Verzeihen – die einzige vernünftige Wahl

Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht verzeihen. Dinge, die uns tief verwundet haben. So tief, dass wir den Täter am liebsten nie wiedersehen möchten. Vielleicht sogar so tief, dass wir dem Täter die Pest an den Hals wünschen.

  • Das Schwein, das mich aus meinem Job gemobbt hat.
  • Mein Ex, der unsere Ehe einfach nach 25 Jahren weggeschmissen hat. Vielleicht sogar wegen einer anderen.
  • Meine Schwester, die mir im Streit so hässliche Sachen an den Kopf geworfen hat, dass ich sie nie wiedersehen will.
  • Mein Vater, der nie ein gutes Wort für mich hatte, so dass ich mich immer wie der letzte Dreck gefühlt habe.

Wir tragen unsere Narben mit uns rum. Und viele der Narben tun heute noch weh, selbst wenn die Verletzung 30 Jahre zurückliegt. Und wir grollen dem, der uns die Wunde zugefügt hat, wieder und wieder. Manchmal sogar jeden Tag.

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Vielleicht kennen du auch jemanden, der so eine Wunde hat. Einen Menschen, der eine Verletzung mit sich rumträgt, die er einfach nicht verzeihen kann.

Wenn man so jemandem in seinem Schmerz und seiner Bitterkeit begegnet, dann denkt man oft:

„Nun lass diese alte Geschichte doch mal los. Damit änderst du doch die Vergangenheit auch nicht. Mit deinem Groll tust du dir doch nur noch selbst weh.“

Aber das kann man natürlich nicht, wenn der Schmerz tief sitzt. Selbst wenn man längst erkannt hat, dass man sich mit seinem Festhalten am Schmerz nur noch selbst schadet. Dass man das eigene Leben vergiftet, weil man nicht loslassen und verzeihen kann.

Was macht man in so einer Situation? Also wenn man erkannt hat, dass man eigentlich verzeihen sollte – zum eigenen Wohle –, aber nicht verzeihen kann?

Dann muss man vielleicht etwas ändern. Dann muss man vielleicht sich ändern. Und Verzeihen ist tatsächlich eine Fähigkeit. Es gibt einige Dinge, die du aktiv tun kannst, um den Schmerz kleiner zu machen, um loszulassen, um verzeihen zu können.

Wenn Verzeihen eine Fähigkeit ist, wie kann man das dann lernen?

Zuerst ist es wichtig, sich erst einmal Zeit zu geben, die Sache zu verarbeiten. Wenn deine Frau dich vor drei Wochen verlassen hat, dann ist es zu früh, mit dem Verzeihen und Loslassen zu beginnen. Gib dir ausreichend Zeit, um den Schmerz natürlich zu verarbeiten. Diese Erkenntnis stammt aus der Traumaforschung. Es ist wichtig, erst einmal die natürlichen Heilungskräfte auf Verwundungen loszulassen. Wie lange man sich Zeit geben sollte, hängt natürlich von den Umständen ab. Manchmal sind es einige Wochen oder sogar Monate.

Wenn es aber nach einigen Monaten nicht besser wird, dann wird es Zeit. Zeit, den Schmerz aktiv loszulassen. Zeit, mit dem aktiven Verzeihen zu beginnen.

Das wirksamste Mittel zum Verzeihen ist folgendes: Suche den Sinn in dem, was dir passiert ist. 

Es vielleicht endlich angehen. Es ist vielleicht Zeit. Das Richtige zu tun. In kleinen Schritten ist es am einfachsten. Ernährung. Gewicht. Gesundheit. Produktivität. Bewegung. Beweglichkeit. Was es auch ist: Du kannst die Sache in die Hand nehmen und es in unserem Training in kleinen Schritten schmerzfrei angehen. Dein Erfolgserlebnis. (Start: Montag 25.9 – letzte Anmeldemöglichkeit: Mittwoch 27.9.)

Lass mich erklären: Es gibt einen Zweig der Psychologie, das ist die Resilienzforschung. Dieser Zweig beschäftigt sich mit der Frage: Warum sind manche Menschen psychisch widerstandsfähiger als andere? Oder: Warum kommen manche Menschen mit Ungerechtigkeit, Verletzung oder Zurückweisung besser zurecht als andere?

Und die Resilienzforschung sagt ganz klar: Die Menschen, die schmerzhaften und sogar traumatischen Ereignissen einen positiven Sinn zuweisen können, sind widerstandsfähiger.

Die Betonung liegt auf „zuweisen“. Denn diese psychisch robusten Menschen geben dem schmerzhaften Ereignis ganz gezielt eine positive Bedeutung, wo andere Menschen sich nur fragen „Warum ich?“ oder „Warum hat er mir das angetan?“.

Widerstandsfähige Menschen stellen sich bei Verletzungen Fragen wie:

  • Auch wenn es weh tut, was kann ich daraus lernen?

  • Auch wenn ich mir das anders wünschen würde, was könnte sich Gutes aus dieser Sache entwickeln, sobald ich es verarbeitet habe?

  • Was ist das versteckte Geschenk in diesem unangenehmen Ereignis?

  • Welche der guten Dinge in meinem Leben hätte ich nicht erlebt, wenn diese schmerzhafte Sache nicht passiert wäre?

  • War dieses schmerzhafte Erlebnis vielleicht ein Weckruf, etwas in meinem Leben zu ändern?

  • Welche positive Entwicklung hat das schmerzhafte Erlebnis bei mir angestoßen?

  • Was habe ich durch das schmerzhafte Erlebnis getan, was ich sonst nie in Angriff genommen hätte?

Diese Fragen helfen dir dabei, das schmerzhafte Erlebnis positiver zu bewerten. Und sie helfen dir, einen Sinn in dem zu finden, was passiert ist. Was dann unsere seelische Widerstandsfähigkeit erhöht. Und was uns einfacher verzeihen lässt.

Hast du noch eine emotionale Altlast, die du jemandem vorwirfst? Dann probiere die Fragen von oben doch einmal aus.

Übrigens helfen die Fragen am besten, wenn man sie wieder und wieder stellt. Sie helfen noch besser, wenn man das Ganze immer wieder schriftlich macht.

Du kannst auch noch weiter gehen. Wobei der nächste Schritt eine gewisse Offenheit und einen Abstand erfordert. Vielleicht fängst du erst mal mit den Fragen von oben an. Und wenn du schon ein bisschen losgelassen hast, gehst du weiter, um noch mehr Last von deinen Schultern zu nehmen.

Willst du einen Schritt weiter gehen? Dann los …

Du bist zu dem Schluss gekommen, dass das schmerzhafte Erlebnis auch positive Seiten hatte? Dass es in mancher Hinsicht oder auf abstruse Weise irgendwie auch gut war, was passiert ist?

Wenn die Sache auch etwas Gutes hatte, kannst du dem Auslöser des Schmerzes ja eigentlich auch ein bisschen dankbar sein.

Was? Wie kann ich so etwas vorschlagen? Du sollst diesem Täter, diesem Schwein, diesem Unmenschen auch noch dankbar sein?

Ja, tatsächlich.

Weil dieser Mensch offensichtlich nicht nur der Mitverursacher deines Schmerzes ist. Er ist auch mit der Auslöser der positiven Nebenwirkungen des schmerzhaften Erlebnisses. Ohne diesen Menschen hätte es die positive Entwicklung wahrscheinlich nicht gegeben. Also kann man doch die Rolle des „Täters“ auch ein bisschen würdigen, auch wenn es vielleicht erst einmal schwerfällt.

  • Sie hat ihn nach 25 Jahren Ehe sitzen gelassen. Aber wenn sie das nicht getan hätte, dann hätte er nie gelernt, mit sich selbst zurechtzukommen. Danke dafür.
  • Der Vater hat durch seinen Alkoholismus die Kindheit seines Sohns zur Hölle gemacht. Aber 20 Jahre später weiß der Sohn: Dadurch habe ich sehr früh gelernt, Verantwortung für mich zu übernehmen, und sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Danke dafür.
  • Der Chef mobbt seinen unbequemen Mitarbeiter mit den unwürdigsten Mitteln aus der Firma. 2 Jahre später ist der Mitarbeiter froh, denn ohne diesen unsanften Tritt hätte er sich nie selbstständig gemacht. Danke dafür.

Man kann an Verletzungen zu Grunde gehen. Oder man kann daran wachsen und sie für die eigene Entwicklung nutzen. Und dann vielleicht sogar ein zaghaftes Danke sagen. Nicht für die schmerzvolle Erfahrung. Sondern für die Entwicklung, die der Schmerzverursacher durch sein Handeln angestoßen hat.

Und dieses Umdenken kann der erste Schritt zum Verzeihen sein.

Willst du noch einen Schritt weiter gehen?

Dieser Schritt kann allerdings hart sein.

Falls du dazu bereit bist, kannst du dich noch mit den folgenden Fragen auseinandersetzen, um das Thema Schuld noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Hier die Fragen. Bitte langsam lesen und intensiv darüber nachdenken.

  • Tun Menschen manchmal falsche Dinge, aus innerer Not, einfach weil sie es nicht besser können oder weil sie Angst haben?
  • Habe ich schon mal etwas getan, worauf ich nicht stolz bin? Vielleicht weil ich es nicht besser konnte, weil ich feige war, weil ich Angst hatte, weil ich durcheinander war, weil ich eben auch nur ein Mensch bin?
  • Habe ich schon mal einem Menschen weh getan? Unabsichtlich, aus Nachlässigkeit, aus Unachtsamkeit oder vielleicht sogar aus Wut oder Rache?
  • Möchte ich, dass man mir meine Fehltritte verzeiht? Die großen und die kleinen?
  • Ist es wichtig, dass man anderen Menschen ihre Fehltritte verzeiht?
  • Wenn ich meinem Peiniger verzeihen würde, was würde ich dann verlieren? Und was würde ich dadurch gewinnen?

Reflektiere diese Fragen öfters. Vielleicht schriftlich. Immer wieder. Und vielleicht wird sich deine Einstellung und deine Gefühlslage mit der Zeit verändern. Du wirst so vielleicht verzeihen können.

Ja, es gibt wahrscheinlich wirklich Dinge, die man nicht verzeihen kann. Es ist nur die Frage, wem man durch die eigene Unversöhnlichkeit am stärksten schadet. Meistens ist man es selbst.

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Kommentare

  • Hallo Community

    Ich wollte fragen, ob ich einem Feind, dass vorher ein Freund war, soll Verzeihen und wie? Ohne eure Hilfe komm ich nicht in meinem Leben weiter. Danke im voraus.

