Trauerphasenmodelle schaden mehr, als sie nutzen

Trauerphasenmodelle

Wer sich mit dem Thema Trauer befasst, stößt schnell auf so genannte Trauerphasenmodelle.

Phasenmodelle gehen davon aus, dass jemand, der einen geliebten Menschen verloren hat, in bestimmten Phasen auf diesen Verlust reagiert. Dabei wird jeder Phase ein spezifisches Erleben zugeordnet.

Zum Beispiel der ersten Phase nach dem Modell von Verena Kast das „Nicht-wahrhaben-Wollen“ des Verlustes des geliebten Menschen. Oder der „weitgehende Rückzug“ in der Phase der „Regression“ im Modell nach Yorick Spiegel.

Auf der Suche nach Orientierung

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung. In der Hoffnung, dass es einem Orientierung geben kann, versucht man, das eigene Erleben mit den Trauerphasen in Übereinstimmung zu bringen.

Oder Angehörige und Freunde von Trauernden versuchen, deren Reaktionen in ein Phasenmodell einzuordnen. So hört man beispielsweise: „Er ist noch in der Phase des ‚Nicht-wahrhaben-Wollens‘. Jetzt ist er sicher bald in der Phase der ‚Akzeptanz‘.“

Problematisch werden diese Einordnungen vor allem für:

  • Trauernde und Hinterbliebene, weil sie die trügerische Hoffnung wecken, dass sich abschätzen lässt, wann man mit der schmerzhaften Trauer „durch“ ist.
  • Hinterbliebene und Trauernde, die sich in den Phasen nicht wiederfinden. Die vielleicht keine Phase der Wut kennen. Oder die nach einer Phase des „Wieder nach vorne schauen“-Könnens erneut ein starkes Bedürfnis nach Rückzug empfinden.
  • Freunde, Kollegen und Angehörige Trauernder und Hinterbliebener, die in ihren Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht werden. So zum Beispiel, wenn ein Kollege denkt: „Die Phase des Rückzugs hatte sie doch schon vor ein paar Monaten. Nun muss doch die Phase der Akzeptanz kommen.“

Trauernde fühlen sich unzulänglich

Findet man sich in den Trauerphasen nicht wieder, kann das zu großen Irritationen führen. Der eine oder die andere stellt sich die Frage: „Bin ich verkehrt? Trauere ich nicht richtig?“ Oder: „Ich spüre keine Wut … stimmte etwas an der Beziehung mit dem Verstorbenen nicht?“ Solche und ähnliche Gedanken können sehr belastend sein.

Zu dem Kummer über den Verlust kommen dann noch Selbstzweifel und Verunsicherung hinzu.

Außerdem schüren Trauerphasenmodelle Hoffnungen, die sich häufig nicht bewahrheiten.

Trügerische Hoffnung

Die abschließende Phase eines Trauerphasenmodells beschreibt in der Regel die Vorstellung, dass Trauernde in ihr „normales“ Leben zurückfinden. Dass sie den Verlust akzeptieren können und womöglich einen Neuanfang wagen können.

Das ist in aller Regel auch der Fall. Wenn dies auch nach langer Zeit noch nicht so ist, spricht man von so genannter komplizierter Trauer. Diese sollte professionell begleitet werden, damit Hinterbliebene wieder Hoffnung und Zuversicht erleben können.

Aber auch, wenn es Trauernden letztendlich wieder möglich ist, ein vergleichsweise “normales Leben zu führen. So können sie doch immer wieder auch Zeiten tiefer Trauer und aufwühlender Gefühle erleben.

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“Vorbei” ist Trauer um einen nahestehenden Menschen in den allermeisten Fällen sicher nie. Daher schüren Trauerphasenmodelle bei Trauernden und Hinterbliebenen trügerische Hoffnungen.

Abweichung vom Phasenmodell

Trauernde, die sich an Phasenmodellen orientieren, denken vielleicht: „Jetzt bin ich in der dritten Phase des ‚Suchens, Findens, Sich-Trennens‘ (nach Verena Kast). Und danach kommt dann endlich die Erleichterung. Dann kann ich neue Möglichkeiten sehen, endlich nach vorne schauen.“

Oder in einem anderen Modell (Yorick Spiegel) gehen Trauernde womöglich davon aus, dass auf die Phase des Rückzugs die Phase der Anpassung folgen wird. Und damit verbunden eine langsame Rückkehr ins Leben.

