Was hat das mit mir zu tun?

Wenn du mit dem Finger auf jemanden zeigst, dann denke immer daran, das drei Finger deiner eigenen Hand auf dich selbst gerichtet sind. — Sprichwort

Ich weiß nicht, ob Sie den Begriff Projektion aus der Psychologie kennen. “Projektion” bedeutet, dass wir unsere Werte, Themen oder Probleme in anderen Menschen zu sehen glauben, obwohl diese mit unseren Themen vielleicht gar nichts zu tun haben. Wenn wir projizieren, dann schreiben wir einem Menschen Dinge zu, die mehr uns selbst betreffen als den anderen. Wir haben sozusagen ständig eine Brille auf, deren Gläser uns alles im Licht unserer eigenen Werte, Einstellungen, Probleme und Ziele sehen lassen. Selbst wenn wir uns große Mühe geben, fällt es uns nicht leicht, andere Menschen wirklich unvoreingenommen und neutral zu betrachten. Alles wird durch unsere ureigensten Themen gefiltert. Soweit so gut, aber was hat das für Folgen für uns im Alltag? Es hat eine ganze Menge Folgen:

  • Wir regen uns bei anderen über Dinge auf, die uns an uns selbst nicht gefallen.
  • Wir ärgern uns über andere, weil diese Dinge tun, die wir uns selbst insgeheim verbieten, aber trotzdem irgendwo gerne tun würden.
  • Wir sehen bei anderen Menschen Probleme, die wir eigentlich selbst haben.
  • Nicht selten versuchen wir andere Menschen davon zu überzeugen, dass da etwas nicht mit ihnen stimmt und zwar genau in den Bereichen, wo wir selbst ein Thema zu laufen haben.
  • Wir geben anderen Menschen Rat, den wir eigentlich lieber selbst befolgen sollten, weil diese Ideen viel mehr auf unser eigenes Leben passen.

Man kann also sehen, dass unsere Projektionen für eine Menge Alltagsärgerlichkeiten verantwortlich sind. Wenn Sie sich das nächste Mal über jemanden ärgern oder wenn Sie sich dabei erwischen, wie Sie jemand einen ungebetenen Rat geben, dann machen Sie sich klar, dass das meiste davon wahrscheinlich sowieso nur Ihre Projektionen sind. Es geht nicht um die anderen, sondern es geht in den meisten Fällen immer um einen selbst. Eine Leitfrage, mit der man sich prima durch den Dschungel unserer Projektionen bewegen kann ist:

Was hat das jetzt mit mir zu tun?

Stellen Sie sich diese Frage oft und gerne selbst, dann werden Sie Ihre Projektionen immer mehr verstehen und können mit sich selbst und mit anderen deutlich freier umgehen.

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Kommentare

  • Seit ich selbst mit diesem Satz, allerdings noch vorangestellt die Frage:”Was sehe ich und was hat das mit mir zu tun?” mich und meine Umwelt kritisch betrachte, konnte ich meine eigenen Themen besser herausfiltern und andere Menschen sein lassen, wie sie sind. Das gelingt mir nicht jeden Tag, allerdings immer öfter :-)
    Insofern finde ich auch diesen Impuls von Ihnen sehr unterstützend.
    Vielen Dank auf diesem Wege für Ihre Anregungen, jeden Tag ein bisschen über meine Gewohnheiten und Verhaltensweisen und was dahinter stehen könnte nachzudenken, dadurch auch dieses oder jenes ändern zu können bzw. mich einfach akzeptiern zu können wie ich bin. Ich wünsche Ihnen und allen Lesern einen wunderschönen Tag

  • Wenn man das mit den Projektionen mal konsequent zu Ende denkt, bedeutet es nicht weniger, als dass es letztlich keine objektiven Meinungen (ein Paradoxon) gibt, sondern nur subjektive – so sehr sich Mensch auch bemüht. Unsere internen Filter lassen sich nicht einfach abschalten, die laufen immer mit. Wir können also gar nicht objektiv sein, höchstens möglichst.

