Verzeihen – die einzige vernünftige Wahl

Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht verzeihen. Dinge, die uns tief verwundet haben. So tief, dass wir den Täter am liebsten nie wiedersehen möchten. Vielleicht sogar so tief, dass wir dem Täter die Pest an den Hals wünschen.

  • Das Schwein, das mich aus meinem Job gemobbt hat.
  • Mein Ex, der unsere Ehe einfach nach 25 Jahren weggeschmissen hat. Vielleicht sogar wegen einer anderen.
  • Meine Schwester, die mir im Streit so hässliche Sachen an den Kopf geworfen hat, dass ich sie nie wiedersehen will.
  • Mein Vater, der nie ein gutes Wort für mich hatte, so dass ich mich immer wie der letzte Dreck gefühlt habe.

Wir tragen unsere Narben mit uns rum. Und viele der Narben tun heute noch weh, selbst wenn die Verletzung 30 Jahre zurückliegt. Und wir grollen dem, der uns die Wunde zugefügt hat, wieder und wieder. Manchmal sogar jeden Tag.

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Vielleicht kennen du auch jemanden, der so eine Wunde hat. Einen Menschen, der eine Verletzung mit sich rumträgt, die er einfach nicht verzeihen kann.

Wenn man so jemandem in seinem Schmerz und seiner Bitterkeit begegnet, dann denkt man oft:

„Nun lass diese alte Geschichte doch mal los. Damit änderst du doch die Vergangenheit auch nicht. Mit deinem Groll tust du dir doch nur noch selbst weh.“

Aber das kann man natürlich nicht, wenn der Schmerz tief sitzt. Selbst wenn man längst erkannt hat, dass man sich mit seinem Festhalten am Schmerz nur noch selbst schadet. Dass man das eigene Leben vergiftet, weil man nicht loslassen und verzeihen kann.

Was macht man in so einer Situation? Also wenn man erkannt hat, dass man eigentlich verzeihen sollte – zum eigenen Wohle –, aber nicht verzeihen kann?

Dann muss man vielleicht etwas ändern. Dann muss man vielleicht sich ändern. Und Verzeihen ist tatsächlich eine Fähigkeit. Es gibt einige Dinge, die du aktiv tun kannst, um den Schmerz kleiner zu machen, um loszulassen, um verzeihen zu können.

Wenn Verzeihen eine Fähigkeit ist, wie kann man das dann lernen?

Zuerst ist es wichtig, sich erst einmal Zeit zu geben, die Sache zu verarbeiten. Wenn deine Frau dich vor drei Wochen verlassen hat, dann ist es zu früh, mit dem Verzeihen und Loslassen zu beginnen. Gib dir ausreichend Zeit, um den Schmerz natürlich zu verarbeiten. Diese Erkenntnis stammt aus der Traumaforschung. Es ist wichtig, erst einmal die natürlichen Heilungskräfte auf Verwundungen loszulassen. Wie lange man sich Zeit geben sollte, hängt natürlich von den Umständen ab. Manchmal sind es einige Wochen oder sogar Monate.

Wenn es aber nach einigen Monaten nicht besser wird, dann wird es Zeit. Zeit, den Schmerz aktiv loszulassen. Zeit, mit dem aktiven Verzeihen zu beginnen.

Das wirksamste Mittel zum Verzeihen ist folgendes: Suche den Sinn in dem, was dir passiert ist. 

Gute Entscheidung = Gutes Leben

Eine gute Entscheidung ist eine Wahl, die du hinterher nicht bereuen musst. Mit Herz und Verstand. Systematisch. Alles Wichtige berücksichtigen. Deine Entscheidung in 7 Tagen.

Lass mich erklären: Es gibt einen Zweig der Psychologie, das ist die Resilienzforschung. Dieser Zweig beschäftigt sich mit der Frage: Warum sind manche Menschen psychisch widerstandsfähiger als andere? Oder: Warum kommen manche Menschen mit Ungerechtigkeit, Verletzung oder Zurückweisung besser zurecht als andere?

Und die Resilienzforschung sagt ganz klar: Die Menschen, die schmerzhaften und sogar traumatischen Ereignissen einen positiven Sinn zuweisen können, sind widerstandsfähiger.

Die Betonung liegt auf „zuweisen“. Denn diese psychisch robusten Menschen geben dem schmerzhaften Ereignis ganz gezielt eine positive Bedeutung, wo andere Menschen sich nur fragen „Warum ich?“ oder „Warum hat er mir das angetan?“.

Widerstandsfähige Menschen stellen sich bei Verletzungen Fragen wie:

  • Auch wenn es weh tut, was kann ich daraus lernen?

  • Auch wenn ich mir das anders wünschen würde, was könnte sich Gutes aus dieser Sache entwickeln, sobald ich es verarbeitet habe?

  • Was ist das versteckte Geschenk in diesem unangenehmen Ereignis?

  • Welche der guten Dinge in meinem Leben hätte ich nicht erlebt, wenn diese schmerzhafte Sache nicht passiert wäre?

  • War dieses schmerzhafte Erlebnis vielleicht ein Weckruf, etwas in meinem Leben zu ändern?