    • Johanna M. schreibt am 8. Januar 2017

      David,
      vielleicht hast du dein Problem schon gelöst.
      Mir fällt dazu ein, dass du deinem Feind/Freund mal in einem passendem Augenblick sagst, was dich so gekränkt hat, warum du dich verletzt fühlst, wo es vielleicht ein Missverständnis gab.
      Die meisten Probleme kommen von ZUWENIG REDEN oder SCHWEIGEN STATT AUSREDEN oder aus STOLZ.
      Man kommt dadurch auch nicht weiter. Heilen können Wunden nur, wenn man manchmal über seinen Schatten springt und das Problem zur Sprache bringt. Stolz hin oder her – jeder der beiden Streitparteien wird froh darüber sein, denn beide leiden darunter, auch wenn es jemand nicht zugibt.
      Alles Gute beim Verzeihen üben… Johanna

  • Schwieriges Thema habt Ihr hier gewählt.. aber wie sagt der Spruch: “Das Leben ist schön. Es war nie die Rede von “einfach”. ”
    Ich glaube, es gilt zu versuchen, die SITUATION von der PERSON zu trennen. (Die Situation ist wie sie ist, aber JEDER nimmt sie anders wahr & JEDER hat mehr oder minder seine eigenen Probleme. Treffen diese aufeinander, kann es gut gehen oder eben nicht!
    Der Person dankbar sein? Ich denke, eher der Situation dankbar zu sein – die PERSON ist/war nur der Auslöser (von außen). Ich finde es leichter, mit einer “Situation nicht umgehen zu können” als “die Schuld bei Personen zu suchen” bzw. Probleme zu “personifizieren”. (Deshalb nehmen es viele Menschen “persönlich” und nehmen meist eine DEFENSIVE Haltung ein, worauf meist Rechtfertigung oder Streit folgt. Dieser Lösungsweg würde ich eher als “negativ” bezeichnen.)
    Wer weiß denn schon, wie die “Realität” oder “der richtige Weg” aussieht, ohne den “Bildern, Gedanken gepaart mit Emotionen etc.” im EIGENEN Kopf Beachtung zu schenken?

  • Hallo.
    Nachdem ich den Film “Ben Hur” (Fassung 1959) gesehen hatte, konnte ich allen meinen Feinden vergeben. Natürlich hat man hin und wieder noch Kämpfe, aber diesen Film kann ich sehr empfehlen um innerlich Heil zu werden.

  • Hallo zusammen,
    bin durch Zufall gestern auf diese Seite geraten und bin beeindruckt mit welchem Engagement und Ernst die Diskussion zum Thema Vergeben geführt wurde.

    Als vor einigen Wochen Nelson Mandela in Nachrufen und Rückblicken gewürdigt wurde, ist mir eine Sache aufgefallen, die ich in diesem Zusammenhang wichtig finde. Er kämpfte für den Erfolg seiner Sache mit allen Mitteln und konnte nach dem Sieg vergeben. Er verhandelte schon davor mit seinen Gegnern, als sie ihn als zukünftigen Partner akzeptierten. Vielleicht gehört zum Vergeben auch, die eigene Befreiung zu erkämpfen und dass der “Schuldige” einem Respekt zeigt, seine Schuld eingesteht, vielleicht sogar um Vergebung bittet.

    Schöne Grüße an alle

    Bernhard

    • mn schreibt am 16. Mai 2016

      Hallo Ralf!
      Es gibt da so eine Sache mit der ich schon seit längerem hadere und nicht so recht weiß was ich tun soll und wie ich die Sache verzeihen soll.
      Ich kann die Sache noch nicht so drehen, dass ich in die Ich-Perspektive komme und raus aus der Beschuldiger/Verfolger-Rolle.

      Ich bin mit meinem Freund seit fast 6 Jahren zusammen. Wir haben uns zu Studentenzeiten kennen gelernt, wo wir auch gerne gemeinsam ein paar Gläschen geleert haben.

      Vor drei Monaten waren wir mit unserem Freundeskreis gemeinsam weg. Ich war müde und ging früher in unsere gemeinsame Wohnung schlafen.

      Nach ein paar Stunden kam auch er nach Hause und belästigte mich im Schlaf sexuell. Ich versuchte ihn von mir abzuwenden und runter zu stoßen, doch er war stärker. Irgendwann konnte ich ihn von mir hiefen und schlief dann erneut ein.
      Er bekam von dem allem nichts mit.

      Am nächsten Tag wachte ich ohne Höschen und feucht zwischen den Beinen auf. Wir hatten einen Megastreit, ich packte meine Sachen und ging zu meiner Schwester. Blöderweise waren meine beiden besten Freundinnen auf Erasmus und von meinen anderen Freunden und Freundinnen hatte keiner Zeit. Was genau passiert war wollte ich aus Scham und zu seinem Schutz nicht sagen und teilt nur mit, dass wir einen Streit hatten. Ich haute ab und ging letztendlich um noch ein paar Stunden zu vertrödeln ins Kino, denn zu allem Überfluss war es kalt und regnete.

      Er rief mich an und ging auf mein Anraten für einen Tag zu seiner Mutter.

      Meine Periode bekam ich dann drei Wochen zu spät und hatte Panik von diesem Vorfall schwanger zu sein.

      Wie kann ich ihm verzeihen und die ganze Geschichte vergessen?

  • Wir alle waren schon Opfer und Täter. Oftmals aus Unwissenheit oder weil wir glaubten dass es keinen anderen Weg gibt. Mal mehr mal weniger. Wir alle wissen wie es sich anfühlt wenn einem nicht verziehen wird und darum ist es notwendig Verzeihen zu praktizieren, damit sich etwas Neues entwickeln kann in uns und wir aus diesem Schmerz herausgehen können. Letztendlich tun wir es für uns, um dass uns auch verziehen werden kann. Damit entfernt man die Wiederholungen dieser Verletzung denn man empfindet sie nicht mehr als Betroffener, das heißt der Triggerpunkt wurde gelöscht und mit neuer Information versehen.

  • Hallo Ralf,

    Danke dass Du das klargestellt hast. Mir hat der Newsletter in den letzten Jahren viel gegeben, und daher war ich doch einigermassen erstaunt, dass das dieses Mal anders war, gerade bei einem Thema, an dem ich selbst gerade ganz intensiv dran bin.

    Aber, um es ganz klar zu sagen, ich finde, Du machst es Dir ein bisschen zu leicht mit Deiner Antwort. Sabine hat recht, Traumatisierungen sind keine Einzelfaelle, und ich finde es nicht ok, dass Du unsere Einwaende so einfach zur Seite schiebst. So grausam es auch klingen mag: jemand, der schweren Missbrauch erfahren hat, weiss wenigstens was passiert ist, und wird Deinen Artikel auch entsprechend einordnen. Aber darunter gibt es diese riesige Grauzone der leichten, alltaeglichen psychischen Gewalt, der sich keiner so richtig entziehen kann, gerade als Kind. Gerade bei ZZL sagt Ihr ja richtigerweise immer wieder, dass wir alle lernen sollten, geduldiger und liebevoller mit uns umzugehen. Das alleine deutet ja schon darauf hin, dass wir alle den Umgang mit uns selbst — vor allem am Beispiel der eigenen Familie — nicht so ganz richtig gelernt haben. Und der Uebergang von da zum emotionalen Missbrauch — als Taeter oder Opfer — ist leider sehr fliessend.

    Ich erkenne erst heute, im Rahmen meiner Therapie, wie die Strenge und Unnachgiebigkeit meiner Eltern, dieser Druck staendig brav zu sein und immer “besser” werden zu muessen, als Erwachsene dazu gefuehrt hat, dass ich massiv von meinen Kollegen ausgenutzt wurde, dass ich weiterhin zum Suendenbock gemacht wurde, bis hin zum Mobbing an mehreren Arbeitsplaetzen in Folge. Leider war ich weiterhin so “brav”, dass ich nicht einmal gewusst haette wie ich mich haette wehren koennen, wenn ich den Missbrauch denn erkannt haette. Stattdessen habe ich versucht, Verstaendnis fuer meine Missbraucher zu haben, und ihnen noch mehr zu helfen als vorher. Den Gedanken, dass meine Eltern mich emotional missbraucht haetten, haette ich damals weit von mir gewiesen, obwohl ich Dutzende Beispiele im Kopf hatte, und auch mit meinen Eltern staendig im Konflikt war deswegen. Deinen Newsletter, Ralf, habe ich abonniert, lange bevor mir das alles klar wurde, als ich noch meinte, wenn ich erst “besser” waere, wuerde ich endlich Respekt bekommen, und gerade deswegen bereitet mir der Artikel solche Bauchschmerzen.

    Ich glaube, ich verstehe heute, dass vieles, was Du in dem Artikel geschrieben hast Sinn macht. Vor meiner Therapie haette ich Deinen Artikel aber grundfalsch verstanden, als Aufforderung, im anderen vor allem das Gute zu sehen, meine eigenen Interessen zu verleugnen, waehrend die anderen nur ihre eigenen Interessen verfolgt haben, und meine Gutmuetigkeit dafuer ausnutzen. Was mir an dem Artikel vor allem fehlt, ist, dass die Hassgefuehle auf den Taeter durchaus einen Sinn haben, denn sie zeigen uns, dass uns Unrecht getan wurde. Solange sie nicht von alleine weggehen, heisst das aber im Umkehrschluss auch sehr oft, dass da noch etwas ist, was ich nicht voellig erkannt habe. Das kann man zwar irgendwie aus den ersten Abschnitten Deines Artikels erkennen, wenn man es schon weiss, aber sehr viele von uns haben eben nicht gelernt, wie sie mit ihren negativen Gefuehlen umzugehen haben. Mein Problem vor der Therapie waere gewesen, dass ich den Grund fuer die Wut und den Hass ausschliesslich bei mir gesucht haette, ich haette versucht, mal wieder “besser” zu sein. Ich haette versucht loszulassen, aber in Wahrheit haette ich das Unrecht lediglich verdraengt.

    Habe ich dazu beigetragen, dass das alles passieren konnte, indem ich mich nicht verteidigt habe? Ganz sicher! Bin ich schuld, muss ich mir das selbst verzeihen? Ganz sicher nicht. Denn wenn ich einen Teil der Schuld mir selbst zuschiebe, dann ziehe ich einen Teil der Schuld auch vom Taeter ab. Wenn ich mir als Vergewaltigungsopfer “verzeihen” muss, dass ich die Abkuerzung durch den Park genommen habe, weil es schon spaet war, dann helfe ich dem Taeter dabei zu verleugnen, dass er selbst die Entscheidung getroffen hat mich zu ueberfallen. Damit helfe ich dem Taeter seine Schuld zu verdraengen, statt sich ihr zu stellen, und ich helfe mir selbst zu verdraengen, dass ich mein Leben nicht zu 100% kontrollieren kann. Sowohl Opfer als auch Taeter (!) werden dadurch daran gehindert, das Geschehene zu verarbeiten und daran zu wachsen. Wenn ich also das Gefuehl habe, ich muesste mir selbst etwas verzeihen, das mir angetan wurde, dann ist das fuer mich heute eher ein Zeichen, mich zu fragen, wozu mir das Schuldgefuehl dient.

