild“ aus dem realen Leben? Wen kennst du aus deinem Umfeld, der in deinen Augen perfekt ist oder ein perfektes Leben hat?

Oftmals konstruieren wir uns unsere Vorbilder ja aus vorgegebenen Idealen, die wenig mit der Realität zu tun haben. Der von den Medien ausgelöste Figurwahn ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Wie viele Menschen mit der perfekten Figur kennst du aus deinem Bekanntenkreis?

O. k., machen wir es doch noch etwas schwieriger: Wie viele Menschen mit perfekter Figur, Glück in der Partnerschaft und Erfolg im Beruf kennst du persönlich? Es werden wahrscheinlich nur sehr wenige sein, die all diese Kriterien erfüllen können.

Weshalb fühlst du dich also schlecht, wenn du das nicht alles erfüllen kannst? Es ist so gut wie unmöglich, überhöhte Ansprüche dauerhaft zu erfüllen, ohne dass es dich übermäßig viel Kraft kostet.

Mach dir immer wieder bewusst: Menschliche Perfektion existiert nicht, also verabschiede dich von dem Anspruch, perfekt sein zu können. Lass den Perfektionismus hinter dir.

Erkenne an, dass jeder Mensch Grenzen und der Tag „nur“ 24 Stunden hat. Auch du musst mit deinen Ressourcen haushalten und dir Prioritäten setzen.

Frage zum Weiterdenken: Wie wäre mein Leben, wenn ich meine überhöhten Ansprüche durch solide und realistische Ansprüche ersetzen würde?

Tipp 3: Lieber effizient als perfekt

 

Perfektionisten sind große Energieverschwender. Sie erzielen oft tolle Ergebnisse, die sie jedoch unverhältnismäßig viel Kraft kosten. Perfektionismus ist also auch ein Energieräuber.

Als Perfektionist arbeitest du lieber noch eine Nacht durch, um auch noch die letzten 5 % herauszukitzeln, statt unvollkommene Arbeit abzuliefern. Dabei gilt es als erwiesen, dass man mit weniger Kraftaufwand nahezu ähnlich gute Ergebnisse erzielen kann.

Diese Erkenntnis nennt sich auch die 80-zu-20-Regel oder das Paretoprinzip. Demnach werden 80 % unserer Erfolge von nur 20 % unserer Anstrengungen verursacht. Für die restlichen 20 % unserer Erfolge verwenden wir aber 80 % unserer Kraft. Das ist ineffizient und kraftraubend.

Außerdem ist das Streben nach den perfekten 100 % auf Dauer nicht gesund, denn Perfektionisten gönnen sich für gewöhnlich nur sehr wenige Ruhepausen. Und das führt dann über kurz oder lang in die Erschöpfung.

Setz deine Ressourcen also lieber klug ein und geh von nun an nach dem Motto vor: So gut wie nötig! Mach für dich daraus eine Herausforderung und versuch einmal, mit weniger Krafteinsatz nahezu gleich gute Endergebnisse zu erzielen.

Frage zum Weiterdenken: Was könnten die 20 % in meinem Leben sein, die die 80 % meines Erfolgs ausmachen? Im Beruf? Im Privatleben? Für welche Erfolge muss ich die meiste Energie aufwenden?

Tipp 4: Den richtigen Maßstab wiederherstellen

Was ist dein Idealbild von einem perfekten Leben? Hast du ein reales Vorbild, zum Beispiel einen Menschen aus deinem Bekanntenkreis, der deinem Idealbild eines perfekten Lebens am nächsten kommt? Was gehört alles zum perfekten Leben dieser Person dazu? Stell dir einmal die Frage, ob dein Vorbild wirklich der Realität entspricht und nicht vielmehr nur einer sehr guten Fassade.

Wenn du ein reales Vorbild im Kopf haben solltest, gib dieser Person auf einer fiktiven Punkteskala von 0 bis 10 den „Perfektions-Maximalwert“ von 10.

Ein Beispiel: Dein Vorbild hat eine glückliche Familie, ist finanziell wohlhabend und hat einen tollen Beruf (10 Punkte).

Überlegen dir nun einmal, wie eine Person sein müsste, die genau das Gegenteil davon ist und einen Punktewert von 0 erreicht. Diese Person hätte beispielsweise eine vollkommen zerrüttete Familie, nagt am Hungertuch und ist arbeitslos (0 Punkte). Schreiben dir deine Beispiele für 10 und 0 Punkte auf.