  • Lieber Ralf Senftenleben,
    ich denke, dass man dieses Thema tiefer beleuchten muss, um bei den Lesern die Größe Ihrer Worte nicht wie ein Bumerang zu verstehen. Hier fällt mir ein, dass die Spiegelgesetzmethode ein hilfreicher Hinweis sein kann, die Ihre Aussagen über Projektionen noch differenzierter darstellt. Beispielsweise findet man in der Spiegelgesetzmethode die Gefühlsebene, die stark hervorgehoben wird. Schauen, welche Gefühle das Gegenüber empfindet. Das Spiegelgesetz sagt zum einen: Kritisiere ich jemanden und das Gegenüber ärgert sich darüber, hat es mit ihm zutun. Kritisiere ich jemanden und es ärgert ihn nicht und er signalisiert, das hat mit mir nichts zutun, spiegelt er mir, dass hier eigene Defizite vorliegen und ich hier an mir selbst arbeiten kann, es meine eigenen Überzeugungen sind. Bsp. die Frau, die sich über herumliegende Handtücher aufregt (die typische Zahnpastatube). Den Partner berühren die Anschuldigungen der Frau in der Kommunikation nicht, ist das Spiegelgesetz davon überzeugt, dass die Frau sich hinterfragt, in welchen Bereichen erlaube ich mir nicht, mal etwas “liegenzulassen”. Spannendes Thema, auf jeden Fall! Persönlichkeitsentwicklung in allen Bereichen, ein Leben lang.
    Liebe Grüße
    Cathrin

  • Allein wenn ich andere Menschen kritisiere und ich glaube, sagen zu müssen, wie sie sein sollten, zeigt doch, dass ich Andersartigkeit nicht toleriere. Das ist Projektion, meine ich.

  • Hi,
    weil diese Gefühle so stark verbreitet sind und niemand in der nahen Umbgebung sie zu haben scheint sind die Seiten wie ein Geschenk. Auch mir helfen sie ungemein weiter. Sie holen mich in das hier und jetzt und das ist eine Erleichterung auf allen ebenen des Seins.

    Herzlichen Gruß Ulla

  • Dieser Satz hat mir am meisten geholfen, als ich versucht habe, meinen Selbstwert aufzubauen. Ich war z.B. verunsichert, wenn andere in meiner Nähe lachten, oder wenn jemand mir gegenüber unfreundlich war, oder oder oder.
    Dann hat es mir ungemein gut getan, mir zu sagen: “Das hat nichts mit mir zu tun”, denn es half mir, das Verhalten der anderen von meinem Sosein zu trennen.
    Für mich damals eine wichtige Erfahrung, dass nicht alles um mich herum was mit mir zu tun hat… wäre ja auch ganz schön eingebildet, oder? ;-)

    • Silvana schreibt am 5. April 2017

      Barbara, so sehe ich das auch. Ich sage mir dann auch immer: “ich ziehe mir nicht jeden Schuh an” . Das hilft mir total.

  • Hi Ralf,
    stell dir vor was alles gibt. Nach einem Unfall hatte ich eine komplette Bewusstseins Veränderung an den Tag gelegt. Niemand hatte gemerkt dass “ich” aus “mir” entschwinde. Bis dahin war mein Leben unbelastet und die Probleme andere interessierten mich nicht. Wenn einer Versagte sagte ich “selbst dran schuld” heute weiß ich dass es sehr töricht von mir war das zu sagen. Bei mir waren mehrere Nerven in den Rückenwirbeln engeklemmt. Es hatte zu Folge dass nur ein “ich” das Zerstörerische “ich” frei war. Das “ich” das mich Kritisiert zum Boden wirft und nicht aufstehen lässt kein Eigenschutz ein Menschlicher Wrack. Heute bin ich zurück und erlerne meine Welt und meine Gefühle aufs Neue. Ich hatte viele Unsinnige Sachen gemacht und erzählt. Ich habe mein Leben zwar erlebt aber mehr als Zuschauer. Einer der den eigenen Fall mitansehen muss. Das alles lag an paar eingeklemmten Nerven. Danke Medizin! Kannst du dir so was vorstellen? Was sagst du dazu?

  • Lieber Herr Senftleben!

    Ich kenne und verfolge diese Gedankengänge (Projektion) seit vielen Jahren und Jahrzehnten und kann Ihnen in allen Punkten vollinhaltlich zustimmen. In der Zwischenzeit sind diese Überlegungen ja sogar biologisch erklärbar, und der Film “What the Bleep do we know” liefert eindrucksvolle Hinweise.

    Es ist natürlich anfangs schwer nachzuvollziehen, dass das, was A über B sagt, mehr über A aussagen soll als über B.
    Letztlich hat es aber immer gestimmt, und mit ein wenig Selbstbeobachtung kann man diesen Mechanismus relativ leicht durchschauen.