    Der letzte Punkt, den ich in Deinem Artikel nicht nachvollziehen kann, ist die Gleichsetzung zwischen Loslassen und Verzeihen. Loslassen zu lernen ist ungeheuer wichtig, das bezweifelt, glaube ich, keiner hier. Aber was bedeutet “Verzeihen” denn wirklich? Fuer mich bedeutet es, dass ich dem anderen auch wieder dieses Grundvertrauen entgegenbringe, dass er mir nichts Boeses mehr tun wird. Und das kann ich als Opfer alleine einfach nicht leisten, dazu braucht es auch den Taeter, der aufrichtig bereut, und um Verzeihung bittet. Inzwischen sehe ich, dass gerade meine vehementesten Angreifer im Grunde an sehr aehnlichen Problemen knabbern wie ich, und ihre eigenen Fehler und ihre eigenen Schuld nur deshalb auf mich abwaelzen wollen, weil sie sie selbst nicht ertragen koennen. Diese Einsicht fuehrt durchaus dazu, dass ich ein gewisses Verstaendnis aufbringen kann fuer das, was sie mir angetan haben, bis zu einem gewissen Punkt. Dieser Punkt ist da, wo ich loslassen kann, und selbst fuer mich an der Situation wachse. An dem Punkt kann ich die Tat und den Taeter zwar vergessen, ich hege keinen Groll mehr, aber ich kann ihm nicht verzeihen und kann ihm auch nicht aufrichtig danken. Danken wuerde ich ihm, wenn er zu mir kaeme, weil er seinen Fehler erkannt hat, ihn aufrichtig bereut, seine Verantwortung fuer die Tat annimmt, und auch dazu beitragen will, dass es mir wieder besser geht. In dem Fall haette ich ihm schneller verziehen, als ich das aussprechen koennte. Ohne ein solches Schuldeingestaendnis verzeiehen zu wollen, wuerde fuer mich aber wieder bedeuten, dass ich mir nicht eingestehen will, dass ich mein Leben eben nur innerhalb gewisser Grenzen frei gestalten kann. Und das ist ein Punkt den ich viel schwerer finde zu akzeptieren, als irgendwelche Schuldgefuehle, die sowieso nicht meine eigenen sind.

    Viele Gruesse,
    Chiara.

  • Ralf Senftleben

    Herzlichen Dank an alle. Für den lieben Zuspruch und auch die Kritik.

    Ich freue mich sehr, dass so viele von Euch gute Erfahrungen mit dem Verzeihen gemacht haben. Ich habe im Leben – wie viele von Euch – auch eher mistige Startbedingungen gehabt. Und mir hat es sehr geholfen, irgendwann zu verzeihen.

    Und mein Artikel hat sich tatsächlich nicht an die unter uns mit seelischen Traumata gerichtet. Hier bin ich etwas erschrocken über die Wucht und die Öffentlichkeit einiger Erfahrungsberichte. Es tut mir leid, wenn ich da jemanden verärgert habe. Das war nicht meine Absicht. Und deswegen schreiben wir ja auch auch immer, dass wir uns hier nicht an Menschen mit schweren psychischen Wunden richten. Wir machen hier Alltagspsychologie, auch wenn wir manchmal kontroverse Themen anpacken.

    Danke noch einmal für Eure Rückmeldungen. Auch wenn wir zu wenig Zeit haben, um immer auf unsere Kommentare zu antworten, lesen wir immer alles.

    • Sabine schreibt am 6. Dezember 2013

      Hallo Ralf,
      Du schreibst, dass Du erschrocken warst über die Wucht und die Öffentlichkeit einiger Erfahrungsberichte. Wenn man sich einmal (öffentlich zugängliche) Zahlen ansieht – zum Beispiel aus einer Studie des BMFSF aus dem Jahr 2004 “Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland”, dann lernt man, dass 40% aller Frauen in Deutschland zwischen 18 und 80 körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, 25% erlebten oder erleben derzeit körperliche oder sexualisierte Gewalt in der Partnerschaft. Und das sind nur die Frauen. Spätestens seit der Enthüllung der Missbrauchsskandale im Verantwortungsbereich unserer großen kirchlichen Glaubensgemeinschaften wissen wir, dass eine große Anzahl Jungen betroffen war und ist. Und auch Männer werden in der Partnerschaft geschlagen.
      Ehrlich gesagt finde ich angesichts dieser Zahlen die Reaktionen auf dieses sensible Thema verständlich und durchaus moderat. Trauma ist Alltag.

      Gruß Sabine

    • Barbara schreibt am 13. Januar 2014

      Hallo,

      ich finde den Artikel problematisch und finde die Kritik an diesem sehr berechtigt. Die Entschuldigung ist mir zu kurz gegriffen und hört sich eher nach einer Ausrede an. Wie Sabine schreibt ist Trauma Alltag. Aus diesem Grund entschließe ich mich zur Abmeldung vom Newsletter, da ich befürchten muss wieder auf solche Artikel zu stoßen. Gut finde ich, dass die kritisierenden Kommentare nicht gelöscht werden und somit die Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Austausch besteht.

  • Ich habe erst die Reaktionen und dann den Beitrag gelesen und bin erstaunt, das teilweise die Tipps, die neuen Blickwinkel und Anregungen total unter gegangen sind. Einzelne Tipps wurden hier gut zerpflückt und aus dem Zusammenhang gerissen. Vielleicht eine Chance für alle die noch viel Ladung/Energie in sich spüren, sich selbst zu reflektieren und sich zu fragen: wo stehe ich gerade in meiner Entwicklung und wo möchte ich in einem Jahr sein? Braucht ES noch eine Weile die Trauer, die Wut, den Schmerz, das Festhalten an welchem Gefühl auch immer – kann ich den Blick nach vorne richten, ist es wichtig noch eine Weile in der Situation zu bleiben oder braucht es noch die Rückschau.

    Ich wünsche allen eine beSINNliche Vor-Weihnachtszeit.

  • Verzeihen ist schön.
    Ob ich verziehen habe — ich weiss es nicht.
    Aber ich habe losgelassen und das positive weiter in und mit mir getragen. Die inneren Verletzungen beschäftigen mich bis heute (20 Jahre danach), ich bin mir dessen bewusst, dass mein innerster Kern zutiefst verunsichert ist — irgendwie bis heute. Das ist zurückgebelieben, aber ich konnte wachsen und weiss bis heute ganz klar und sicher, egal was passiert — ich stehe auf und werde einen Weg finden, das Leben schön zu finden und jeden Tag dankbar zu sein für meine Freiheit und Stärke.
    Ob das Verzeihen ist? Ich bin mir nicht sicher, aber es ist loslassen und die Dinge soweit wie möglich in der Vergangenheit zu lassen, wo sie hingehören. Ich Lebe JETZT und nichts und niemand kann mir die Freude und das Glück an jedem einzelnen Tag nehmen. Denn das Glück kommt aus meinem Inneren und nur ICH alleine bin verantwortlich dafür, dass er mir heute und JETZT gut geht.

  • Schade, ich hätte mir gewünscht, dass der Autor noch etwas dazu schreibt. Zumal dies offensichtlich ein Thema ist, was bewegt.

  • Das ist effektiv ein heisses Thema, aber es ist doch etwas waghalsig geschrieben, dass man dem zugeführten Schmerz oder dem Täter dankbar sein sollte, weil man dadurch die Möglichkeit hatte stärker zu werden etc.
    Soll das heissen, dass man nicht stark und selbstständig (oder was auch immer) geworden wäre, wenn man diese schmerzlichen Erfahrungen nicht gemacht hätten. Vielleicht wäre das Leben auch besser geworden ohne diese vermeintlichen Erfahrungen, ohne Bitterkeit, ohne Misstrauen, ohne Angst etc. Immerhin haben viele grosse Leute, die in der Öffentlichkeit sind, in Politik etc. keine dramatischen Ereignisse erlebt, die sie deshalb zu grossen Persönlichkeiten gemacht haben… sie sind meist ohne schmerzliche Ereignisse selbstbewusst und stark geworden und haben es sogar noch viel weiter gebracht.
    Eigentlich ist das ein Aufruf an alle Täter, die sich ein paar Exemplare von Bücher “Verzeihen und Vergeben” kaufen sollen und nachdem sie dann ein paar Leute verletzt haben oder wie auch immer, können sie dem Opfer ja das Buch in die Hand drücken und ihm sagen, dass er sogar noch dankbar sein soll, da er ja durch den zugefügten Schmerz nun erfahren und weiser geworden wäre und daran wachsen könne.
    Mal sehen, wie begeistert die Opfer in Zukunft sein werden.
    Wäre es nicht toll, wenn der Richter zum Abschlussplädoyer dem Opfer diesen tollen Ratschlag geben würde und vielleicht sogar verlangen würde, dass das Opfer sich beim Täter für die kommende Stärke und Selbstbewusstsein noch bedanken soll und als Belohnung schon mal ein nettes Schulterklopfen….
    Hallo, wo leben wir?

  • Tschuldigung, Fehlerteufel: es muss heißen: das alle, die dem nicht folgen nicht „unvernünftig“ sind.

    Gruß
    Sabine

  • Ich bin als Kind missbraucht worden, meiner Mutter habe ich es Tage später erzählt. Sie meinte, wir dürfen es nicht meinem Bruder erzählen, er ist ja so labil. Mein Vater meinte Jahre später, ich hätte es doch so gewollt, ich wäre so anhänglich gewesen. Ich glaube, ich brauche nicht zu erörtern, wie es sich für mich anfühlte, mit diesen Aussagen umzugehen.

    Lange war ich in meinem eigenen Gefängnis von Unverständnis und Hass gefangen, was ja nicht verwunderlich ist. Es gibt eine berechtigte Zeit zu leiden, aber irgendwann muss mal Schluss sein. Somit hatte ich nach Jahren erkannt und beschlossen, dass es zwar zu meinem Leben gehört, ich es aber nicht mehr ändern kann. Ich lasse mich nicht mehr täglich davon auffressen und so immer noch die Macht meinem Vater über mich geben. Ich habe meinen Frieden gefunden, selbst mit meiner Mutter, die in gewisser Weise abhängig von ihm war und einfach nicht die Kraft hatte dagegen zu halten. Ich habe es überlebt und genieße schöne Zeiten, warum auch nicht?

    Ich finde diesen Artikel sehr gut und jeder muss entscheiden, wie es auf sein Erlebtes passt und wie man es anwenden kann. Ich danke sicherlich nicht meinem Vater, aber ich lasse mich von meinem Hass auch nicht mehr auffressen.

    Ich kann verstehen, dass es bei einigen erst mal Unverständnis und Argwohn auslöst, es braucht Zeit, sich so damit auseinander zu setzen, aber irgendwann sollte man sich für sich entscheiden.

  • Hallo,
    auch ich lese auf dieser Website schon eine ganze Weile mit. Habe viele Anregungen und auch gute Ideen mitgenommen. Danke dafür.
    Der Artikel zum Thema Verzeihen allerdings hat mich sehr traurig gemacht. Traurig meine eigenen Defizite und Unfähigkeiten in so grellem Licht betrachten zu müssen.
    Ich war als Kind Opfer anhaltender psychischer Gewalt. Und ich kann nicht verzeihen. Meine Trauer geht noch tiefer. Ich hatte eine furchtbare Kindheit. Ich bin aber deshalb weder ein besserer Mensch, noch habe ich sonst positive Effekte dieser Krise erlebt. Ich habe schlicht überlebt. Und es hat durchaus Zeiten in meinem Leben gegeben, in denen ich das nicht als Glück empfunden habe – im Gegenteil. Also bin ich doppelt unfähig – ich kann nicht nur nicht verzeihen, ich habe auch aus der Krise nichts Großartiges entwickeln können.
    Wo doch aus jeder Krise eine Chance erwächst und man verzeihen können muß, oder?
    Ich finde Aussagen wie „die einzige vernünftige Wahl“ sagen wir mal schwierig. Weil mit dieser Aussage postuliert wird, das alle, die dem nicht folgen nicht „vernünftig“ sind. Wobei ich die These, das Verzeihen die Lösung für nahezu alle Probleme sein soll, inzwischen so oft gehört habe, dass mich wirklich wundert, dass ich tatsächlich noch traurig und wütend werde.
    Ich kenne Menschen, für die war Verzeihen der richtige Weg. Ich kenne Menschen, für die ist das nicht so. Ich durfte Menschen kennenlernen, die aus Krisen gestärkt und erhobenen Hauptes hervorgegangen sind. Und solche, für die eine Krise genau das war – eine Krise, eine schlimme Zeit.
    Jeder muss, und ja ich schreibe „muss“, seinen eigenen Weg finden. Und bitte ohne zusätzlichen Druck. Der Weg aus Krisen ist nämlich auch so schon schwer genug.