  • Welche positive Entwicklung hat das schmerzhafte Erlebnis bei mir angestoßen?

  • Was habe ich durch das schmerzhafte Erlebnis getan, was ich sonst nie in Angriff genommen hätte?

Diese Fragen helfen dir dabei, das schmerzhafte Erlebnis positiver zu bewerten. Und sie helfen dir, einen Sinn in dem zu finden, was passiert ist. Was dann unsere seelische Widerstandsfähigkeit erhöht. Und was uns einfacher verzeihen lässt.

Hast du noch eine emotionale Altlast, die du jemandem vorwirfst? Dann probiere die Fragen von oben doch einmal aus.

Übrigens helfen die Fragen am besten, wenn man sie wieder und wieder stellt. Sie helfen noch besser, wenn man das Ganze immer wieder schriftlich macht.

Du kannst auch noch weiter gehen. Wobei der nächste Schritt eine gewisse Offenheit und einen Abstand erfordert. Vielleicht fängst du erst mal mit den Fragen von oben an. Und wenn du schon ein bisschen losgelassen hast, gehst du weiter, um noch mehr Last von deinen Schultern zu nehmen.

Willst du einen Schritt weiter gehen? Dann los …

Du bist zu dem Schluss gekommen, dass das schmerzhafte Erlebnis auch positive Seiten hatte? Dass es in mancher Hinsicht oder auf abstruse Weise irgendwie auch gut war, was passiert ist?

Wenn die Sache auch etwas Gutes hatte, kannst du dem Auslöser des Schmerzes ja eigentlich auch ein bisschen dankbar sein.

Was? Wie kann ich so etwas vorschlagen? Du sollst diesem Täter, diesem Schwein, diesem Unmenschen auch noch dankbar sein?

Ja, tatsächlich.

Weil dieser Mensch offensichtlich nicht nur der Mitverursacher deines Schmerzes ist. Er ist auch mit der Auslöser der positiven Nebenwirkungen des schmerzhaften Erlebnisses. Ohne diesen Menschen hätte es die positive Entwicklung wahrscheinlich nicht gegeben. Also kann man doch die Rolle des „Täters“ auch ein bisschen würdigen, auch wenn es vielleicht erst einmal schwerfällt.

  • Sie hat ihn nach 25 Jahren Ehe sitzen gelassen. Aber wenn sie das nicht getan hätte, dann hätte er nie gelernt, mit sich selbst zurechtzukommen. Danke dafür.
  • Der Vater hat durch seinen Alkoholismus die Kindheit seines Sohns zur Hölle gemacht. Aber 20 Jahre später weiß der Sohn: Dadurch habe ich sehr früh gelernt, Verantwortung für mich zu übernehmen, und sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Danke dafür.
  • Der Chef mobbt seinen unbequemen Mitarbeiter mit den unwürdigsten Mitteln aus der Firma. 2 Jahre später ist der Mitarbeiter froh, denn ohne diesen unsanften Tritt hätte er sich nie selbstständig gemacht. Danke dafür.

Man kann an Verletzungen zu Grunde gehen. Oder man kann daran wachsen und sie für die eigene Entwicklung nutzen. Und dann vielleicht sogar ein zaghaftes Danke sagen. Nicht für die schmerzvolle Erfahrung. Sondern für die Entwicklung, die der Schmerzverursacher durch sein Handeln angestoßen hat.

Und dieses Umdenken kann der erste Schritt zum Verzeihen sein.

Willst du noch einen Schritt weiter gehen?

Dieser Schritt kann allerdings hart sein.

Falls du dazu bereit bist, kannst du dich noch mit den folgenden Fragen auseinandersetzen, um das Thema Schuld noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Hier die Fragen. Bitte langsam lesen und intensiv darüber nachdenken.

  • Tun Menschen manchmal falsche Dinge, aus innerer Not, einfach weil sie es nicht besser können oder weil sie Angst haben?
  • Habe ich schon mal etwas getan, worauf ich nicht stolz bin? Vielleicht weil ich es nicht besser konnte, weil ich feige war, weil ich Angst hatte, weil ich durcheinander war, weil ich eben auch nur ein Mensch bin?
  • Habe ich schon mal einem Menschen weh getan? Unabsichtlich, aus Nachlässigkeit, aus Unachtsamkeit oder vielleicht sogar aus Wut oder Rache?
  • Möchte ich, dass man mir meine Fehltritte verzeiht? Die großen und die kleinen?
  • Ist es wichtig, dass man anderen Menschen ihre Fehltritte verzeiht?
  • Wenn ich meinem Peiniger verzeihen würde, was würde ich dann verlieren? Und was würde ich dadurch gewinnen?

Reflektiere diese Fragen öfters. Vielleicht schriftlich. Immer wieder. Und vielleicht wird sich deine Einstellung und deine Gefühlslage mit der Zeit verändern. Du wirst so vielleicht verzeihen können.

Ja, es gibt wahrscheinlich wirklich Dinge, die man nicht verzeihen kann. Es ist nur die Frage, wem man durch die eigene Unversöhnlichkeit am stärksten schadet. Meistens ist man es selbst.

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