So tun als ob – bis man es kann

Irgendwann stehen wir alle vor so einer Situation, wo wir eine Herausforderung meistern wollen, aber noch so unerfahren sind, dass wir keinen Plan haben, wie wir es schaffen sollen. Oft ist es ein neuer Job, den wir antreten, oder eine neue Funktion nach einer Beförderung.

Bevor ich dazu komme, wie man solche Situationen konkret meistert, lade ich Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Was ist der Unterschied zwischen einem, der aussieht und handelt wie ein Arzt, und einem wirklichen Arzt? Haben Sie sich schon jemals das Prüfungszeugnis Ihres Arztes zeigen lassen? In der Regel reicht es Ihnen, wenn Sie wieder gesund werden. Man könnte sagen, solange jemand die Erscheinung eines Arztes auch in seinem Verhalten, in seinen Techniken und Funktionen perfekt imitiert, ist er ein Arzt. Das ist genau das Prinzip der Hochstapelei: So tun als ob. Dieses Prinzip ist äußerst erfolgreich, so weit sogar, dass Hochstapler unentdeckt bleiben, operieren und letztendlich erfolgreiche Ärzte werden. Ist es nicht faszinierend, wie viel Selbstvertrauen Hochstapler haben und wie viel Vertrauen ihnen dafür entgegengebracht wird?

Ich rufe hier natürlich nicht zur Hochstapelei auf, aber ich meine, dass man daraus etwas lernen kann. Denn besonders, wenn wir im Leben mit etwas Neuem anfangen, gut sein wollen, aber eben noch keine Erfahrung haben, stellt sich die Frage: Wie erlange ich das Selbstvertrauen und das Vertrauen meiner Mitmenschen, wenn ich doch selbst weiß, dass ich die Erwartungen kaum erfüllen kann? Es gilt besonders, die sich selbst erfüllende negative Prophezeiung zu vermeiden, die sich aus mangelndem Selbstvertrauen entwickelt. Dieser Mangel wird auch zu einem Mangel an Erfolgen führen und das produziert noch mehr Unsicherheit in die eigenen Fähigkeiten. Auf Englisch gibt es dagegen eine Redensart: Fake it till you make it. Spiele die Rolle so lange, bis sie dir passt. Aus psychologischer Perspektive hat das durchaus seine Berechtigung. Die Annahme ist, dass wir durch gespieltes Selbstvertrauen zu tatsächlichen Erfolgen gelangen werden. Diese tatsächlichen Erfolge wiederum führen zu echtem Selbstvertrauen und noch mehr Erfolgen. Das ist leichter gesagt als getan. Aber es gibt ein paar Tipps und Tricks, die dabei helfen können, die neue Rolle so gut zu spielen, bis man sie bald vollkommen ausfüllt:

1. Den Sprung wagen

Es hilft nichts: Sie müssen den Sprung wagen, z. B. vom Schüler zum Lehrer. Ich erinnere mich noch an meine erste Deutschstunde, die ich nicht mehr von der Bank aus erleben durfte, sondern die ich selbst unterrichten musste. Ich war aufgeregt, kam mir viel zu jung vor und machte mir Sorgen, dass die Studenten mich nicht respektieren würden. Trotz allen Zögerns kam der Moment, an dem ich die Tür aufmachte, in den Raum trat und die quatschenden Studenten laut unterbrach: „Guten Morgen. Ich bin euer neuer Deutschlehrer!“ In diesem Moment war ich durch meine eigene Proklamation vom Schüler zum Lehrer geworden. Es ist das Gute daran, den Sprung ins kalte Wasser einfach zu machen, dass es ab hier keinen Weg zurück mehr gibt. Die Sorge sind Sie schon mal los. Nun gilt es nur noch, nach vorn zu schauen.