    Gruß

    Sabine

  • Lieber Herr Senftleben, ich beschäftige mich seit Jahren mit Kommunikation und dem von Ihnen geschilderten Aspekt des Zusammenlebens.
    Eine Bitte oder Empfehlung damit dieser Artikel noch aussagekräftiger wird: vermeiden Sie die Füllwörter “vielleicht” und “eigentlich”. Sie haben die richtigen Ansätze dadurch im gleichen Satz wieder abgeschwächt.
    Bin gerade mitten, nein gegen Ende einer solchen Sache und es funktioniert. Es kostet aber viel Selbstüberwindung, Einsicht und für mich habe ich gelernt, sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Mir ist es viel lieber ich setze das um, was Jesus Christus von uns fordert: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst bzw. liebet Eure Feinde. Auch in anderen Philosophien finden wir wunderbare Aufforderungen um das menschliche Zusammenleben angenehmer zu gestalten.
    Joseph Miller

  • Hallo,
    Seit einigen Wochen begleiten mich nun eure Ideen, Hilfestellungen und Entwicklungsvorschläge und ich durfte bisher positive Erfahrungen erspüren.
    Heute erreicht mich euer Thema “Verzeihen” auf ganz andere Weise…es trifft mich mitten ins Herz und lößt nur Tränen aus. Über Wochen versuche ich nun einem Menschen zu verzeihen, der zwei Jahre nur mit mir gespielt hat und sich jetzt für eine andere Frau entschieden hat. Einerseits bin ich unendlich traurig, dann verspüre ich Abneigung und Hass. Doch in all diesen Gedanken erkenne ich, dass ich vor Allem wütend auf mich bin, denn ich habe diesem Menschen die Macht gegeben, mich so behandeln zu dürfen. Habe ich mich selbst so wenig geliebt, hatte ich so wenig Achtung vor meinem Wesen und meinem Seelenleben, dass es leicht war mich so zu behandeln?
    …So jetzt befinde ich mich inmitten der “Opferrolle”…beschuldige mich noch selbst für dieses Verhalten und finde sogar noch Gründe dafür, warum er praktisch garkeine andere Wahl hatte.
    Dies kann nicht deine Intension sein Ralf, “Tätern” den Freibrief für ihr Verhalten zu erteilen, indem die Opfer noch verzeihen.
    Das Positive daran ist wirklich nur, zu sehen und zu erkennen, dass es mein Schutzengel sein muss, der mich davor bewahrt hat mit diesem Menschen eine Beziehung einzugehen.
    Es rechtfertigt allerdings niemals ein unmoralisches und feiges Verhalten. Ich bin dankbar, dankbar meinem Schutzengel gegenüber, dass er mich vor großem Schaden und noch größerem Schmerz bewahrt hat.
    Wenn du lieber Ralf von “Verzeihen” sprichst, kann ich dies nur in meine Seelensprache übersetzten…”Loslassen”, den Menschen loslassen, der sich an meiner Liebe bedient hat…d.h.: Streichen aus meinen Gedanken und meinen Erinnerungen.
    In meinem Fall geht es ja wirklich nur um Liebesschmerz, die Vorstellung, wie missbrauchte Opfer diesen Artikel empfunden haben müssen entfacht große Traurigkeit in mir.
    Herzliche Grüsse mit dem Blick in Richtung “Licht & Selbstvertrauen” auf die eigene Intuition. Alexandra

  • kleine Anmerkung: Der Akt der Vergebung hat nichts mit dem Täter oder der Tat zu tun. Es geht dabei letztendlich nur darum, sich selbst zu vergeben ein “Opfer” gewesen zu sein.

    Vergib dir deine eigene Schwäche und du wirst unermessliche Stärke ernten.

    • Sabine schreibt am 25. Dezember 2013

      Beim Versuch mir selbst zu verzeihen, stoße ich auf so viele Widerstände in mir selbst. Es zeigt mir den eigenen Boykott und lässt mich ohnmächtig hilflos fühlen. Wenn ich dieses Gefühl halten und ertragen kann, spüre ich manchmal dieses wunderbare Gefühl der Liebe und des Mitgefühls für mich selbst.

  • Ja, ich dachte auch, ich muß meinem Ex verzeihen, damit es mir besser geht, loslassen usw. Ist ja auch schon alles ewig her und dafür, dass er dann gegeangen bin, bin ich schon dankbar, hab daraus auch viel gelernt.
    Gestern hab ich allerdings erfahren, dass er mich, ob bewußt oder unbewußt, einfach “totschweigt”. Er stellt Fotobücher von unserem Enkel her, deklariert seine derzeitige Frau darin als Oma und läßt die beiden richtigen Omas total unter den Tisch fallen, wo jeder andere aus der Umgebung meines Enkels namentlich dort erwähnt wird. Ich bin so wütend!
    Weder weiß ich, was ich daraus lernen soll, noch wie ich mich verhalten soll. Von einem Danke bin ich in diesem Falle meilenweit entfernt!
    Noch hab ich nicht mit meiner Tochter gesprochen, es ist zu frisch :-( Ich weiß also nicht, ob sie überhaupt merkt, was er da macht!
    Falls jemand einen Tipp hat, dafür wäre ich sehr dankbar!

  • Meine Wut auf den Frauenhasser und ehemaligen Chef habe ich im Griff und lebe mit ihr ganz gut. Sie hat mich vorsichtig gemacht und mir in den letzten Jahren sicherlich geholfen, weil ich nicht mehr so blauäugig durch die Welt laufe. Ja, verzeihen hört sich edel an. Ich kann diesem Menschen nie verzeihen. Anfangs war meine Wut unbeschreiblich groß. Inzwischen verblassen die Erinnerungen. Sollte ich jemals die Chance bekommen, werde ich mich bei der Person angemessen revanchieren.

  • Bin schon lange Leserin von “Zeit zu leben” und habe schon oft hier und da gedacht, da müßtest Du mal was dazu sagen……
    Aber die liebe Zeit… irgendwie ist mir das dann immer weg gerutscht…
    Aber getreu dem Motto, wir haben immer Zeit für das, was uns wirklich wichtig ist – schreib ich heute gleich – so wichtig ist mir das.
    Ich bin schon mindestens 60 Jahre auf dieser Welt und das ist bei den Erlebnissen meiner Kindheit und den daraus entstandenen Folgen ein kleines Wunder….
    Ich mußte und muß mich noch heute mit den Ereignissen und den gebliebenen Folgen meiner Kindheit auseinandersetzen und bei Anwendung des im heutigen Artikel gepriesenen “Verzeihen” wäre meine Seele längst erstickt, so wie mich mein Vater als Kind nicht nur einmal versucht hat zu erwürgen…..

    Verzeihen entsprechend den Vorschlägen des heutigen Artikels heißt nicht anderes, als “NACHGENEHMIGEN” –

    das verletzende Verhalten was dem Einzelnen angetan wurde letztendlich nachgenehmigen…
    ich kann dazu auch aus lebenspraktischer Sicht sagen, daß das fatale Folgen hat! – ich arbeite als Anwältin und weiß, wovon ich spreche….

    Im Falle unverzeihlicher Taten gibt es nur zwei Möglichkeiten der Bearbeitung:
    1.
    Konfrontation mit dem Ereignis und dem Täter und sehen, ob der Täter Reue zeugt, sich angemessen Entschuldigt und sein Verhalten zukünftig nachweislich ändert.
    Die/der Verletzte kann in diesem Fall im Laufe der Zeit, im Rahmen der Verletzungs-,Schmerz-, Wut und Trauerbewältigung(über dieses
    Ereignis) seine Verletzung heilen und mit der Narbe leben.
    Und manchmal sogar zukünftig sachlich mit dem Täter umgehen.
    2.
    Für den Fall, daß der/die Täter kein Einsehen haben (oder, falls verstorben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Einsicht gezeigt hätten) gibt es nur den Heilungsweg der Distanz und Abgrenzung vom Täter. Innerlich und manchmal auch räumlich.
    Dann kann über den Schmerz, die Wut die Trauer die Heilung stattfinden.
    Es bleibt eine Narbe, die auch immer wieder schmerzt, aber damit kann man leben lernen.

    Das ist ein langer beschwerlicher Weg und wir müssen dazu auch nochmals in die verletztende Situation, um sie als Betrachter anzuschauen und ein Bild von außen zu erhalten, damit wir uns selbst heilen können – hoffentlich mit Hilfe von Familie, Freunden oder wirklich proffesioneller Hilfe.
    Bspw.auch mit Büchern – u.a. von Susan Forward (z.B. Vergiftete Kindheit, oder Emotionale Erpressung)

    Das Verzeihen, wie von Ralf Senftleben vorgeschlagen, verschleiert nur die Realität und führ nicht tatsächlich zu Heilung.

    Ich bin der Überzeugung, daß wir unseren Verstand mitbekommen haben, um unsere Seele zu schützen –
    das vorgeschlagene Verzeihungsprozedere (was dem christlichen Verzeihensritualen übrigens sehr ähnlich ist… :-( …) führt aber lediglich dazu, daß wir mit unserem Verstand unsere Seele, die schon durch einen Täter verletzt wurde – nochmals selbst verletzen – ihr nicht den Raum und die Anerkennung und vor allenm DIE HEILUNGSMÖGLICHKEIT einräumen, die ihr im Falle von Verletzungen zusteht…

    Nun hoffe ich, daß ich einigen, die Hilfe brauchen mit meinen kurzen Hinweisen ein wenig helfen kann

    und schicke euch einen hellen Schein von dem vorweihnachtlichen Licht aus dem Erzgebirge in eure Herzen

    Manuela

    • Anke schreibt am 1. Dezember 2013

      Gerade wollte ich hier zwei Buchtitel nennen – Sie haben einen davon schon benannt.

      Das Buch ” vergiftete Kindheit” ist sehr zu empfehlen. Ich habe es selbst gelesen . Auch das Buch ” Die Masken der Niedertracht” von Marie- France Hirigoyen kann ich nur wärmstens empfehlen. Es ist nicht ganz einfach diese beiden zu lesen……aber sie helfen, meiner Meinung nach. Bzw. sie können einem helfen.

      Was Ralf Senftleben und Team angeht, so sollte man nicht vergessen, dass dies hier eine Coachingseite ist, welche keine “Heilung” verspricht, sondern uns allen sehr gutgemeinte Hilfestellungen vorschlägt.
      Deshalb schrieb ich weiter oben, dass man hier den Unterschied zwischen Coaching, Psychotherapie und eigener Erfahrung erkennen kann.