Dieser Ablauf ist jedoch nicht zwingend. So kann es nach Tagen des Rückzugs auch wieder zu anderem Erleben kommen, das überhaupt gar nichts mit einem hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft zu tun hat. Vielleicht fühlt sich ein Hinterbliebener wieder innerlich wie tot. Oder empfindet den Schock, ohne den geliebten Menschen zu leben, unvermindert stark.

Ein hartnäckiger Mythos

Autoren von Trauermodellen beischreiben zwar auch, dass Phasen sich immer wieder abwechseln können. Dass nach einer durchlebten Phase wieder eine frühere Phase erlebt werden kann.

Dennoch: In der Praxis und in der Alltagspsychologie hält sich der Mythos von sich strickt aneinanderreihenden Trauerphasen hartnäckig. Und sorgt für Leid, Konflikte und Irritation.

Wer am eigenen Leib erfahren hat, wie irritierend Phasenmodelle für einen selbst, aber auch für Angehörige sein können, fragt sich: Wem nutzen diese Modelle überhaupt? Was bringt es, wenn man sie in die Trauerbegleitung einbezieht?

Wissenschaftliche Untersuchung zu Trauerphasenmodellen

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Utrecht von Margaret Stroebe, Henk Schut und Kathrin Boerner kommt zu dem Schluss, dass Trauerphasenmodelle für Trauernder und Hinterbliebene schädlich sind.

Folgende Kritikpunkte haben die Forscher zusammengetragen:

  1. Phasenmodelle helfen nicht dabei, diejenigen Trauernden zu identifizieren, die besonders lange und stark unter ihrer Trauer leiden. Also diejenigen, die unter der so genannten komplizierten Trauer leiden und von professioneller Hilfe profitieren würden.
  2. Eine klare Abgrenzbarkeit der Phasen ist nicht möglich.
  3. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für das Aufeinanderfolgen der Phasen.
  4. Alternative Modelle wurden von den Urhebern der Phasenmodelle nicht berücksichtigt.

Und zuletzt der für das Leben Trauernder und Hinterbliebener wichtigste Punkt:

  1. Die Orientierung Trauernder und deren Begleiter an den Trauerphasenmodellen kann zu falschen Erwartungen führen. Trauernde, die sich nicht mit den Trauerphasen oder nicht mit deren Ablauf identifizieren können, leiden womöglich darunter. Sie fühlen sich „falsch“, „verkehrt“. Manch einer denkt, er oder sie trauere nicht „richtig“, weil er manche Phasen nicht kennt. Oder in seiner Trauer nicht dem Ablauf der Trauerphasenmodelle folgt.

Trauer ist individuell verschieden

Was ist wichtig, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren?

Wichtig ist vor allem, wahrzunehmen und anzunehmen, was gerade geschieht.

Sich selbst ernst zu nehmen, Verständnis für sich selbst zu haben. Zu erkennen: „Was brauche ich gerade?“

Wenn du mehr darüber wissen möchtest, lies:

„Aus der Gehirnforschung: Mit der Trauer leben“

Und wenn dich die Trauer längere Zeit nach dem Verlust immer wieder berührt, schau dir „Trauer nach langer Zeit – der Raum der Verbundenheit“ an.

Und wenn du auf der Suche nach Sprüchen und Zitate zur Trauer bist, lade dir hier 12 berührende Sprüche und Zitate zu Trauer und Abschied herunter. Mit Fotos gestaltet im Postkartenformat.

Quellen:

Margaret Stroebe, Henk Schut, Kathrin Boerner: Vorsicht: Trauerphasenmodelle führen Hinterbliebene in die Irre. Eine Warnung an Fachkräfte im Gesundheitswesen., in: Newsletter der Seite Trauerforschung im Fokus vom 09.10.2017

Stroebe, Margaret; Schut, Henk; Boerner, Kathrin (2017): “Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief”, in: OMEGA-Journal of Death and Dying, Vol. 74, Nr. 4, S. 455–473.

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