Wenn Schubladendenken klemmt

Schubladendenken

„Puh, was ist das denn für eine?! Die wirkt ja distanziert und irgendwie arrogant.“ Oder: „Oh nee, der Freund meiner Eltern sitzt im Wohnzimmer. Der hat mich schon als Kind mit seinen Sprüchen genervt und jetzt muss ich mich dazusetzen.“

Generell halte ich mich für einen aufgeschlossenen, neugierigen und interessierten Menschen. Dennoch habe ich – wie die meisten von uns – in meinem Kopf eine riesige Kommode mit unterschiedlichen Schubladen. In diese stecke ich Menschen, die ich neu kennen lerne. Jeder Mensch bekommt seine eigene Schublade. Und vorne an die Schublade klebe ich sozusagen ein Etikett.

Auf diesem Etikett stehen verschiedene Begriffe, die ich für diesen Menschen charakteristisch finde. Zum Beispiel: vertrauenswürdig, angenehm, humorvoll, nervig, gut aussehend, Nerd. Hinzu kommen Gefühle und Empfindungen, die ich gegenüber diesem Menschen habe. Bei manch einem stimmt die Chemie einfach. Bei anderen knirscht es zwischen uns beiden. Und ich kann noch nicht mal immer sagen, woran das liegt. Jeder Mensch, den ich schon länger kenne, hat bereits eine dieser Schubladen.

Wie ist das bei dir?

Jeder von uns hat Schubladen

Meiner Erfahrung nach haben die meisten von uns solche Schubladen oder auch Etiketten. Wir sehen jemanden und ordnen ihm bestimmte Eigenschaften zu: arrogant, witzig, langweilig, engstirnig, spießig, abgedreht. Oder wir kennen jemanden vielleicht auch schon länger und haben ein bestimmtes Bild von ihm. „Das ist doch diese beherrschte und souveräne Frau.“ Oder: „Ach ja, der. Voll der Macho. Aber irgendwie sympathisch dabei.“

Generell können Einordnungen und Kategorisierungen sehr nützlich sein. Menschen einordnen zu können und ihr Verhalten abzuschätzen, vereinfacht oft den Umgang miteinander. Man braucht dann nicht bei jeder Begegnung komplett seine Beziehung zueinander neu zu erfinden. Schubladendenken kann das Leben leichter machen und hilft uns in vielen Situationen, die Eindrücke, die auf uns einströmen, zu sortieren und zu vereinfachen.

Schubladendenken verhindert gute Gespräche

Manchmal behindert uns das Schubladendenken aber auch. Nämlich immer dann, wenn es uns bei einer interessanten, berührenden oder irgendwie weiterführenden Erfahrung im Wege steht. Umso schöner ist es dann, wenn eine Schublade mal klemmt oder gar zerbricht. Denn ganz oft kann dabei eine sehr bereichernde Erfahrung herauskommen.

In letzter Zeit habe ich gleich mehrfach diese Erfahrung gemacht. Von zwei Beispielen will ich Ihnen erzählen.

Ich traf bei einer Party einen Menschen, den ich schon sehr lange kenne. Wir sprechen immer irgendwie das gleiche konventionelle Zeug. Aber diesmal verlief das Gespräch ganz anders. Ich kann gar nicht mehr sagen, wer von uns beiden vom üblichen Muster abwich. Aber wir befanden uns ganz plötzlich in einem interessanten Gespräch über die Herausforderungen unserer jeweiligen Berufe. Darüber, wie wichtig es ist, das zu tun, was einem wirklich am Herzen liegt, und wie wertvoll es ist, genau das von seiner Arbeit sagen zu können.

Eine neue Erfahrung

Plötzlich lernten wir uns ganz neu kennen. Ich erfuhr Dinge, die ich von meinem Gegenüber noch nicht wusste, und ich erzählte auch von mir Sachen, die ich so noch nie erwähnt hatte. Von da aus ging es dann ganz schnell hin zu tiefergehenden Themen und wir landeten bei weitaus Persönlicherem. Sodass es ein sehr anregendes und inspirierendes Gespräch wurde. Ein Gespräch, das ich auf dieser Party und mit diesem Menschen nicht erwartet hätte.

Bei einer anderen Gelegenheit saß ich plötzlich neben jemandem, bei dem ich nach einem kurzen Gespräch dachte: „Ne, mit der wirst du nicht warm. Wir haben ja so gar nichts gemeinsam.“ Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu. Aber irgendwie klemmte die Schublade auch hier. Denn plötzlich erzählte mir mein Gegenüber von einem Buch, das sie mal gelesen hatte. Diese Lektüre hatte ich von dieser Frau überhaupt nicht erwartet. Ich war überrascht und fragte nach. Wieder ein interessantes Gespräch und eine neue Seite, die ich kennen gelernt hatte. Und sie von mir hoffentlich auch.

Die Schublade nochmal öffnen

Nach beiden Begegnungen war ich sehr beschwingt und froh darüber, dass meine Schublade nicht so recht funktioniert hatte. Ich habe mich gefragt, was in diesen Begegnungen anders gelaufen ist als sonst. Was hat dazu geführt, dass mein Schubladendenken aufgeweicht wurde?

Schreib dich glücklich…

Es gibt eine bestimmte Art, ein Tagebuch zu schreiben. Eine Art, die dich wirklich voran bringt. Ein Tagebuch, das dich heilen kann. Pure Selbsterkenntnis. Und jede Menge Spaß: Projekt: Tagebuch.