Überleg dir dann, was du erreichen müsstest, um auf dieser Skala 8 Punkte zu erzielen. Danach ordne dir selbst auf dieser Punkteskala deinen aktuellen Wert zu.

Sei von nun an effizient statt perfektionistisch und versuche 80 % zu verwirklichen, also die 8 Punkte auf Ihrer Skala zu erreichen. Dies ist ein gutes Maß, woran du dich in Zukunft orientieren kannst.

Frage zum Weiterdenken: Was würde passieren, wenn ich mich nicht mehr so stark an gesellschaftlichen Vorbildern und Idealvorstellungen orientieren würde, sondern mehr an meinen eigenen Bedürfnissen?

Tipp 5: Vergiss den Wunsch nach absoluter Kontrolle

Jeder möchte das volle Potenzial seines Lebens ausschöpfen. Dabei ist es eine falsche Vorstellung, zu glauben, das Leben wäre vollkommen planbar.

Natürlich können wir uns Dinge vornehmen und sie dann umsetzen. Sich Ziele zu setzen ist gut und wichtig. Allerdings wird man nur selten eine 1:1-Umsetzung eines Plans in die Realität erreichen. Mal ehrlich: Irgendwie wäre das Leben dann doch auch langweilig, oder? ;-)

Wenn du denkst, du müsstest dein Leben perfekt durchplanen, um am Ende das zu erreichen, was du willst, dann wirst du über kurz oder lang zum Kontrollfreak. Du verlierst deine Flexibilität und deine Offenheit für die Chancen, die dir das Leben bietet. Das ist die Kehrseite des Perfektionismus

Lerne auch hier wieder das gesunde Maß: Ziele und Pläne im Leben sind sehr wichtig. Fokussiere dich aber immer nur auf den nächsten Schritt auf dem Weg zu deinem Ziel. Mehr kannst du nicht tun.

Denn ein perfektes Leben nach Drehbuch gibt es nicht, renn also keiner Illusion hinterher. Schmiede deine Pläne, doch bleib offen für die Wege, die das Leben dir anbietet. Ohne Perfektionismus läuft dein Leben leichter.

Frage zum Weiterdenken: Kontrolle geht auf Kosten der Lebendigkeit. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich diese Woche die Kontrolle um gefühlt 10 % aufgeben würde?

Tipp 6: Erfolge bewusst anerkennen und genießen

Lerne, deine Erfolge bewusst wahrzunehmen und sie zu genießen. Nur wenn du deine Erfolge auch als solche wahrnimmst, erkennst du deine eigene Leistung wirklich an.

Um das zu üben, kannst du dir mit einem mal nicht ganz so kritischen Blick auf dich selbst schriftlich folgende Fragen beantworten:

  • Was musste ich tun, um ___________________ zu erreichen?
    (Schreib jeden einzelnen Schritt auf deinem Weg zum Ziel auf und benutze dabei so viele Verben wie möglich. Also z. B. „Ich musste regelmäßig 2-mal pro Woche trainieren“, statt „regelmäßiges Training 2-mal pro Woche“)
  • Hätte jeder andere das genauso gut hingekriegt?
  • Wo stand ich bezüglich meines Ziels vor 2 Jahren?

Ein Beispiel: Holger ist mit seiner Fußballmannschaft Meister geworden:

Was musste ich (Holger) dafür tun?

  • Ich musste 8 Monate lang Woche für Woche 2-mal trainieren.
  • Ich musste meine Wochenenden für die Fußballspiele opfern.
  • Ich musste mich zurücknehmen, wenn ich mal nicht spielen durfte.

Hätte das jeder andere genauso gut hingekriegt?

  • Auf keinen Fall. Das war sehr anstrengend, viele hätten vorher aufgegeben.

Wo stand ich bezüglich meines Ziels vor 2 Jahren?

  • Vor 2 Jahren bin ich gerade erst zur Mannschaft dazugestoßen und damals spielten wir noch gegen den Abstieg.

Wenn du nach der Beantwortung dieser Fragen für dich das Gefühl hast, dass du etwas Tolles geleistet hast, dann darfst du dir gern auch mal auf die Schulter klopfen und dann solltest du das Erreichte auch einmal ausgiebig genießen. Dafür kannst du den Perfektionismus dann getrost hinter dir lassen.

Geh dafür in Gedanken einmal die Momente der Freude durch, die du auf dem Weg zum Ziel und beim Erreichen des Ziels hattest. Schwelge ruhig ein wenig in deinen Erinnerungen. Sei zufrieden mit dir! Belohne dich für deine Leistung mit etwas, wobei du dich so richtig gut entspannen kannst.