      Liebe Grüße

    • Kathleen schreibt am 1. Dezember 2013

      Es ist richtig, dass es sich hier um eine Coachingseite und nicht um Psychotherapie geht.
      Gleichzeitig wissen alle Coaches, dass der Übergang vom Coaching zur Psychotherapie fließend ist, was eine hohe Achtsamkeit voraussetzt. Auch als Coach weiß ich nicht immer, ob mein Klient Traumatisierungen erfahren hat. Aus diesem Grund wäre ich sehr vorsichtig mit einer solchen Technik. Die Reaktionen spiegeln genau das wider.
      Traumatische Erfahrungen müssen nicht immer mit Gewalt einhergehen. Die im Artikel genannten Beispiele können schon traumatische Reaktionen hervorrufen, nämlich dann, wenn die Betroffenen durch ihre empfundene Unterlegenheit z.B. mit Hilflosigkeit und Ohnmacht begegnen.

      Hier wäre es sicher hilfreich gewesen, wenn der Autor differenzierter vorgegangen wäre.

  • Verzeihen – die einzige vernünftige Wahl

    Für den Alltagsgebrauch mag diese Überschrift und mögen die Fragestellungen gut sein.

    Auf mich wirkt die Überschrift wie ein Dogma.

    Für Menschen, die durch Missbrauch / Misshandlung traumatisiert sind, geht es zunächst darum, zu überleben und dann mit dem Erlebten weiter zu leben. Das ist ein langer Prozess. Dieser kann das ganze Leben dauern. Dieser Prozess ist für die Betroffenen ein harter Kampf.

    Aus dem Artikel lese ich heraus, dass die Lösung in der kognitiven Umstrukturierung und im Perspektivenwechsel (mit dem Täter) liegt.
    Das funktioniert nicht. Nicht nach Traumatisierungen. Das erzeugt bei den Betroffenen Widerstand und Druck (Leistungsdruck).

    „Ein Trauma ist im Nervensystem gebunden. Durch einschneidende Ereignisse hat es seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurück zu finden.“ Dr. Peter A. Levine

    Das bedeutet, dass das Nervensystem erst einmal wieder lernen muss, nicht ständig im Kampf- und/oder Fluchtmodus zu sein. Und dies gelingt eher auf der somatischen als auf der kognitiven Ebene. Körpertherapien sind deshalb häufig erfolgreicher als reine Gesprächstherapien.

    Während einer Therapie kann es den Betroffenen möglich sein, eine neue Haltung zu den Geschehnissen und zu sich selbst zu entwickeln. Mit Verzeihen und Danken hat das jedoch wenig zu tun.

    Meine persönliche Meinung und Erfahrung nach eigener Traumatisierung ist:
    Wenn ich innerlich und gefühlt zur Ruhe komme, kann ich auch die erlebten traumatischen Geschehnisse ruhen lassen. Nicht mehr und nicht weniger.
    Das ist von meiner Tagesform und von der Summe der aktuellen Belastungen abhängig. Am schwierigsten empfand ich es, meine Körperreaktionen rechtzeitig wahrzunehmen (und nicht erst, wenn es wieder zu spät ist), einzusortieren und dementsprechend zu reagieren und Entscheidungen zu treffen: Tag für Tag, von Moment zu Moment. Dann gelingt mir die Distanz zum Erlebten.

  • Tatsächlich, mit diesem Artikel wird eine riiiesige Bandbreite von Betroffenen angesprochen – dies wurde mir erst beim Lesen der Kommentare klar. Ich vermute, dass Ralfs Tipps nicht zur Bewältigung von psychischer und physischer Zerstörung, z. B. sexueller Gewalt, gedacht sind, dazu kann ich auch nix beitragen…

    … sondern eher als Ratgeber gemeint sind zum Schippern in den Wogen des Alltags und der „Normalität“. Sozusagen frei nach Eugen Roth:

    „Ein Mensch
    sieht in der Zeit zurück
    und sieht:
    sein Unglück
    war sein Glück.“

    Mich hat der Beitrag sehr (!) angesprochen und der Blickwinkel wurde – mal wieder – ein wenig erweitert. An dieser Stelle mein längst fälliges großes DANKE an Ralf und alle anderen von zeitzuleben 

  • Heyho, was für ein Thema zum heutigen Tage ;)

    @ Nyx: Das finde ich sehr schade. Ich würde mich freuen, wenn Sie bleiben würden.

    @ Das Team: Ein meiner Meinung nach sehr heißes Thema, welches sehr genau gelesen werden sollte. Denn Hier erkennt man den Unterschied zwischen Coaching und Psychotherapie, sowie eigener Erfahrung.
    Der Artikel ist stimmig und auch die Tipps sind wie immer sehr wertvoll und einsetzbar. Sozusagen gebrauchsfertig. Und doch hatte ich persönlich einen etwas angesäuertes “Aber” im Magen liegen.

    Meiner Meinung nach, und aus meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung heraus gibt es Themen, bei denen man Jahre bis Jahrzehnte braucht, um einem Menschen etwas verzeihen zu können.
    Natürlich liegt dies u.a. an dem eigenen Entwicklungsprozess. Für diesen braucht man je nach ” Schwere der Erfahrung” sehr viel Zeit.

    Bis man also an den Punkt kommt, an dem man sich sagen kann:” Ok, durch diesen Menschen ist mein Leben richtig mies gelaufen, aber hätte ich diesen Menschen nicht im Leben gehabt, wäre ich heute nicht so stark” , vergeht Zeit.
    Natürlich kann man verzeihen. Verzeihen ist manchesmal sogar sehr einfach, weil es das eigene Befinden verbessern kann.

    Nur leider gibt es tatsächliche Psychopathen ( weibliche und männliche), welche entweder nicht kapieren, dass sie unrecht tun, oder aber “Spass” am Quälen haben.
    Dieses muss man auch erst einmal verstehen lernen, dass man es eventuell mit einem solchen ” Zerstörer” zu tun hatte. Diesen Zerstörern kann man verzeihen, nur leider muss man es wohl sehr oft tun und wird dabei immer schlimmer verletzt.
    In diesen Fällen ist es nicht mit Verzeihen getan. So lange nicht, bis man verstanden hat, dass man sich in den Fängen eines solchen Menschen befindet und sich endgültig abwendet. Erst nach dem Bruch ist es möglich, das alles zu verstehen,zu verarbeiten und dann ganz zum Schluss zu verzeihen. Dies beinhaltet ganz viele kleine, sehr schwere Einzelschritte.

    Ich will damit sagen, dass Verzeihen nicht immer und in allen Fällen ganz so einfach mal eben geschehen kann. Aber ich bin auch der Meinung, nach all meinen Erlebnissen, das der Tag an dem man es schafft loszulassen und etwas zu vergeben,man sich um einiges freier und wohler fühlt.Man kann endlich das eigene Leben frei leben und vorwärts sehen!

    Das wollt ich nur mal erwähnt haben ;)

    Ganz liebevolle Grüße an alle!
    Anke

  • Der heutige völlig unprofessionelle Umgang mit der Opfer-Thematik hat mich dazu bewogen, in Zukunft von Eurer Seite Abstand zu nehmen und auch den Newsletter abzubestellen.
    Trotz hoher Resilienzquote und einem fast normalen Leben empfinde ich den heutigen Artikel als Ohrfeige.
    Trotzdem Danke für die anderen Artikel, die mir zuweilen auch ein Stück weitergeholfen haben.
    Hier trennen sich dann unsere Wege. Ich empfehle Euch eine Teilnahme an einem Seminar, in dem man so richtig (richtig!) Empathie lernt.

    • kiki schreibt am 4. Dezember 2013

      Es geht bei alledem doch um verschiedene Sichtweisen! Es gibt keine allgemeingueltige Wahrheit darueber, wie jeder mit seinen Traumata und deren Verursacher (wobei ich auch glaube, dass letzendlich immer wir selbst diese Situationen in unser Leben gerufen haben, unbewusst natürlich) umgehen soll. Das Tolle an Ralfs Artikel sind doch die Vielfaeltigkeit der Reaktionen, die zeigt, wie unterschiedlich wir die Dinge sehen und wie wichtig es deswegen auch ist, sich dem anderen zu öffnen, um ihn zu verstehen. Ralf hat uns mit seinem Artikel etwas auf einem Tablett angeboten, wir koennen es uns anschaun, von allen Seiten, es fuer gut oder nicht gut für uns zu befinden, haben die Wahl es zu nehmen oder es abzulehnen, mehr nicht. Wer seine Türen offen lässt fuer andere Sichtweisen, der ist hier auf diesem Newsletter richtig und meines Erachtens liegt in dieser Offenheit auch das Geheimnis fuer innere (und somit aeußere) Jugend!

  • Hallo zusammen,

    mir ist es nicht möglich, die traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit der zu vergeben, die sie mir antat. Ich hatte versucht, von ihr eine Entschuldigung dafuer zu erhalten, die bekam ich nicht und nun mit dem Testament eine letzte Watschn. Halb tot gepruegelt worden zu sein, fuer alles als Schuldige genannt zu werden, das verzeihe ich nicht, auch wenn es vielleicht mir geholfen hat, einen fast schon trotzigen Lebenswillen zu entwickeln.

    Fuer die aktuellen Verletzungen finde ich es aber eine gute Sache, sich die Fragen zu stellen, falls diese nicht zu gravierend sind. Denn: massive Uebergriffe sind einfach anzuzeigen, Täter zu benennen und zu bestrafen lassen. Es gibt Grenzen und die sind zu beachten, egal, wie alt jemand ist oder welches Geschlecht dieser hat.

    Einen schönen Sonntag wuensche ich Euch
    Monika

  • Hallo Astrid. Wie tönt das für dich: dem Leben dankbar sein, dafür dass es nimmt, aber auch immer wieder gibt… Situationen, die schwer sind für uns, uns viel nehmen. Aber dann auch wieder Kraft, Ideen, möglicherweise Wut, die es uns ermöglichen, weiterzugehen, neues zu lernen und uns zu verändern. Ich würde auch nicht unbedingt der Person selber danken, vielleicht eher den Umständen, dem Kontext – zu dem die Person aber halt als Hauptdarsteller gehörte.

  • Mir hat die Fähigkeit, verzeihen zu können, in meinem Leben nur Positives gebracht. Allerdings beruht das vorrangig auf dem hier erst an letzter Stelle genannten Schritt: eine Art Verständnis für den “Täter” aufbringen, sich in seine Lage versetzen, sich dran zu erinnern, wie sehr ich auch schon verletzt habe. Eben diese “simple” Begründung: wir sind alles nur Menschen. Und jeder Mensch ist wiederum durch seine Erziehung, durch seine Umwelt, durch seine Lebenserfahrungen, SEINE Verletzungen geprägt.
    Neu für mich ist der Schritt, Verletzungen positive Folgen zuzuordnen – aber dabei fiel mir auf, dass ich diesen Gedankengang gerade diese Woche in einer akuten sehr harten Verletztheits-Phase angewendet habe und er mir geholfen hat, die Welt nicht nur schwarz zu sehen.

    Generell denke ich, sollte jeder Mensch versuchen, zu verzeihen, zu verstehen oder zumindest zu akzeptieren. Nicht nur für die eigenen Fehler größtes Verständnis aufzubringen, sondern auch oder gerade für die der anderen Menschen. Denn meiner bescheidenen und vielleicht auch naiven Meinung nach würde so manches Leid, mancher Krieg verhindert, wenn alle Menschen so an sich arbeiten würden.

