Trauer nach langer Zeit – der Raum der Verbundenheit

Trauer nach langer Zeit

Trauerst du um einen Menschen, den du vor längerer Zeit verloren hast? Vielleicht bereits vor vielen Jahren oder Jahrzehnten? Kennst du Trauer nach langer Zeit?

Sind dir Alltagsmomente vertraut, in denen dich die Trauer kalt erwischt? Ein Musikstück, ein Foto, eine Situation, die Erinnerungen wecken, die dich von jetzt auf gleich tief berühren und aufwühlen?

Oder kennst du besondere Gefühle und Gedanken an Weihnachten, Geburtstagen, am Todestag oder anderen Gedenktagen?

Mit wiederkehrender Trauer umgehen

Fragst du dich vielleicht, wie du mit diesen Momenten wiederkehrender Trauer umgehen kannst? Was du tun kannst, wenn die Trauer nach langer Zeit immer wieder kehrt?

Dann ist die Idee, von der ich in diesem Beitrag erzähle, etwas für dich. Aber wirklich nur, wenn dein Verlust schon länger zurückliegt. Falls du erst vor kurzem einen Menschen verloren hast, passt womöglich besser dieser Beitrag: Aus der Gehirnforschung: Mit der Trauer leben.

Wenn Trauer nach langer Zeit immer wieder spürbar wird, kann der „Raum der Verbundenheit“, wie ich ihn nenne, eine große Bereicherung sein.

Der Raum der Verbundenheit

Der Raum der Verbundenheit ist kein echter Raum mit stabilen Wänden, einer Tür und festem Boden. Er ist ein Raum, den du überall schaffen kannst, wo du ein wenig Zeit und Platz für dich findest.

Dieser Raum der Verbundenheit kann entstehen,

  1. wenn du einen Augenblick des Erinnerns erkennst. (Das ist ein Augenblick, in dem eine Erinnerung an den verlorenen Menschen spürbar wird.)
  2. wenn du dir Zeit nimmst, deinen Gefühlen und Gedanken in dem Augenblick des Erinnerns zu folgen. (Dazu brauchst du etwas Zeit. Wie viel? So viel, wie gerade möglich ist.)
  3. wenn du dich traust, dem verstorbenen Menschen nahe zu sein.
  4. wenn du dir selbst nah sein kannst.

Um diesen Raum der Verbundenheit als wohltuend und kraftspendend zu erleben, finde ich einen fünften Punkt noch sehr wesentlich:

  1. Du kannst den Raum der Verbundenheit auch wieder verlassen, um dein Leben voll und ganz zu leben.

Was passiert in diesem Raum der Verbundenheit?

1. Der Kloß im Hals – Augenblick des Erinnerns

Wenn du einen geliebten Menschen verloren hast, werden dich einige Situationen wahrscheinlich auch nach Jahren und Jahrzehnten aus deinem gewohnten Rhythmus werfen. Die meisten kennen diese Momente der Trauer nach langer Zeit gut.

Kalt erwischt: Oft erwischt es uns ganz kalt: das Musikstück im Radio, ein Foto, das dir in die Hände fällt. Eine ungewöhnliche Formulierung, die der Verstorbene immer genauso gewählt hat. Ein Ort, an dem du vorbeifährst, der dich mit dem verlorenen Menschen verbindet. Ein Kleidungsstück. Vielleicht auch ein Mensch, den du auf der Straße von weitem siehst und der dem Verstorbenen so ähnlich sieht, dass du für einen Bruchteil gedacht hast: „Da ist sie ja.“ – „Da ist er ja.“

Ich brauche einen neuen Job!

Aber welchen? Was kann ich? Was will ich? Welcher Job passt wirklich zu mir? Wo finde ich die guten Jobs? Fragen über Fragen. Antworten findest du hier: Projekt: Traumjob.

Etwas erzählen wollen: Oder du erlebst etwas Wunderschönes und würdest es gern mit dem geliebten Menschen teilen. Er ist aber nicht mehr da. Du kannst nicht einfach vorbeifahren, anrufen oder eine WhatsApp schreiben.

Du kannst nicht erzählen von einer Geburt, dem Umzug in die neue Wohnung, dem perfekten Regenbogen oder der Zusage für den Traumjob.

Erwartet und befürchtet: Mit anderem rechnest du bereits. Zum Beispiel am Geburtstag des Verstorbenen oder an deinem Geburtstag, an dem dieser Mensch nun fehlt. Todestage, Hochzeitstage, Weihnachten oder andere Gedenktage und Anlässe, die dich mit dem Verstorbenen verbinden. Stimmung und Gefühle an diesem Tag sind anders als früher.