Füll deine Kraftreserven nach jedem erreichten Ziel in dieser Form wieder auf.

Tipp 7: Lerne Gelassenheit

Wenn du gelassen bist, kannst du auch mal fünfe gerade sein lassen. In einem gelassenen Zustand bist du anderen und insbesondere dir selbst gegenüber viel toleranter. Du nimmst alles nicht ganz so ernst.

Meistens gehen die Dinge auch ganz prima voran, ohne dass du dir immer vorher so viel Stress und Sorgen machen. Lerne also, darauf zu vertrauen, dass alles gut wird, auch wenn nicht alles exakt nach Plan läuft. Versuche dem Perfektionismus ein wenig mehr die kalte Schulter zu zeigen.

Wie geht das genau?

Eine Möglichkeit: Übe Gelassenheit, indem du pro Woche einen „Schluder-Tag“ machst, an dem du absichtlich unperfekt bist.

Schlüpfen für diesen Tag in eine andere Rolle. Tu die Dinge dann bewusst nicht so wie gewöhnlich, sondern mach es so, dass du gerade noch damit leben kannst. Wenn du dir also für gewöhnlich schon am Vorabend die Kleidung für den nächsten Tag raussuchst, dann verzichte für den Schluder-Tag bewusst darauf.

Nimm dir morgens nur 1 Minute Zeit, dich für dein heutiges Outfit zu entscheiden, und zieh Sie das dann auch an, denn diese Entscheidung ist heute nicht so wichtig. Mach alles, was du tust, bewusst unperfekt und übe, damit gelassen umzugehen.

Setz deine Entscheidungen dafür ruhig auch mal in einen größeren Kontext und frag dich: Wie wichtig ist es eigentlich für mein Leben, dass ich jeden einzelnen Tag top gestylt zur Arbeit gehe? Ist Perfektionismus an dieser Stelle wirklich sinnvoll? Und vergiss dabei nie: Dein Wert als Person hängt nicht von deinen Erfolgen und Taten ab.

Frage zum Weiterdenken: Wie würde sich mein Gefühlsleben ändern, wenn ich öfter gelassen sein könnte?

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Kommentare

  • Roland Kopp-Wichmann schreibt am 1. September 2017 Antworten

    Hallo,
    mittlerweile hat sich mein Verständnis von übertriebenem Perfektionismus noch mal gewandelt. Unter anderem dadurch, dass ich Bücher von Brené Brown gelesen habe.

    Dadurch ist mir klar geworden, dass Perfektionismus auch eine Abwehrstrategie sein kann. Abwehr gegen die Scham, nicht zu genügen, wenn man eben nicht alles perfekt macht.

  • Sehr spannend!
    Ich frage mich schon lange, wo genau die Unterschiede zwischen Perfektionismus und Zielstrebigkeit, Druck und Flow liegen. Es ist oft ein schmaler Grat.
    Ich arbeite wahnsinnig gerne und setze für mein Leben gerne Projekte um. Dass es irgendwann mal gut sein kann, hatte mir mein Körper gezeigt. Seitdem holen mich Mußezeiten in der Natur und beim Singen regelmäßig runter und ich bekomme eine gute Ausgewogenheit hin. :-)
    Trotzdem ist es mir immer noch ein wichtiges Anliegen, mir Ziele zu setzen und diese zu verfolgen, auch wenn ich mir jetzt viel mehr Zeit lasse und auch damit leben kann, wenn ich ein Ziel nicht oder anders erreiche.

    • Susanne schreibt am 6. August 2017

      Hallo Helga,

      Flow ist für mich das ganze Gegenteil von Perfektionismus, Zielstrebigkeit und Druck. Denn im Flow verläßt Du Dich aufs “Jetzt”. Alles kommt, wie es kommen soll. Nichts wird geplant oder erwartet.

      Gruß Susanne

  • Also ich bin im Beruf auch ein sehr perfektionistischer Typ (seltsamerweise im Privatleben ueberhaupt nicht…).
    Letztes Jahr musste ich dann feststellen, dass meine Gesundheit das nicht mehr mitmacht und mir blieb nichts anderes ueberig, als mich etwas zurueckzunehmen.

    Ich habe festgestellt, dass es zweierlei Arten von Anforderungen gibt: solche, die andere (Chef, Projektteam) tatsaechlich an mich stellen und solche, die ich selber an mich stelle. Oft verlange ich von mir selbst viel mehr, als die anderen eigentlich fordern!