  • Vielleicht muss es auch nicht das “Verzeihen” sein, sondern eine Art Akzeptanz, dass es so gewesen ist, wie es war.
    Es war so. Oder, ” es ist so gewesen”. Dann versuche ich die Entwicklungen zu erkennen, die ich durch meinen Schmerz gemacht habe und kann d a f ü r dankbar sein.
    Ich bin auch dagegen, meinem Mann, der mich 25 Jahre lang als Kinderfrau, Betthäschen und Putzfrau gebraucht hat, mich über alle Maßen mit anderen betrogen hat, dafür auch noch dankbar zu sein.
    Aber, ich kann lernen zu akzeptieren, dass es so gewesen ist. Und irgendwann kann ich erkennen, was ich in dieser Ehe alles mit mir habe machen lassen, woher diese innere Haltung kam, das überhaupt alles auszuhalten und nicht schon viel früher gegangen zu sein. Von welchen inneren und äußeren Überzeugungen und Gegebenheiten habe ich mich leiten und lenken lassen, dass ich das böse Spiel so lange mitgemacht habe? Warum bin ich so sehr über meine Grenzen gegangen, bis ich fast tot war? Das zu erkennen ist dann auch ein Geschenk und ich danke dann m i r, dass ich diese Zeit überlebt habe und jetzt einen anderen Kurs einschlage.
    Ich werde meinen Exmann nicht auf einen Sockel stellen, auf dem er sich dann auch noch sonnen kann, weil er mich dann ja “gerettet” hat. Ich kenne ihn gut, er würde dann zu mir sagen, “siehst du, wenn ich nicht so gewesen wäre, dann hättest du jetzt nicht das und das gelernt, also kannst du mir dankbar sein”. Das ist doch verkehrte Welt!

    • Hanni schreibt am 1. Dezember 2013

      Hallo Astrid. Wie tönt das für dich: dem Leben dankbar sein, dafür dass es nimmt, aber auch immer wieder gibt… Situationen, die schwer sind für uns, uns viel nehmen. Aber dann auch wieder Kraft, Ideen, möglicherweise Wut, die es uns ermöglichen, weiterzugehen, neues zu lernen und uns zu verändern. Ich würde auch nicht unbedingt der Person selber danken, vielleicht eher den Umständen, dem Kontext – zu dem die Person aber halt als Hauptdarsteller gehörte.

  • Ich kann die positive Wirkung des Loslassens und Verzeihens aus eigenem Erleben bestätigen. Wie Ralf schrieb, gibt es Dinge, die man vielleicht nicht verzeihen kann, aber es geht weniger darum, welchen Gefallen ich einem anderen damit tue, dass ich ihm verzeihe oder mich sogar bei ihm bedanke, sondern es geht darum, was dies für mich bedeutet. Es geht nicht darum, einen Täter zu entschuldigen oder seiner Verantwortung zu entziehen. Es geht um mein Leben. Ich bin selbst vergewaltigt worden, soll heißen, ich weiß, wo von ich rede.
    Und es hat sehr lange gedauert, bis ich mir selbst verziehen habe, dass mir so etwas zustossen konnte – gerade mir, der es wichtig ist, andere zu beschützen und dann konnte mich noch nicht einmal selbst beschützen.

    Das Schlimmste daran, war das, was ich mir hinterher selbst angetan habe, weil ich mir meine Unfähigkeit, mich zu schützen nicht verzeihen konnte. Ich begann alles und jeden kontrollieren zu wollen, am meisten aber mich selbst. Das führte dazu, dass mein Leben immer grauer wurde und es brachte mir auch viel Gegenwind ein – wer lässt sich schon gerne von anderen kontrollieren.

    Das war halt meine Lösung, mich mehr zu schützen und ich denke, jeder, der in einer ähnlichen Situation war, wird bestrebt sein, sich zu schützen und das ist auch sein gutes Recht – nur häufig schränken die Lösungen, die man selbst findet – einen selbst und oft auch andere (Unbeteiligte/Unschuldige) nur mehr ein und wirksam sind sie meistens auch nicht wirklich.

    Irgendwann ist mir klar geworden (übrigens über jemand, der mir die hier von Ralf vorgestellten Fragen gestellt hat), dass ich so meine ganze Spontanität und Lebensfreude verloren habe. Ich kann die Tat nicht ungeschehen machen, aber den Umgang damit und was es für mich bedeutet, das kann ich beeinflussen. Ich kann beeinflussen, wie ich leben will – und ich will nicht mehr wie ein verschreckter Hase in einer grauen Welt leben – ich will wieder etwas erleben, auch mit dem Risiko, dass ich wieder verletzt werde.

    Der wichtigste Schritt für dieses Loslassen war das Verzeihen. Ich habe nicht dem Täter verziehen, sondern mir. Der gesichtslose Täter ist mir heute egal und ich bin ihm für seine Tat auch nicht dankbar, wohl aber für die Chance, die er mir damit gegeben hat, daraus etwas zu lernen.

    Die Lektion, die er mir erteilte, habe ich noch nicht vollständig gelernt – dass es Dinge gibt, gegen die man sich nur schwer schützen kann und dass es dann wichtig ist, wieder aufzustehen und dafür zu sorgen, dass es mir wieder gut geht und ich das Leben weiterlebe, das ich für mich gewählt habe und ich mich nicht definieren lasse über die Taten von anderen.

    Dass das Aufstehen besonders nach starken Traumata schwierig ist, wird keiner anzweifeln, also gilt es hier auch Geduld und Verständnis für sich selbst zu haben. Ich denke, ich bin auf einem guten Weg und mein Leben ist wieder bunter geworden und wird hoffentlich noch bunter werden.

    Ich habe letztens irgendwo den Satz gelesen: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitermachen. Das habe ich zu meinem neuen Motto gemacht, weil es ausdrückt, was ich empfinde und wie ich leben will. Aufstehen, Würde wieder herstellen, weitermachen (für mich selbst gut sorgen). Und ich wünsche allen schwer Verletzten, dass Sie lernen, dies für sich selbst zu tun, denn das kann einem kein anderer abnehmen und nichts tut mir so gut als “mein” Leben zu führen und in meinem Wohlbefinden nicht abhängig von anderen zu sein.

    Der Ansatz des öffentlichen Verzeihens und ggf. sogar einem kleinen Danke, würde ich persönlich nur vornehmen, wenn mir die Beziehung zum anderen wichtig ist oder war und ich sie gerne wieder aufnehmen möchte. Wie oft habe ich erlebt, dass Freundschaften an kleinen Missverständnissen, unausgesprochenen Erwartungen u.ä. kaputt gegangen sind und beide Beteiligten darunter leiden. Durch die Unnachgiebigkeit, dem Verharren im “Ich habe Recht.” und “Der andere hat mich verletzt.”, schränkt man häufig nur sein eigenes Leben ein. Es macht mich immer traurig, wenn ich so etwas sehe. Diese Verletzungen entstehen häufig durch Unbedachtheit, manchmal auch nur, weil man selbst einen anderen Erlebnishintergrund hat als der andere und man die Tat selbst als verletztend interpretiert. Wir sind alle nur “Menschen” und machen Fehler – ein paar klärende Worte würden hier oft weiter helfen. Und dabei können gerade diese Fragen, die Ralf uns vorgestellt hat, unterstützen.

    Einen schönen Sonntag noch Euch allen.

    • Daniela schreibt am 2. Dezember 2013

      @Doro: Du schreibst mir aus dem Herzen, Du hast genau die Worte gefunden, die mir im Kopf herumgingen, als ich den Artikel und die verschiedenen Antworten gelesen habe.
      Es geht darum, sich von der Tat und dem Täter zu lösen. Hass und Wut zu kultivieren, schadet nur mir selbst. D.h. nicht, dass ich diese Dinge nicht fühlen “darf”, sondern nur, dass ich mich nicht darauf beschränke, sondern einen Weg suche, wie ich selbst weiter LEBEN kann und nicht nur existieren und in meinem Opfer sein verharren. Solange ich das nämlich tue, hat der Täter immer gewonnen. Wenn ich es dagegen schaffe, mich zu lösen, habe ich wieder die Handlungsmacht in meinem Leben.

    • N schreibt am 2. Dezember 2013

      Du schreibst auch mir aus dem Herzen. Diese Worte hatte ich so nicht finden können.
      Auch ich habe mir selbst verziehen. Ich trage keine Verantwortung für SEIN Handeln, aber ich trage die Verantwortung für mein Leben. Etwas Positives, das für ein kleines Danke reicht, finde ich auch nach Jahrzehnten nicht. Aber etwas Positives finde ich in mir. Er hat keine Macht mehr über meine Gedanken: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten und weiter schreiten.

    • Ferdinand schreibt am 9. Dezember 2013

      Hallo Doro,
      Ich bin von deinem Beitrag tief beindruckt. Es ist die ideale Ergänzung von dem was Ralf geschrieben hat.
      Das Thema interessiert und betrifft vor allen, wenn man selbst davon betroffen ist und dann zum Täter danke sagen, dazu ist sehr viel Demut notwendig. Du hast klar aufgezeigt, dass es ja nicht in erster Linie um den Täter geht ( der in der Regel ja ein armer Mensch ist) zuerst geht es in der Situation um mich selbst. Was der “Täter” aus der Chance macht wenn ich ihm verzeihe ist dann ja seine Sache.
      Danke und schreib bitte immer wieder deine Sicht. Ferdl

  • Auch ich bin betroffen von systematischem emotionalen Missbrauch, und obwohl ich zum Teil meinen Frieden damit gemacht habe, sehe ich keinen Grund dafuer, den Taetern auch noch zu verzeihen. Im Gegenteil, mein leichtfertiges Verzeihen war eine Form des Nicht-Sehen-Wollens, und hat den Missbrauch erst so richtig angeheizt. Manche Menschen sind emotional so verwahrlost, da hilft es nur zurueckzubeissen wenn man angegriffen wird.

    Mir wurde mutwillig Schaden zugefuegt, und ich finde es absurd, dafuer auch noch dankbar zu sein. Wenn ich daran wachse, dann habe ich das allein mir selbst zu verdanken, und einigen wenigen Menschen die zu mir gestanden haben. Diesen Menschen bin ich zutiefst dankbar, auch mir selbst. Meine Peiniger wollten mir nur wehtun, weiter nichts. Was mir hilft, ist, den Fokus meiner Gedanken auf das Gute in meinem Leben zu lenken, und dazu gehoert der Missbrauch nun definitiv nicht.

    Ich glaube zwar nicht, dass Ralf ueberhaupt an Missbrauch gedacht hat als er den Artikel schrieb, und fuer den taeglichen Zoff mit dem Nachbarn usw. macht einiges, was er geschrieben hat, ja auch Sinn. Es waere aber schoen wenn das aus dem Artikel auch klar hervorginge.