Für Außenstehende ist die Trauer nach langer Zeit oft gar nicht spürbar. Aber innerlich geschehen mal mehr, mal weniger intensive Bewegungen. Vielleicht sprichst du es auch an. Sprichst mit deiner Freundin über den Geburtstag deiner Mutter oder mit einem Kollegen über den Todestag des Opas.

Wie gehst du gut mit Trauer nach langer Zeit um?

Ein erster sehr sinnvoller Schritt ist: Erkenne, dass etwas in dir passiert. Spüre die Trauer nach langer Zeit. Erkenne den Augenblick des Erinnerns. Das kann an allen möglichen Orten geschehen. In der Kassenschlange, beim Meeting im Büro oder mitten auf dem Kindergeburtstag deines Jüngsten.

Es hilft, wenn du innerlich merkst: Ach, da ist es. Ich spüre, dass sich etwas bewegt. Ich bin berührt. Ich bin aufgewühlt. Oder auch einfach: Ich fühle mich komisch. Denn Gefühle wegzudrücken, bringt auf Dauer gar nichts.

Erkennen bedeutet: Ich sehe, spüre, erkenne, dass etwas in mir geschieht. Ich erlebe Gefühle, die ich sonst so nicht habe. Diese können sehr unterschiedlich sein. Sowohl zwischen verschiedenen Menschen, aber auch bei dir persönlich. Das eine Mal durchströmt dich die Dankbarkeit. Ein anderes Mal bist du wütend. Und wieder ein andermal einfach traurig.

Nimm wahr, dass da Gefühle sind, dass sich etwas in dir regt. Denn diese Bewegungen verbinden dich mit deinem geliebten Menschen.

2. Wohin mit dem Aufruhr? – Zeit nehmen

Du spürst die Gefühle. Du merkst den Kloß im Hals, die aufsteigenden Tränen, die Wut, dass der andere nicht mehr da ist.

Und nun? Was machst du mit diesen Gefühlen?

Ein nächster guter Schritt ist, sich Zeit und Raum zu nehmen.

Trauer nach langer Zeit ist mehr als nur in Ordnung. Denn diese Gefühle sind etwas Wertvolles. Sie verbinden dich mit dem Menschen, um den du trauerst. Diese Verbindung zu spüren, kann einerseits schmerzhaft sein. Wenn du sie zulässt, kannst du aber auch spüren, dass sie dir etwas schenken. Sie können dir Kraft geben, dich beruhigen und vor allem fühlst du dich dem Verstorbenen nahe.

Sich Zeit und Raum nehmen bedeutet, sich Platz zu verschaffen.

Vielleicht kannst du dich einen Moment ganz ruhig hinstellen oder hinsetzen. Vielleicht gehst du dazu an einen anderen Ort. In der Stadt in eine Umkleidekabine, auf einer Party aufs WC.

Vielleicht passt es aber auch gerade zeitlich gut und du kannst dir wirklich etwas Raum für dich nehmen. Dann nutze diese Gelegenheit. Zieh dich zurück und leg alles beiseite, was dich ablenken könnte. Keine Hausarbeit, kein Aufräumen, keine Smartphone-Aktivitäten.

Jetzt ist Zeit, dich mit dem Menschen, an den du dich erinnerst, verbunden zu fühlen.

3. Ich fühle mich mit dir verbunden

In dem Moment der Stille kann alles Mögliche mit und in dir geschehen. Vielleicht erschreckt es dich auch etwas. Womöglich kommen ganz viele Gefühle hoch. Oder eines, das dir unangenehm ist. Vielleicht fühlst du dich aber auch ganz wohlig und warm mit dieser Situation.

  • Falls dich die Situation eher beunruhigt, kannst du dir zum Beispiel sagen: Es ist alles in Ordnung. Es ist in Ordnung, dass ich spüre, was ich spüre. Oder: Ich kann das aushalten. Es wird kommen und es wird wieder gehen. Jetzt kann ich es für einen Moment spüren. Du kannst dich selbst beruhigen.
  • Wenn dich die Gefühle zu überschwemmen drohen, es unangenehm ist, benenne deine Gefühle. Zum Beispiel: Ich fühle mich traurig. Oder: Ich spüre die Dankbarkeit. Oder: Ich merke meine Wut.

Es wird einfacher, je öfter du dich mit diesen Wahrnehmungen vertraut machst. Irgendwann begrüßt du die Trauer nach langer Zeit womöglich als willkommene Wegbegleiterin.