    Wenn ich meine EIGENEN Ansprueche an mich selbst lockere, wird schon vieles einfacher, und ich bekomme auch keine Schwierigkeiten im Job, da sonst niemand diese Ansprueche ueberhaupt gestellt hat.

    Bei den Anspruchen, die andere an mich stellen, bin ich jetzt auch eher mal bereit, die zurueckzuweisen, die eigentlich nicht berechtigt sind – wo einfach jemand versucht, seine Arbeit bei mir abzuladen.

    Schliesslich habe ich auch gelernt, mit unausgesprochenen Anspruechen besser umzugehen. Das sind die ganz fiesen Faelle, wo eine Anforderung nicht direkt ausgesprochen, sondern nur unterschwellig angedeutet wird. Ich habe bemerkt, dass das oft solche Anforderungen sind, die eigentlich ziemlich unverschaemt sind, und die deshalb keiner aussprechen moechte. Anstelle dessen deutet man sie lieber nur an und wartet darauf, dass der Angesprochene daraus selbstgestellte Ansprueche macht.
    Das lasse ich mir nun nicht mehr so bieten, wenn ich das Gefuehl habe, dass ich in dieser Weise manipuliert werden soll, formuliere ich einfach deutlich, was da eigentlich gefordert wird umd was die Folgen fuer mich sind und frage zurueck, ob das wirklich die Anforderung ist.
    Oft wird dann zurueckgerudert, und dann weiss ich, so wichtig war es wohl doch nicht. Wenn eine Anforderung wirklich wichtig und gerechtfertigt ist, kann der Anforderer auch den Mut aufbringen, sie deutlich auszusprechen.

    Ich habe immer noch viel Stress, aber es ist mir doch gelungen, ihn zu reduzieren.

  • Der Artikel und die Tipps haben mich schon angesprochen und ich weiß auch, dass ich in gewisser Hisicht perfektionistisch veranlagt bin. Ich frage mich aber gerade im Beruf auch, wie ich herausfinden kann, ob ich die Meßlatte selber zu hoch lege oder ob ich den Anforderungen nicht gerecht werde, die ganz allgemein gestellt werden. Oder sind die beruflichen Anforderungen insgesamt gestiegen? Auch wenn ich immer öfter versuche die 80/20-Regel umzusetzen, kommt es mir so vor, als käme ich nicht wirklich voran….

    • Ariana schreibt am 26. Februar 2012

      Das selbe frage ich mich. Ich bin perfektionistisch und verschwende zu viel Energie. Aber ich kann meine Ergebnisse nicht im Mindesten einschätzen. Ich bin immer überzeugt, dass sie schlecht sind. Ich studiere und beziehe mich auf Referate oder Hausarbeiten. Ich habe noch nicht mal einen Maßstab für gute und schlechte Leistung, weil ich lange Zeit meine Ausbildung unterbrochen habe und verlernt habe zu schreiben und zu präsentieren. Wie kann man eine 80/20 Regel anwenden, wenn man nicht sicher sein kann, wo die obere (gut) und die untere Grenze (schlecht) liegen? Ich jedenfalls fühle mich so getrieben, dass ich gar nicht sagen kann, ich lass es jetzt mit weniger gut sein, irgendwann fang ich wieder an etwas für die Sache zu tun. Selbst wenn ich sage, jetzt ist gut.

  • Vielen Dank für diesen Artikel. Obwohl ich schon wesentlich “un-perfekter” geworden bin, helfen die Tipps mir sehr.

    Eines fällt mir jedoch auf: Es gibt sehr viele Menschen, die sich als Perfektionist bezeichnen.

    Woher könnte das kommen? Und wer bestimmt eigentlich, was “perfekt” ist?

    Viele Grüße

    Gaby

    • Ulli schreibt am 26. Februar 2012

      Hallo Gaby,

      ich möchte mal antworten, auch wenn ich glaube dass die Antwort in Deiner Frage liegt, und Du sie auch schon kennst.

      Was perfekt ist bestimmen immer die Anderen, die wollen dass Du perfekt für sie bist.

      Das kann der Arbeitgerber sein,der Staat, der Ehemann, so genannte Freunde etc.

      Früher wurden die Menschen mit Ketten und Peitschenhieben dazu gebracht, zu funktionieren.

      Heute reicht dazu die Legende : “Jeder kann etwas werden wenn er fleißig ist. “
      Und die Eisenkugel am Bein wird durch das Handy ersetzt.