    “Nicht alles, was mir an anderen auffällt hat mit mir zu tun” las ich in einem Kommentar. Aber das, was mich an anderen AUFREGT, das hat ganz sicher mit mir zu tun. Ein recht guter Weg zu Selbsterkenntnis – und eine ausgezeichnete Hilfe, wenn es um die Lösung ernster Konflike geht.

    Ein Kommentator schreibt: “Wenn ich auf ein drohendes Alkoholproblem, eine zerrüttete Beziehung, eine desaströse finanzielle Lage oder einen ausschweifenden Lebenstil hinweise, so kann ich das bei mir auch nach längerem Nachdenken nicht wirklich finden.” … natürlich nicht, denn dies liegt wohl im Unbewussten vergraben, und man projiziert doch letztlich unbewusste Inhalte in andere.

    Gerade dann aber liefert dieses Denkmodell wertvolle Hinweise, denn was kümmern mich eigentlich ein drohendes Alkoholproblem, eine zerrüttete Beziehung, eine desaströse finanzielle Lage oder ein ausschweifender Lebenstil bei anderen, wenn nicht in mir “irgendetwas” mitschwingt?

    Ich bin mit diesem Denkmodell im Sinne der im Artikel gestellten Fragen über 40 Jahre lang gut gefahren. Probleme verschwinden dadurch nicht, aber die Lösung gestaltet sich ungemein leicht.

    Herzliche Grüße
    Erhard

  • Einen schönen Tag für alle!
    Der Gedanke, erst mal bei mir zu schauen, wenn mir an anderen etwas auffällt, hat mir schon viele Erkenntnisblitze beschert..inklusive der freudigen Erfolgserlebnisse, wenn ich diese Erkenntnisse dann auch umsetzte.
    Außerdem lebe ich seitdem viel entspannter, weil ich mir nicht mehr “die Mühe machen muß”, andere zu “erziehen”.
    Ich kann mich selber ändern und ein Stück der Welt sein, die ich sehen möchte…

    Liebe Grüße, Amrita

  • Hallo Ralf

    Was hat das jetzt mit mir zu tun? Gute Frage!

    Immer wenn ich etwas lese, sehe oder höre, hat es etwas mit mir zu tun.
    Mit wem auch sonst? Niemand kann durch meine Augen schauen, mit meinen Ohren hören.
    Die Frage ist muss ich es jetzt verstehen?

    Vielleicht lässt eine andere Sicht der Dinge einen anderen Einblick zu.

    Wir gehen von unserer Wahrnehmung aus. Wahrnehmung bedeute, dass ich meinen Suchscheinwerfer „Aufmerksamkeit“, der von meinen Bedürfnissen gesteuert wird, ausrichte.
    Könnte es nicht auch so sein, dass auf Grund meiner Resonanz „Aufmerksamkeit“ die Dinge mich finden?
    Dass uns Worte anspringen?
    Dann stellt sich die Frage, „will ich es wahr nehmen oder verdrängen, wichtigeren Dingen den Vortritt lassen?“

    Hier ist die richtige Balance gefragt. Nicht alles muss ich mir anziehen. Ich kann auch akzeptieren lernen, wie anderer Menschen die Welt erleben.
    Hat etwas mit Liebe zu tun!
    Nur wenn es mich aufregt, ärgert, wütend macht, Schuldgefühle aufkommen, dann hat es bestimmt etwas mit mir zu tun. Hier beginnt die Projektion.

    Liebe Grüsse
    Norbert

  • Hallo zusammen,

    ein wunderschönes Thema ist das und wenn das vielen klar wäre, dass es auch Projektion sein kann, wenn man mit dem Finger auf
    jemanden zeigt, würden einige Menschen vielleicht vorsichtiger sein mit dem Verurteilen von Anderen, das viel Leid bringen kann, denen die verurteilen und dadurch nicht weiterwachsen und den Verurteilten, die vielleicht traurig sind über die Ablehnung, die sie erfahren.

    Als ich das erst Mal etwas las über Projektion traf es mich wie einen Hammer, aber es stellte sich immer wieder heraus,
    dass es tatsächlich auch etwas mit mir zu tun hatte. In der Bibel steht ja auch schon sinngemäß, daß man den Balken im eigenen Auge nicht sieht, aber den Splitter im Auge des Anderen schon.

    Die Ratschläge, die man anderen gibt, auch selbst zu befolgen, ist eine interessante Sache, so hat jeder etwas zu tun im Wachsen.

    Alles Liebe
    Monika

  • hallo kamoo,

    du hast Recht, es ist so schön sich in Problemen zu wälzen, da fühlt mann sich so richtig wohl und heimisch.