  • Ein Thema, welches sich für diesem Rahmen nicht eignet!!!
    Ich verstehe nicht, wie es so undifferenziert in den Sonntagmorgen hinein geworfen wird. Da ist eine solche Kraft und “Wucht” dahinter, wenn der Mensch/die Menschin wirklich schlimme, tiefe (traumatische) Verletzungen erleben musste. Für diese/n ist es unakzeptabel! Für andere Konflikte mag es durchaus sinnvoll sein, sie aus anderer Perspektive zu betrachten und zu hinterfragen. Jeder Mensch verhält sich mal nicht korrekt und verletzend. Aus Mücken Elefanten werden zu lassen, spiegelt doch nur die ganzen Vorverletzungen wieder. Und dann fängt es schon an, sich zu unterscheiden. Dann ist es sinnvoll, wenn ich mir noch Fragen stellen kann, warum reagiere ich so? Und da macht es auch Sinn, möglichst die vergangenen Verletzungen von aktuellen zu trennen. Doch das kann sehr schwer sein. Wenn der Lebensentwurf schon in der Kindheit “gestört” und vorgeprägt wird, dann bedeutet es so viel mehr an Anstrengungen und Leistung, überhaupt ein “normales Leben” zu führen. Sinnvoll ist, sich selbst zu “verzeihen”, d. h. mit sich klar zu kommen. Das alleine ist schon hart und schwer genug. Da ich selbst Betroffene bin und nun schon im letzten Drittel meiner Lebenszeit, kann ich aus heutiger Perspektive sagen: ich hätte unbedingt UNVERSÖHNLICHER sein sollen, doch ich “konnte” (mein Herz zu weich, der Mut zu klein!) nicht. Gefühle des “Versagens”, der lebenslange Schmerz, die ausgelöschten Möglichkeiten ….. all das sind Begleiter eines von “Grund auf beschädigten” Lebens, weil der/die Betroffene nicht an Unversehrtes anknüpfen kann und deswegen keine Grundlage hat, auf der er sagen könnte, das sind meine “Ausgangspunkte”, auf diesen und von diesen aus, gehe ich nun los und mache meine (Lebens)-Erfahrungen. Da ist nämlich schon “immer etwas” da, was an diese Stelle gar nicht gehört. z. B. sich verlieben, der erste Kuss, der erste Sex, usw. . Diese Art des “Schon-Besetztseins” und entstandenen “Verwirrungen” (ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf das Selbst-Wertgefühl – welches Selbst?) verändert, verzerrt, verhindert ganz viel. Ein solches Leben ist ein “Trotz allem Leben” und lässt sich nicht vergleichen mit einem Leben ohne diese Verletzungen. Daher hinterlassen solche Themen wie heute einen fiesen bitteren (Nach)-Geschmack bei Menschen, die alle auf ihre Art “Resilienz” leben “müssen” und viele von ihnen bestimmt gerne ihr Resilienzleben gegen ein Leben mit “normalen” Chancen eintauschen würden.
    In diesem Sinn – plädiere ich dafür solche Themen bitte nicht so allgemein zu formulieren und mit zu berücksichtigen, dass ca. jede 3. – 4. Frau Missbrauchserfahrung erlebt hat und auch Jungen (da kenne ich jetzt allerdings leider nicht die Referenzzahl) – plus die Dunkelziffern.

  • Ich denke nicht, dass die Opfer einer tiefgreifenden Verletzung
    darunter leiden, dass sie nicht verzeihen können, sondern darunter dass der Täter sein Unrecht nicht einmal einsieht und/oder keine angemessene Strafe erhalten hat.
    Menschen, die verzeihen, obwohl der Täter sich nicht einmal entschuldigt hat und sein verletzendes Verhalten evtl. sogar wiederholt, belügen sich m. E. selbst und werden dadurch endgültig zum Opfer.
    Mich würde eine Strategie interessieren, die es ermöglicht, sich innerlich von dem Erlittenen zu distanzieren, ohne sich selbst und anderen etwas vorzumachen.

  • Danken ist ein Thema, was mich auch immer wieder beschäftigt und geärgert hat. Gerade bei Menschen, denen ich (noch) nicht danken kann. Der innere Widerstand ist da zu groß.

    Der Artikel hat mich jetzt in sofern weiter gebracht, dass ich gemerkt habe, dass ich erst einmal das Gute an dem Ereignis finden muss, bevor ich mich mit dem Danken beschäftigen kann. Alles andere hat wenig Sinn und führt nur zu Schuldgefühlen. Danke dafür. :-)

  • Danke für den Text – einige Fragen haben mich sehr angeregt. Wie komme ich aus der Opferrolle in das Wieder-Handeln? Durch das Lernen, reflektieren – dafür sind einige Fragen sehr anregend.

    Meine kritische Auseinandersetzung betrifft das Wort “verzeihen” und die Assoziationen, die es in mir auslöst:
    “verzeihen” liest sich für mich nach einem Akt der Gnade – die Täter-Opfer-Beziehung müsste damit umgedreht werden – das Opfer müsste sich über den Täter stellen: ich bin jetzt der7 die Größere und Du der Kleinere …. ob das wirklich Sinn macht? Für mich: nein!
    Als z.B. Vergewaltigte ( danke für die Offenheit an Elke) löst die Umkehrung nicht den Schmerz.

    Was dann?
    Den Schmerz akzeptieren – und nutzen für die eigene Entwicklung.
    Eine “innere” Versöhnung: Du hast mich schwer verletzt – und bist trotzdem in Deinem Wesen Mensch
    Trauer und die Akzeptanz: über das Nicht-mehr-Veränderbare ist die angemessene Lösung macht frei – und vielleicht eine erneute Begegnung möglich.

  • Ich finde es gut, Schritte in Richtung Vergebung zu machen, glaube aber, dass die Wut und Verletzung voher auch ihren Platz haben müssen. Vielleicht ist das mit dem Rat gemeint, sich selbst ausreichend Zeit zu geben, um den Schmerz natürlich zu verarbeiten.

    Meiner Meinung nach kann Vergebung in ganz kleinen, alltäglichen Schritten passieren.

  • Ach ja, um es nochmal ganz klar zu sagen: ich hätte gerne auf die Entwicklung meiner Stärken verzichtet, wenn ich dafür nicht im Alter von 3 Jahren vergewaltigt worden wäre.

  • Ich schreibe hier als jemand, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlitten hat. Das Thema “Verzeihen” wird im Rahmen von Therapien immer wieder thematisiert.
    Ich persönlich habe für mich meinen Standpunkt herausgefunden:
    Diese “Pflicht” zum Verzeihen verschiebt die Verantwortung vom Täter auf das Opfer. Das ist zutiefst unfair.
    Verzeihen hat für mich die Komponente der Zuwendung zum “Täter”. Ich wende mich zu ihm und nehme ihn wieder in mein Leben auf. Das will und werde ich nicht.
    Jemandem Verzeihen und sich Ablösen von vergangenen Ereignissen sind für mich sehr unterschiedliche Vorgehen. Es gibt in meinem Leben Dinge, die ich nicht verzeihen kann (s.o.). Aber ich lerne gerade, diese Dinge für mich anders einzuordnen. Kontakt zu den Verursachern lehne ich für mich ab, ich will mit diesen nichts mehr zu tun haben. Sie verlieren durch meine zunehmende Distanz Stück für Stück Einfluss und Wichtigkeit. Und das ist gut so – die negative Bindung geht verloren. Das hat für mich aber nichts mit verzeihen zu tun.
    In meinem Ablösungsprozess lerne ich gerade mir selber zu verzeihen, das Opfer gewesen zu sein. Dieses Verzeihen ist für mich unumgänglich in meinem Ablösungsprozess.
    Mir ist klar, dass die vergangenen Ereignisse mich geprägt haben. Negativ, aber auch positiv. Ich habe viele Stärken entwickelt. Aber das verdanke ich mir, nicht dem Täter. Ich finde, diese Unterscheidung ist wichtig.
    Ob ich dem Täter je verzeihen kann? Keine Ahnung, ist nicht wichtig für mich. Sollte es einen Gott geben (und an selbigen glaube ich), wird er verstehen und diesen Job für mich übernehmen. Ich lasse mich nicht zur Entlastung des Täters instrumentalisieren.

  • Die Hütte – Ein Bestseller.

  • Es gibt Verletzungen welche “nicht” zu Verzeihen sind. Ihre Tochter wird entführt und ermordet. Dann bekommen Sie eine Einladung von “GOTT” sich mit ihm persönlich zu treffen und damit die Gelegenheit zu fragen: “Warum Leid”?
    Die Antworten verändern Denkweisen.

    Diese Geschichte erzählt das Buch “Die Hütte” von William Paul Young

  • Vergebung ist der Duft den das Veilchen an der Ferse hinterlässt die es zertreten hat. Mark Twain

    • Nils schreibt am 1. Dezember 2013

      Hallo Christian,

      was möchtest du damit sagen? Soll ich jemandem, der mir massiv geschadet hat, ein gutes Parfum schenken? ;-)

      Gruß

      Nils

  • Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf das hawaiianische Vergebungs-Ritual Ho’opono’pono hinweisen.

    Ho’opono’pono bedeutet “ETWAS RICHTIG STELLEN, IN DEN INNEREN FRIEDEN KOMMEN”.

    Ho`o heisst etwas tun, machen, stellen
    Pono`pono heisst richtig, richtig, ausgleichen
    Ho`opno`pono heisst etwas richtig, richtig machen, stellen, ausgleichen

    Ho`opono`pono bedeutet also aktiv etwas zu tun, um den Weg in die Harmonie des Seins, in den inneren Frieden wieder zu finden.

    Solange wir in den Mustern des Getrennt-seins, den Mustern von Tätern und Opfern verharren, können wir zwar unsere Wunden lecken, aber wir haben noch nicht wirklich erkannt, dass die Verantwortung für ALLES, wirklich ALLES, was in unserem Leben geschieht, letztendlich bei uns liegt.
    So liegt es auch bei mir, zu erkennen, dass alles miteinander verbunden ist und ich mit der Situation irgend etwas zu tun habe (sonst wäre sie ja nicht in meinem Leben). Ich muss selber entscheiden, wann ich aus diesem Gefühl des Verletzt-seins aussteigen möchte – Dinge und Situationen nicht bloß aus dem eigenen verletzen Ego zu betrachten, sondern aus einem grösseren Zusammenhang.
    Verzeihen ??? ICH ??? Ja !!!
    Dem anderen, aber auch sich selbst. Oftmals entpuppen sich die “schmerzlichsten” Anlässe als die grössten Glücksfälle.

    Du kannst die Seele nicht verletzen, bloß das Ego.

    • Anna schreibt am 1. Dezember 2013

      Zu Ihrem Satz “…dass die Verantwortung für ALLES, wirklich ALLES, was in unserem Leben geschieht, letztendlich bei uns liegt” möchte ich etwas schreiben. Wie sieht es aus mit Menschen in Gefangenschaft, Folter? Wie sieht es aus mit Babys, die in ein Leben hineingeboren werden, wo sie bei gewalttätigen Menschen aufwachsen? Was ist mit Kindern, die in die “Obhut” von Pädophilen Menschen gegeben werden? Was ist mit den Kinderprostituierten, die in Zimmern gefangen gehalten werden? Was können die Kinder für ihre Situation???

      Ich kann nur hoffen, dass Sie das so nicht gemeint haben mit Ihrem Ho opono opono. Als ich ein Video über Ho opono opono gesehen habe, verstand ich es jedenfalls anders.