Vielleicht fühlst du dich auch einfach jetzt schon intuitiv wohl mit der Situation. Dann ist es wunderbar. Spüre einfach und gestalte sie so, dass sie dir angenehm ist.

Was tun im Raum der Verbundenheit?

Vielleicht brauchst du aber auch einige Ideen, die dich in dieser Situation begleiten können.

  • Sprich mit dem Menschen, dem du dich gerade nahe fühlst. Du kannst alles sagen, wonach dir ist.
  • Erinnere dich an gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen.
  • Denk darüber nach, was ihr nicht mehr gemeinsam erleben konntet oder könnt. Und spüre, was an Gefühlen in dir auftaucht.
  • Frag dich, was der andere zu einer Situation in deinem aktuellen Leben sagen würde.
  • Sieh dir ein Foto des anderen an und spür, was in dir vorgeht.
  • Lies dir alte Briefe, SMS oder WhatsApps durch.
  • Ruf jemanden an und teile, was dich bewegt.
  • Schreib deine Gefühle und Gedanken auf, auch in Form eines Briefes an den Verstorbenen.

Vielleicht entwickelt sich deine Zeit im Raum der Verbundenheit anders, als du es erwartet hast. Womöglich lachst du plötzlich los, weil du dich an eine sehr witzige Situation erinnerst. Oder du „hörst“ in dir, was der andere zur aktuellen politischen Lage äußert. Vielleicht fängst du überfallartig an zu weinen, um im nächsten Moment von Dankbarkeit erfüllt still vor dich hinzulächeln.

Alles Mögliche kann geschehen, wenn wir uns erlauben, die Trauer nach langer Zeit zu spüren. Und alles ist in Ordnung. Es sind deine ganz persönlichen Gefühle und Gedanken, die du mit diesem Menschen teilst oder verbindest. Und niemanden außer dir geht an, was in diesen Momenten geschieht. Sie gehören dir.

4. Sei dir selbst nah

Sei in dieser Situation für dich da. Und zwar so, wie du es dir von einem besonders freundlichen und liebevollen Menschen wünschen würdest. Sei dir selbst eine gute Freundin, ein guter Freund.

Offen: Damit meine ich ohne Bewertungen. Alles, was du fühlst, ist einfach da. Es ist weder gut noch schlecht. Gut und schlecht sind keine passenden Kategorien für diese Situation. Es geht eher um ein „Es ist, wie es ist“.

Unterstützend: Unterstütz dich selbst in dieser Situation. Wenn du ängstlich bist, spricht beruhigend zu dir selbst, wenn du traurig bist, tröste dich selbst, wenn du wütend bist, stärk dir selbst den Rücken.

Freundlich: Geh liebevoll mit dir um. Was würdest du zu einem Menschen sagen, der dir sehr, sehr wichtig ist? Für den du tiefes Mitgefühl empfindest? Denk daran, wie du mit einem kleinen Kind umgehen würdest oder mit deiner allerbesten Freundin oder deiner Lebenspartnerin.

Der Mensch, um den du trauerst, ist nicht mehr da. Aber du kannst dich ihm immer auch nahe fühlen. Euch verbindet viel und diese Verbundenheit zu spüren, kann wunderschön, gleichzeitig schmerzhaft und aufwühlend sein. Sie ist so, wie sie ist.

Und dein Leben ist, was es ist. Es ist dein Leben, das du jeden Tag aufs Neue gestaltest. Und in dieses Leben gehst du aus dieser Situation der Verbundenheit mit dem andern nun zurück.

5. Zurück in dein Leben

Es kann guttun, den Schritt zurück in den normalen Alltag bewusst zu machen. Das hilft dabei, sich wieder stärker nach vorne auszurichten. Dein Leben braucht Kraft und Energie und die gewinnst du auch, wenn du dich auf das konzentrierst, was jetzt gerade anliegt.

Es kann sein, dass du einfach nur das Abendessen kochen möchtest. Es kann aber auch darum gehen, das wichtige Projekt voranzutreiben, bei dem es um wirklich viel geht.

Der Schritt heraus aus dem Raum der Verbundenheit kann sich ganz unterschiedlich äußern. In der Fußgängerzone, auf einer Party oder beim Elternabend kann sich das in einem kurzen Straffen der Schultern, einem Strecken oder in einer anderen kleinen Geste äußern.

Dein persönliches Ritual

Falls du dich gerade länger zurückgezogen hast, hilft ein kurzes bewusstes Ritual. Ganz ähnlich, wie wir es ja auch machen, wenn wir uns nach einer Verabredung oder einem Besuch trennen.