    Warum sollte man das ändern?

    Gruß Jochen

  • Liebe Tania,

    “Was hat das mit mir zu tun?” ist nur der erste Schritt.

    Es geht noch weiter:

    Schritt 2: “was will i c h in dieser Situation wirklich?”

    Es gibt noch fünf weitere Schritte zum erfüllten und erfolgreichen Leben.

    Herzlichen Gruß Jochen Strehler

  • Ich hab das schon vor ner Weile bei mir bemerkt: Wenn ich sehr intensiv versuche, jemand anderem zu “helfen”, deutet das oft auf ein Problem bei mir selbst. Also bin ich dazu übergegangen, die guten Ratschläge einfach auch selbst anzuwenden :)

    (Das heißt im Übrigen nicht, dass der andere das Problem *nicht* hatte – im Gegenteil. Aber da derjenige ja eigene Entscheidungen trifft, kann ich ihn eh nicht zu seinem Glück zwingen (und das will ich auch nicht).)

  • Ralf Senftleben

    Hallo Hubert,

    das ist nett, dass Sie sich um mich sorgen und viele der Dinge über die ich schreibe, haben etwas mit mir zu tun, auch wenn ich viele der Themen vielleicht schon integriert und verarbeitet habe, so dass sie mich nicht mehr so stark einschränken.

    Und klar: Nicht alles, was uns bei anderen auffällt, hat zwangsläufig mit mir zu tun. Aber es lohnt sich, die Augen offenzuhalten. In dieser Idee, dass vieles eher etwas mit uns selbst zu tun hat, steckt starkes Selbsterkenntnis-Potenzial.

    Viele Grüße,
    Ralf

    • Börni schreibt am 8. August 2014

      Moin Ralf,

      ich möchte ins dasselbe Horn tuten. Auch wenn bzw. gerade wenn ich mit mir im Allgemeinen im Reinen bin, kann ich vielerlei Ratschläge geben bzw. mich einfühlen, da ich dann die notwendige innerliche Distanz zu diesen Themen habe. Im Idealfall habe ich Erfahrung in der Be- und Verarbeitung dieser Themen.

  • Lieber Ralf Senftleben,
    wenn das so zutreffen sollte, und ich es richtig verstanden habe, dann mach ich mir doch ein wenig Sorgen über die vielen Probleme, die Sie mit sich herumtragen, angesichts der Vielzahl Ihrer sinnvollen und hilfreichen Fingerzeige.
    Aber ich glaube, ich brauche das gar nicht zu machen. Oder macht es einen Unterschied, ob man so etwas quasi als Institution macht, im Freundes oder Bekanntenkreis oder sonst wo.
    Sicherlich sind Menschen nicht so, wie wir sie beurteilen. Hier trifft immer nur ein Teilaspekt zu, und darüber müssen wir uns bewusst werden, und auch daran arbeiten, ein etwas differenziertes Bild zu erlangen. Und dabei bin ich mir auch bewusst dass wieder ein Finger auf mich zeigt, und ich registriere das auch.
    Aber nicht jeder Missstand, auf den ich aufmerksam mache betrifft mich gleichwohl selbst. Wenn ich auf ein drohendes Alkoholproblem, eine zerrüttete Beziehung, eine desaströse finanzielle Lage oder einen ausschweifenden Lebenstiel hinweise, so kann ich das bei mir auch nach längerem Nachdenken nicht wirklich finden.
    In der Grundtendenz stimme ich Ihrem Artikel jedoch zu, aber nicht wirklich jedes ungewünschte Verhalten meiner Mitmenschen hat was mit mir zu tun.

    • Ismir Übel schreibt am 30. Juni 2014

      Nur eine kleine Anmerkung zu dem Punkt andere auf ein Problem hinweisen. Ich habe erst vor wenigen Tagen einen Artikel gelesen, in dem die Autorin, wohl eine Psychologin, darauf hinwies, dass diese konfrontativen Interventionen wie beispielsweise “Du hast ein Alkoholproblem.” praktisch NIE hilfreich sind. Wir Menschen nehmen diese gut gemeinten, aber unerbetenen Ratschläge fast immer nicht an, sondern reagieren ablehnend und verärgert darauf – und das nicht ganz zu Unrecht.

    • Willibald schreibt am 1. Juli 2014

      Super Hubert. So sehe ich das auch!!

      Gruss

      Willi

  • “Wenn ich nichts persönlich nehme, womit habe ich dann noch ein Problem?”

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