2. Krawatten und Visitenkarten

Erst einmal zählt der Schein, das Sein kommt später. Überlegen Sie zuerst, was an der äußeren Erscheinung wichtig ist, um die Rolle zu verkörpern. Machen wir uns nichts vor: Anzüge und Krawatten sind vor allem dazu da, ein Statement zu machen und Sicherheit zu vermitteln. Auch der General ist ohne seine Sterne gar nichts. Bestellen Sie sich Visitenkarten und melden Sie sich in den relevanten Netzwerken mit dem neuen Titel an. Ändern Sie Ihre XING- und LinkedIn-Profile ab dem ersten Tag im neuen Job. Sie werden von sich und Ihrer neuen Rolle selbst viel überzeugter sein, wenn Sie sich schon mal äußerlich damit identifizieren. Außerdem ist es eine erhebliche Erleichterung, wenn Ihre Mitmenschen Sie für die Person halten, die Sie ab nun sein sollen.

3. Vorbilder beobachten und imitieren 

Denken Sie an die Meister Ihres Fachs, die Sie bewundern. Beobachten Sie diese Könner. Wie ist deren Körperhaltung, die Stimmlage, der Blick? Imitieren Sie diese Verhaltensweisen. Das gibt Ihnen die Sicherheit, dass Sie sich richtig verhalten. Noch heute denke ich an meinen ersten Chef, den ich wirklich bewunderte. Zu Anfang habe ich seinen Blick imitiert und in brenzligen Situationen überlegt, was er an meiner Stelle wohl machen würde. Noch heute nutze ich einige seiner Techniken, die immer funktioniert haben. Und wenn Sie das noch nicht überzeugt, dann denken Sie daran, wie Kinder lernen: Sie imitieren das Verhalten ihrer Eltern.

4. Ihr Markenzeichen

Es kann ungemein helfen, wenn Sie ein Markenzeichen haben. Das kann eine Marotte sein, Ihr Haarschnitt oder ein ausgefallenes Hobby, von dem die Leute nebenbei erfahren. Es darf nur nicht albern sein. Also zum Beispiel jeden Tag mit bunten kurzen Hosen ins Büro zu kommen, ist sicher auch eine Art Markenzeichen, aber da müssen Sie schon unheimlich gut sein, um sich damit Respekt zu verschaffen. Besser ist es zum Beispiel, immer die Tür auf zu haben, wenn das in Ihrer Firma sonst nicht üblich ist. Oder hören Sie klassische Musik im Büro. Auch Ängste und Abneigungen können sich als Markenzeichen eignen. Hassen Sie Gedränge und Mundgeruch im Fahrstuhl? Dann nehmen Sie konsequent die Treppe, selbst wenn es 6 Etagen sind. Das spricht sich rum, Sie sind dann die Treppensteigerin oder der Fahrstuhl-Phobiker und man wird vor Ihrer körperlichen Fitness den Hut ziehen.

5. Selbstbewusstsein zeigen

Auch, wenn es gerade anfangs schwerfällt: Zeigen Sie sich selbstbewusst, ohne arrogant zu sein. Zum Selbstbewusstsein zählt auch, sich selbst und anderen gegenüber Grenzen einzugestehen. Machen Sie das mit Größe und Selbstverständlichkeit. Andere können ruhig wissen, dass Sie neu im Fach sind und bereit sind, alles zu lernen, was dazugehört. Nur zeigen Sie sich nicht unsicher, sondern zuversichtlich, sodass man Ihnen vertraut. Die Menschen wollen Ihnen vertrauen, besonders auf der Arbeit. Denn dadurch brauchen sie sich keine Sorgen zu machen und können ihrer eigenen Arbeit nachgehen.

6. Lassen Sie sich nicht beirren

Solange Sie neu sind, wird man versuchen, Ihnen Arbeiten aufzudrücken, die eigentlich andere machen müssten. Man wird versuchen, Sie in eine Richtung zu drängen, die Ihnen selbst nicht lieb sein kann. Halten Sie an Ihren Ideen fest. Und um Himmels willen: Lassen Sie sich nicht zu viel erzählen! Je mehr Informationen Sie bekommen, desto komplizierter sieht alles aus. Das paralysiert. Behalten Sie einen klaren Kopf. Klinken Sie sich vor allem aus den Gesprächen aus, in denen Leute sich nur beschweren und keine Lösungen liefern.