Das kann ein Satz sein wie zum Beispiel:

„Ich geh jetzt zurück in mein Leben.“

Oder

„Ich gehe jetzt. Bis bald, Papa.“

Oder

„Ciao bella.“ … wenn das vielleicht euer üblicher Abschiedsgruß war.

Aber auch eine Geste kann ein sehr schöner Abschluss für diese Zeit der Verbundenheit sein.

Du verneigst dich.

Du atmest tief ein und wieder aus.

Du umarmst dich selbst.

Spüre am besten in dich hinein, was für dich passt. Auch hier gilt wieder: Es gibt kein richtig, kein falsch. Keine Regeln.

Den Schritt gehen

Und dann gehst du zurück in deinen Alltag.

Du verlässt die Umkleidekabine, in die du dich zurückgezogen hast, als die Trauer dich erwischt hatte. Oder du nimmst die Stimmen aus dem Wohnzimmer wahr, bevor du wieder zu deiner Familie gehst. Du rückst den Stuhl im Besprechungszimmer wieder an seinen Platz und gesellst dich zu deinen Kollegen.

Dabei bist du um eine Erfahrung reicher geworden. Du hast erlebt und gespürt, dass die Trauer und die Verbundenheit zu dem anderen immer noch ein Teil deines Lebens ist. Das ist mehr, als etwas zu denken oder zu sagen. Du hast es wirklich erlebt. Das berührt dich tiefer und verbindet dich mit deinem Innersten. Vielleicht ahnst du, dass die Trauer, die Erinnerungen und Gefühle dazu immer da sein werden. Immer wird dir die Trauer nach langer Zeit begegnen und dich berühren. Mal mehr, mal weniger. Mal schwächer, mal stärker.

Mir persönlich gibt dieser Raum der Verbundenheit sehr viel.

Wir sind alle unterwegs

Zum Abschluss möchte ich dir noch etwas erzählen, das ganz eng mit meinem Raum der Verbundenheit verwoben ist.

Eine ganze Weile nach dem Tod eines sehr nahen und lieben Menschen hatte ich immer noch den Eindruck, andauernd mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein. Zunehmend wünschte ich mir, die Schwere der Trauer loslassen zu können. Dabei war mir ganz wichtig: Diesen Menschen wollte ich nicht loslassen. Die Erinnerungen und alles, was mich mit ihm verband, würde und sollte auch für immer Teil meines Lebens sein.

Aber diese Schwere, die sollte weg.

Ich nahm an einem Trauerseminar teil. Dort begegnete mir ein Satz, der für mich sehr wichtig wurde:

Die Trauer ist der Weg.

Ich bin nun seit einer ganzen Weile schon unterwegs auf diesem Weg. Die bleierne Schwere konnte ich hinter mir lassen. Die Handbremse konnte ich lösen und ich bin längst wieder mit gewohnter Energie unterwegs. Und nach und nach habe ich gemerkt, dass dieser Weg der Trauer gut zu gehen ist. Es gehört für mich zu diesem Weg, die Trauer nach langer Zeit zu spüren.

Er ist nicht leicht, nicht einfach. Er macht keinen Spaß. Oft macht er traurig. Aber immer öfter auch dankbar und friedlich.

Das Geschenk der Erinnerungen

Ich fühle mich beschenkt durch all die Erinnerungen und Gefühle, die ich auf meinem Weg der Trauer erfahre. Und ein Teil dieses Weges sind die Augenblicke, die mich plötzlich überfallen. Situationen, in denen ich die Chance bekomme, mich denen verbunden zu fühlen, die mir fehlen. Deswegen freue ich mich mittlerweile über diese Augenblicke, selbst wenn sie traurig und schmerzhaft sind. Denn sie führen mich in den Raum der Verbundenheit.

Jedenfalls, wenn ich

  1. den Augenblick der Erinnerung erkenne,
  2. mir Zeit nehme,
  3. bereit bin, dem anderen nahe zu sein,
  4. bereit bin, mir selbst nahe zu sein.

Und dann führen mich die Augenblicke der Erinnerung auch zurück in mein Leben. In ein Leben, das durch diese Verbundenheit mit denen, die mir fehlen, reicher und lebendiger geworden ist.

Das ist mein persönlicher Weg. Vielleicht sieht dein Weg auch ganz anders aus. Das ist in Ordnung. Wir Trauernden sind alle unterwegs auf dem Weg der Trauer. Und die Wege sind alle verschieden. Ich wünsche dir, dass dein Weg ein gut zu gehender Weg ist. Ein Weg, der dich immer wieder in ein voll und ganz gelebtes Leben zurückführt.

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