Zwei Aspekte sind mir dabei besonders aufgefallen:

1. Beide Gesprächspartner haben etwas von sich persönlich erzählt.

Dabei ging es gar nicht um Intimes oder gar zu Persönliches. Nichts, was wir nicht auch jedem anderen Menschen erzählt hätten. Aber das Gespräch kam so auf eine andere Ebene und hatte plötzlich etwas mit uns persönlich zu tun. So ging es z. B. um Kindheitserlebnisse, wie wir uns beruflich weiterentwickelt haben oder welche Weggabelungen unserem Leben eine entscheidende Wende gegeben haben.

2. Beide Gesprächspartner haben offene und interessierte Fragen gestellt.

Die Fragen, die wir uns gegenseitig gestellt haben, zeigten echtes Interesse. Es waren häufig offene Fragen: „Wie war das? Was hast du dann gemacht? Wie kam das denn? Und dann?“ Also Fragen, die den anderen ins Erzählen brachten, ihn oder sie ermutigten weiterzuerzählen. Dieser fragte dann ebenfalls und ebenso interessiert nach, sodass ein interessantes und anregendes Gespräch zustande kam.

Auf diese Weise haben meine Gesprächspartner und ich uns besser kennen gelernt. Wir haben tiefergehende Gespräche geführt. Einfach indem wir echtes Interesse aneinander gezeigt haben und uns auf einer persönlicheren Ebene unterhalten haben.

Jeder hat sein Schubladendenken in der Hand

Diese Erlebnisse haben mich daran erinnert, dass ich es in der Hand habe, ob ich meine Schubladen nutze, z. B. dann, wenn sie mir den Umgang mit meiner Hausärztin, Freundinnen und Bekannten vereinfacht. Oder ob ich mich vielleicht öfter mal bewusst von meiner Kommode mit den vielen Schubladen abwende und mich frage: „Was könnte jetzt passieren, wenn ich den anderen ganz neu kennen lernen würde? Was für eine bereichernde Begegnung Erlebnis könnte daraus werden, wenn ich diese andere Person ganz neu wahrnehmen würde?“

Dabei helfen mir die zwei Faktoren, die ich herausgefunden habe, um den anderen auf neue und persönlichere Art und Weise kennen zu lernen:

  • etwas von mir persönlich erzählen
  • offene und interessierte Fragen stellen

Natürlich habe ich es nicht ganz alleine in der Hand. Der andere trägt ja auch seinen Teil dazu bei. Aber ich kann sozusagen den Boden bereiten für eine erweiterte Sichtweise. Indem ich etwas Persönliches von mir erzähle, dem anderen aufmerksam zuhöre und interessierte Fragen stelle. Jenseits meiner Schubladen im Kopf. Denn so wird mein Leben reicher und lebendiger und das meines Gegenübers vielleicht ja auch. Ich habe den festen Vorsatz, darauf verstärkt zu achten und mir und meinen Mitmenschen damit die Chance auf interessantere und lebendigere Gespräche zu geben. Abseits meiner Erwartungen und dessen, wie wir für gewöhnlich miteinander umgehen. Machst du mit?

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Kommentare

  • Danke an Euch für diesen lebensnahen Text! Ich lese Eure Tipps noch nicht lange, aber sie gefallen mir, weil sie soviel mit meiner eigenen Lebenserfahrung zu tun haben. Zu diesem Thema: Manchmal gibt es kleine, unerwartete Zeitfenster, Gelegenheiten, das Verhältnis zu einem anderen zu verbessern. Zuweilen habe ich mit Kolleginnen oder Kollegen Briefe eingetütet – richtig viele – oder auch nur nach einer größeren Runde den Geschirrspüler eingeräumt und den Tisch gewischt. Solche einfachen Tätigkeiten sind die beste Gelegenheit, dabei über das Leben zu sprechen und jenseits von Tratscherei etwas Positives vom anderen zu erfahren. Manchmal lässt sich das sogar arrangieren oder bewusst aufsuchen. Danke, dass Ihr mich daran erinnert habt!

  • Das passt alles sehr gut!

  • Tatsächlich… sowohl die Schublade in die ich mich steckte, stecken ließ, gesteckt wurde und wie ich mit anderen in der Vergangenheit oft umging ähnelt einer “klemmenden Schublade”. Nur was für ein Möbelstück? :-)

    Eine gute Woche Euch und viele Grüße.

    Sabine

  • Solange ich mich erinnern kann, habe ich von Eltern, Erziehern, Lehrern etc. gelernt: “Ueber sich selbst spricht man nicht”. “Das machen nur Arrogante, von sich Eingenommene, Egoisten, Egozentriker, Narzisten …..Leider habe ich das so verinnerlicht, dass ich schlussendlich erkannt habe, dass ich hoeren muss: “Von Dir weiss man ja nichts”. “Du haeltst Dich immerzu bedeckt”. Sie, lieber Herr Coach, haben mir die Augen geoeffnet: Tatsaechlich, wie sollen andere Menschen mich auch kennenlernen, wenn ich nie ueber mich spreche. Manche schliessen daraus tatsaechlich, dass ich mich “bedeckt halte”, und manche gehen in ihrer Schlussfolgerung weiter: “Offenbar hat sie etwas zu verbergen”. Ich weiss jetzt, dass ich nicht nur das Recht habe, ueber mich zu sprechen, sondern dass dies e

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