7. Entscheidungsfähigkeit zeigen

Wenn Sie irgendwo neu sind, dann legen Sie keine falsche Bescheidenheit an den Tag. Treffen Sie Entscheidungen. Löschen Sie kleine Feuer sofort. Das zeigt, dass Sie tatsächlich die Befugnisse haben, die Ihrer neuen Rolle zustehen. Mit den großen strategischen Entscheidungen können Sie sich Zeit lassen, bis Sie alles genau kennen gelernt haben und die Risiken einschätzen können.

8. Bleiben Sie auf dem Boden

Wenn Sie zum Beispiel zum Chef befördert wurden, werden die Kollegen um Sie herum Sie plötzlich anders behandeln. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie plötzlich hofiert werden. Sie haben nun Macht. Das fühlt sich gut an, aber lassen Sie sich das nicht zu Kopf steigen. Es wird auch Neider geben, die Sie jetzt meiden oder ignorieren werden. Bleiben Sie bescheiden, freundlich und interessiert an allen Menschen um Sie herum.

9. Setzen Sie sich Meilensteine

Machen Sie sich immer wieder klar, dass Sie nicht alle Probleme lösen können – schon gar nicht von heute auf morgen. Entwickeln Sie eine Vorstellung davon, was Sie selbst in der neuen Rolle langfristig erreichen wollen. Schreiben Sie sich solche Ziele auf und auch die Etappen, die Sie auf dem Weg dahin erreichen wollen. Fangen Sie gleich damit an, die erste Etappe in Angriff zu nehmen. Teilen Sie Ihre Ziele und Meilensteine auch anderen mit, dadurch entsteht nicht nur gute Kommunikation, sondern auch eine Verpflichtung bei Ihnen und es wird wahrscheinlicher, dass Sie auch tatsächlich an der Erreichung Ihrer Ziele arbeiten werden.

10. Erfolge registrieren und gutschreiben

Schnell werden Sie merken, dass Sie in vielen Hinsichten bereits die Person sind, die Sie bis eben noch vorgaben zu sein. Andere folgen Ihnen, akzeptieren Ihre Autorität oder empfehlen Sie weiter. Registrieren Sie diese Erfolge und schreiben Sie sie sich gut. Notieren Sie sich auch die Erfolge, die Sie bei den aufgeschriebenen Zielen und Meilensteinen erreicht haben. Kucken Sie ab und zu, wo Sie stehen.

Natürlich sind diese Tipps keine Allheilmittel. Irgendetwas müssen Sie schon können. Nur mit Schauspielern wirds nichts werden. Und es kann selbstverständlich auch passieren, dass wir tatsächlich mal an einer Herausforderung scheitern. Das ist auch menschlich und gehört zum Leben. Dann schalten wir erst einmal einen Gang runter und nehmen bei Zeiten einen neuen Anlauf. Mir haben diese Tipps schon öfter geholfen. Ob beim Unterrichten vor Studenten, als frisch gebackener Coach bei meinen Klienten oder nach einer Beförderung. Diese Verhaltensweisen haben mir Selbstvertrauen gegeben und mich bei allen kleinen Fehlschlägen hier und da doch immer optimistisch gestimmt. Als Chirurg werde ich mich trotzdem nicht versuchen.

Über Gilbert Dietrich

Gilbert Dietrich ist ausgebildeter Coach und arbeitet als Personalleiter im Internet-Business. Seine Leidenschaften sind das Schreiben, der Sport und all die schönen Dinge eines intensiven Lebens. Auf seinem Blog Geist und Gegenwart wird der Suche nach dem Lebensglück aus der Perspektive von Coaching, philosophischer Praxis und Psychologie nachgegangen. Apropos: Wer mehr lesen will zum Minimalismus und wie er uns im Leben helfen kann, der findet auf Geist und Gegenwart eine kleine Linkliste zu weiterführenden Texten.

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