      Was für Dich perfekt ist solltest Du selber herausfinden. Der Anfang wäre die Frage, wie sieht für mich der perfekte Tag aus. Wenn Du diesen Gedanken dann noch konsequent weiterdenkt, kann es sein das sich Dein ganze Leben verändert.

      Alles Gute
      Ulli

    • Gaby Feile schreibt am 27. Februar 2012

      Hallo Ulli,

      vielen Dank für deine Antwort auf meine, zugegeben, rhetorische Frage.

      Ich kann dir leider nicht zustimmen. Es sind nicht die Anderen, die bestimmen, was perfekt ist. Es bin ich selbst, speziell dann wenn ich ein Perfektionist bin.

      Ich selbst kann “perfekt” so definieren, dass ich es nie erreiche. Frust ist oft das Ergebnis. Oder ich definiere es so, dass es erreichbar ist. Ich freue mich, bin motiviert und gehe das nächste Thema an. Eigentlich ganz einfach, oder?

      Doch warum fällt das vielen Menschen so schwer? Wem wollen wir etwas beweisen? Hier könnte die Antwort tatsächlich sein “den Anderen”.

      Oder nicht?

      Viele Grüße

      Gaby

    • Andrea schreibt am 8. August 2017

      Von einem Perfektionisten zum andren:
      Wer bestimmt, was “perfekt” ist? Wahrscheinlich dieselben Dussel, die bestimmen (wollen), was normal ist :-).

  • Roland Kopp-Wichmann schreibt am 26. Februar 2012 Antworten

    Das Fundament für Perfektionismus liegt fast immer in entsprechenden Beziehungserfahrungen in der Kindheit. Kein Baby kommt als Perfektionist auf die Welt.

    Meist sind die Leistungen nicht gut genug. Bei der 1- wird nur das Minuszeichen gesehen. Hat man super Noten in der Schule, ist aber das Klavierspiel noch verbesserungswert. Es hört nie auf.

    Diesen Teil haben Perfektionisten verinnerlicht und treiben sich selbst an. Ihr Schwarz-Weiß-Denken sieht nur makellose Leistung oder völliges Versagen. Der ganze Raum zwischen diesen Extremen wird ausgeklammert.

    Deshalb ist ja auch die 80/20-Regel (Pareto-Regel) eigentlich ein gutes Gegenmittel. Aber meist muss man den inneren Konflikt lösen, der viel weiter zurück reicht.

    • Barbara Brugger schreibt am 26. Februar 2012

      lieber Roland genau das denke ich auch: kein Baby kommt als Perfektionist auf die Welt!!!
      Ein Kind möchte geliebt und gesehen werden um seiner Selbst willen und nicht für seine Leistung.
      Diese wertfreie Liebe erfährt leider nicht jedes Kind.
      Das Ver-rückte daran ist, dass wir nach solchen Kindheitserfahrungen im Laufe unseres Lebens die damaligen Ansprüche unserer Prägungspersonen in uns selbst weiter führen, also Wiederholung. Ob es aus Solidarität entsteht? ….auch wenn wir auf dem Kopf gehen würden, es wäre uns immer noch nicht perfekt genug, weil wir uns von dem damaligen Leistungsanspruch an uns selbst nicht getrennt haben – ihn sogar noch viel strenger und disziplinierter fortführen wie damals.
      Vielleicht hilft es, sich der Unterschiede von damals/heute bewusst zu werden, die Erwachsenenschuhe
      selber zu wählen und mit Stolz und Selbstliebe zu tragen….

    • Marina schreibt am 29. Februar 2012

      Liebe Barbara und Roland,

      ich kann nur sagen, “Ihr sprecht mir sooo aus der Seele”!!!
      Mit Euren Worten habt ihr mich wachgerüttelt, wo meine langjährige innerliche Blockade liegt! Vielen vielen Dank für Euere so perfekt ausgedrückten Worte, die (glaub ich) mein Leben verändern! Ganz liebe Grüße – Marina –

  • Leider bin ich ein Perfektionist, das wusste ich schon vorher.
    In erschreckender Weise fand ich mich mal wieder sehr gut beschrieben.
    Da meine aktuelle Lebenssituation, sagen wir mal, nicht rund läuft und mein Perfektionismus mir dabei mehr als im Weg steht nehme ich die Tipps dankend an.
    Die Vorteile einer gelasseneren Lebensweise sind mir bekannt, an der Umsetzung mangelt es.
    Ich beginne mal gleich mit dem ‘Schluder-Tag’. Für mich eine große Herausforderng.

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