      Und nun noch etwas für alle Leidenden:
      Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

    • Sabine Kotzte schreibt am 2. Dezember 2013

      Vielen vielen Dank für diese Zeilen.
      “ALLES, wirklich ALLES, was in unserem Leben geschieht, letztendlich bei uns liegt.
      So liegt es auch bei mir, zu erkennen, dass alles miteinander verbunden ist und ich mit der Situation irgend etwas zu tun habe (sonst wäre sie ja nicht in meinem Leben).”
      Genau so ist es. Ich wünschte schon Kindern wird das mit ins Leben gegeben.
      LG Sabine

  • Die Anregungen aus Ihrem Artikel kannte ich schon. Jahrelang habe ich sie – nach sehr schmerzhaften Erlebnissen – umgesetzt. Mit der Folge, dass ich mich zu einem Stein entwickelt habe. Zu jemandem, der keine schlechten Gefühle mehr zeigt und dessen Grenzen im Hinblick auf Verletzungen niemand mehr wahrnimmt. Inzwischen Rolle ich das Verhalten wieder zurück, zeige öfter offen Wut und auch Traurigkeit. Denn ich glaube nicht (mehr), dass Resilienz positiv ist für den, der sie besitzt. Sie ist nur bequem für die anderen, denn um “funktionierende” Mutmenschen braucht man sich ja nicht zu scheren!

  • Vielen Dank für diesen Artikel.
    Ich habe viele kleine und große Päckchen zu tragen… Angefangen bei meiner Kindheit und Jugend. Der Grundstein meines Lebens war sehr brüchig und meine Eltern waren beide krank (Alkohol, narzisstische Persönlichkeitsstörung, depression, etc.)… Trotzallem hat mich das leben stark werden lassen. Mit Mitte 30 habe ich einen tollen Partner, ein fantastisches Kind, einen guten Job. Ein stabiles leben das ich mir als Kind immer wünschte… Trotzallem guten Kämpfe ich mit wiederkehrenden depressiven Episoden und einer generalisierten angststörung.
    Doch ich merke wie auch DAS mich stärkt auf perfide Art und weise und ich gebe nicht auf.
    Das verzeihen ist schwer aber ich wünsche mir diesen Schritt zu schaffen und die giftigen Gedanken somit zu neutralisieren.
    Ich arbeite dran und danke für die Anregungen diese Beitrags.
    Allen einen schönen ersten Advent.
    E.M.

  • Mal wieder ein sehr toller Beitrag, der mich zum Nachdenken anregt. Ich konnte gute Ansätze in diesem Beitrag für mich mitnehmen, schöne Fragestellungen, die ich so noch nicht kannte. Verzeihen und Loslassen können sind meiner Meinung sehr wirksamse Mittel für die persönliche Weiterentwicklung. Da ich selber mal mit psychischen Problemen zu tun hatte, habe ich im therapeutischen und ärztlichen Bereich schon viel darüber gehört und lernen dürfen. Hier ist es aber noch mal sehr konkret geworden. Danke dafür.

  • Esoterik lässt Grüßen!
    Menschen die Opfer wurden das Verzeihen zu empfehlen
    ist für die Menschen nochmals psychologische Vergewaltigung
    statt “Inneren Frieden” Den “Inneren Frieden” haben dann nur die
    Täter und Täterinnen!
    Mythos der Vergebung Verzeihen
    http://netzwerkb.org/2012/01/24/mythos-der-vergebung/

    • Anne schreibt am 1. Dezember 2013

      Puh, bin ich froh, dass jemand mein Erschrecken teilt und schon Worte dafür gefunden hat.

    • Cornelia schreibt am 1. Dezember 2013

      Danke für diesen Hinweis! Er deckt sich mit meiner Lebenserfahrung: der ‘gut gemeinte’ Rat zu verzeihen steht für ein Begraben der Realität des Opfers und für eine Bestätigung des Verhaltens des Täters. Insbesondere die Aussage ‘Wenn die Sache auch etwas Gutes hatte, können Sie dem Auslöser des Schmerzes ja eigentlich auch ein bisschen dankbar sein.’ löst in mir absolutes Unverständnis aus – das klingt sehr nach ‘war doch alles nicht so schlimm’.
      Loslassen können und Verzeihen müssen nicht gekoppelt sein. Loslassen kann ich, wenn ich erkenne, wer für welches Verhalten die Verantwortung trägt und diese für meine eigenen Anteile übernehme. Ich plädiere durchaus für den Versuch, zwischen Täter und Opfer eine Aussöhnung zu erreichen – diese kann aber nicht in einem einseitigen Verzeihen (= Absolution) bestehen, sondern setzt Einsicht in die Folgen seines Handelns beim Täter voraus. Nur wenn die Realität des Opfers gesehen und anerkannt wird, der erlittene Schmerz angemessen gewürdigt wird und der Täter zu Reue fähig ist, kann eine solide Grundlage für ein Verzeihen gelegt werden. Verzeihen ist somit nicht eine einseitige Angelegenheit, die sich nur im Inneren des Opfers abspielt, sondern sie erfordert aktive Beteiligung des Täters. Wenn dieser dazu nicht bereit ist, kann und darf das Opfer für sich entscheiden, dies als Realität anzunehmen und den Kontakt abzubrechen. Loslassen bedeutet dann, auf weitere Versuche eines Ausgleichs zu verzichten, also eine bewusste Verantwortungsübernahme für die eigenen Erwartungen. Darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Resilienz.
      (Ich bitte die Überzeichnung, die durch die Verwendung der Begriffe ‘Täter’ und ‘Opfer’ entsteht zu verzeihen – natürlich ist die Trennung oft nicht so eindeutig.)

    • Hanni schreibt am 1. Dezember 2013

      Ich sehe das nicht so. Es geht ja nicht darum, die schrecklichen Ereignisse zu verharmlosen. Im Gegenteil. Es sind (leider) oft nur Krisen, die das enorme Potential haben, positive Veränderungen zu bewirken. Wie Khalil Gibran sagte ‘Schmerz ist das Zerbrechen der Schale, die euer Verstehen umschliesst.’ Es geht nicht darum, schreckliche Taten oder schlimme Ereignisse/Schicksalsschläge gutzuheissen, sondern viel mehr, das riesige Potential für nachhaltige und wesentliche Veränderungen darin zu erkennen. So nach dem Motto ‘oft ist das Falsche (oder was wir als falsch beurteilen) das Richtige (…um weiterzukommen).
      Danke, Ralf, für diesen wunderbaren Artikel. Ich sehe das auch so.

    • Büroklammer schreibt am 1. Dezember 2013

      Hallo Cornelia
      sehr gut !!!! …… Nur wenn die Realität des Opfers gesehen und anerkannt wird, der erlittene Schmerz angemessen gewürdigt wird und der Täter zu Reue fähig ist, kann eine solide Grundlage für ein Verzeihen gelegt werden. Verzeihen ist somit nicht eine einseitige Angelegenheit, die sich nur im Inneren des Opfers abspielt, sondern sie erfordert aktive Beteiligung des Täters. Wenn dieser dazu nicht bereit ist, kann und darf das Opfer für sich entscheiden, dies als Realität anzunehmen und den Kontakt abzubrechen. Loslassen bedeutet dann, auf weitere Versuche eines Ausgleichs zu verzichten, also eine bewusste Verantwortungsübernahme für die eigenen Erwartungen. – Ich unterstreiche: Loslassen und, … Verantwortungsübernahme für die eigenen Erwartungen.

      Nicht nur mein Rucksack ist voll mit prägenden Erlebnissen, der Rucksack eines Jeden ist voll. Ich bin Täter und Opfer, so wie Du und ein Jeder. Nochmal: Loslassen und, … Verantwortungsübernahme für die eigenen Erwartungen, Erwartungen an mich, an Dich und an Jeden.
      Ich wünsche Allen Frieden im Herzen, und das nicht nur in der Weihnachtszeit!!!!

      PS. Reue beinhaltet Offenheit

    • Susanne schreibt am 1. Dezember 2013

      Diese Einstellung kann ich gut nachvollziehen, habe aber mittlerweile einen anderen Weg gewählt.
      Ich habe eine mehr als 6-jährige für mich überaus schmerzhafte Beziehung hinter mir, ein ständiges Wechselbad von Trennungen und Wiedersehen. Ich bin an dieser Geschichte fast zerbrochen, der Mann dagegen blieb – in meiner Wahrnehmung – relativ ungerührt und und entzog sich mir, mehr oder weniger aus Bequemlichkeit. Vor 2 Jahren zog ich die Reißleine und trennte mich für immer von dieser Geschichte.
      Lange Zeit zerfraß und vergiftete ich mein Leben, weil ich so viel Hass und Zorn auf diesen Mann in mir trug. Mir wäre damals nie in den Sinn gekommen, zu vergeben, dazu war ich viel zu verletzt und wütend. ER sollte endlich einmal Reue zeigen und sich bei mir dafür entschuldigen, dass er mich die ganze Zeit so mies behandelt hatte.
      Erst nach und nach habe ich kapiert: mit dieser Haltung mache ich mich und meinen Seelenfrieden abhängig vom Verhalten eines anderen Menschen. Und wenn dieser Mensch eben kein Einsehen hat, soll ich dann tatsächlich bis an mein Lebensende weiterwüten und mir das Leben selbst schwer machen? Dem Mann ist das letztlich wurscht, der geht seiner Wege, dem tut das nicht weh.
      Und genau dieser Gedanke hat mich aufgeweckt. Ich schade nicht ihm, sondern mir selbst, und das nicht wenig. Wenn man sich das einmal in aller Klarheit vor Augen führt, dann kann man eigentlich gar nicht mehr anders als den Groll allmählich loslassen, denn welcher Mensch möchte sich schon mit voller Absicht selbst etwas Negatives antun?
      Das ist meine Lehre aus dieser Zeit. Es hat zwar gedauert, bis ich es verstanden habe, aber es hat sich gelohnt.

  • Ja, ich finde auch ein sehr guter Artikel!

    Wie das mit dem wirklich Loslassen funktioniert, durfte ich mit der Radikalen Vergebung nach Colin Tipping selber erfahren und bin so dankbar dafür. Ein grosses Tor in ein neues Leben wurde für mich aufgestossen, in dem ich frei und mit Neugierde den Wundern des Lebens begegnen kann. Einfach wundervoll.

  • Ein toller Beitrag!!
    Ich habe ihn bis zum Ende gelesen und konnte die ganze Zeit nur das eine laut sagen: Danke, du A****!!
    Aufgrund einer schmerzvollen Erfahrung durch meinen Ex und durch eine damals noch gemeinsame Freundin (die beiden haben hinter meinem Rücken was miteinander gehabt), und den für mich darausresultierenden Wohnsitzwechsels ins Ausland, habe ich nun mein Glück hier in Spanien gefunden. Ich habe einen tollen Partner, mir ein komplett anderes Leben erschaffen, habe sogar ein Haustier :-).
    Ich vermisse meine Familie und Freunde in der Heimat natürlich noch sehr, tagtäglich denke ich an sie…Aber ich danke diesem A****, dass er mich indirekt dazu gebracht hat, diesen für mich wichtigen Schritt zu gehen…Alles hintermir zu lassen…Ein neues Leben ALLEINE zu beginnen!!
    Ich danke ihm (und auch ihr)…verzeihen kann ich ihm glaub ich nicht, weil mir immer noch, obwohl nun schon fast zehn Jahre seit der Trennung rum sind, all der psychische Schmerz in den Kopf kommt, den ich aufgrund der Trennung durchlebt habe. Aber trotzdem….DANKE M.W.!!!
    P.S. Es ist das erste Mal, dass ich mich bei ihm indirekt bedanke!!:-P. Wow!!Ein neuer, weiterer Schritt in meiner ganz persönlichen Entwicklung, der mich stolz macht :-)!

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