Wie Reisen helfen, sich selbst zu finden

Reisen

Wusstest du, dass die Menschen im Himalaya sich begrüßen, indem sie ihrem Gegenüber die Zunge herausstrecken? Oder dass in Bulgarien ein Kopfschütteln „ja“ bedeutet und ein Nicken „nein“ …?

Ich wusste das noch nicht. Bis ich kürzlich Werbespots eines großen Online-Reiseportals gesehen habe. Die Geschichte in der Werbung ist immer die gleiche: Da erzählt jemand eine interessante Anekdote aus seinem letzten Urlaub und steht dadurch im Mittelpunkt der Runde. Das Motto der Werbung: „Reise dich interessant.“

„Reise dich interessant“, ob das wirklich der Sinn und Zweck des Reisens sein sollte, darüber darf jeder gern sein eigenes Urteil fällen … Aber dass Reisen oft etwas mit uns machen, dass sie Spuren in uns hinterlassen und unsere Sicht der Dinge manchmal ein wenig verändern, diese Erfahrung dürften viele von euch auch schon mal gemacht haben.

Eine Auszeit für mich

Im Alltag laufen wir ja oft ein wenig im „Autopilot-Modus“. Wir haben unsere Verpflichtungen. Wir nehmen vieles nicht mehr so bewusst wahr, denn wir haben unsere Routinen, tun täglich mehr oder weniger die gleichen Dinge. Unser Leben plätschert manchmal vielleicht ein wenig vor sich hin.

Die Urlaubszeit ist hingegen eine der Phasen, wo wir mal ganz bewusst eine „Auszeit“ einlegen können. Um sich vom Alltag zu erholen und die Batterien wieder aufzuladen. Im Optimalfall ist der Urlaub auch eine Zeit, in der wir einmal größere Distanz zu unserem normalen Alltag aufbauen. Und genau das bietet uns auch die Chance, uns selbst ein wenig zu reflektieren. Und unser eigenes Leben mal aus der Vogelperspektive zu betrachten.

Sich selbst entdecken

Reisen bieten uns die Möglichkeit, uns selbst besser kennenzulernen. Und auch Gelegenheiten, uns selbst weiterzuentwickeln.

Reisen holen uns aus unserer Komfortzone

Plötzlich befinden wir uns in einem ganz anderen, ungewohnten Umfeld. Die Menschen sind vielleicht ganz anders. Es gibt andere Gefahren, auf die man achten muss. Und auch im Supermarkt muss man sich erstmal zurechtfinden.

Auf Reisen werden wir oft vor Herausforderungen gestellt und mit unseren Grenzen und Ängsten konfrontiert. Das ist gleichzeitig eine gute Gelegenheit, sich selbst neu auszuprobieren und vielleicht ganz neue Seiten an sich selbst zu entdecken.

Wenn wir uns beispielsweise trotz Sprachbarriere gut zurechtfinden. Oder uns trotz vieler unbekannter Risiken etwas getraut haben. Wir erfahren, wie gut wir die Dinge hinbekommen können, auch wenn wir komplett auf uns allein gestellt sind.

Eine Reise ist der Augenblick, an dem wir uns solchen Herausforderungen aussetzen und unsere Grenzen neu ausloten können. Und an solchen Erfahrungen wachsen wir als Mensch.

Wir erfahren etwas über unsere eigene Identität

Wenn man an Orte reist, an denen vieles ganz anders ist als zu Hause, dann bietet uns das auch eine sehr gute Gelegenheit, um mehr über uns selbst zu erfahren. Wenn ich z. B. in ein fremdes Land fahre und mir auffällt, dass sich dort kein Mensch im Auto anschnallt, dann sagt das auch etwas über mich aus. Es so gewohnt zu sein, zeigt mir, dass ein gewisses Sicherheitsdenken Teil meiner Identität geworden ist.

Und wenn wir ein wenig mit offenen Augen durch die Welt laufen, dann werden uns viele solche Dinge auffallen, wo wir mehr über das erfahren, was uns selbst eigentlich ausmacht. Eine Reise in ein fremdes Land bietet uns die Möglichkeit, das, was man selbst tut und gewohnt ist, mal aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Denn dabei erfährt man oft, wie relativ das sein kann, was als „normal“ gilt.

Schreib dich glücklich…

Es gibt eine bestimmte Art, ein Tagebuch zu schreiben. Eine Art, die dich wirklich voran bringt. Ein Tagebuch, das dich heilen kann. Pure Selbsterkenntnis. Und jede Menge Spaß: Projekt: Tagebuch.

Reisen inspirieren uns 

Vielleicht begegnest du in fremden Ländern anderen Lebenseinstellungen und Werten.

Und wirst so damit konfrontiert, auch zu schauen, welche Werte und Einstellungen für dich wichtig sind. Zum Beispiel Zuverlässigkeit oder ein gewisser Ordnungssinn ;-)

Vielleicht erkennst du auf einer Reise, dass dir doch aber auch noch ganz andere Dinge im Leben wichtig sind, als du bisher dachtest.

Und das ist eine Erfahrung, die unseren eigenen Horizont sehr erweitern kann. Reisen können uns da viel Inspiration für unser eigenes Leben schenken.

Wohin man auch geht

Ob man nun den ganzen Tag am Strand liegt, in den Tag hineinlebt und seine Gedanken schweifen lässt. Ob man sich alleine unter einen schattigen Baum setzt, ein gutes Buch liest und sich davon inspirieren lässt. Oder ob man nur mit einem Rucksack durch Südamerika reist, seine Grenzen und Ängste überwindet und so mehr über sich selbst erfährt. Man kann eine Reise immer für sich nutzen, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Reise dich interessant …

So war das Motto aus der Werbung. Der Philosoph Aurelius Augustinus hat einmal geschrieben:

„Die Menschen machen weite Reisen, um zu staunen:

über die Höhe der Berge,

über riesige Wellen des Meeres,

über die Länge der Flüsse,

über die Weite des Ozeans

und über die Kreisbewegung der Sterne.

An sich selbst aber gehen sie vorbei, ohne zu staunen.“

Getreu diesem Gedanken sollte das Motto der Werbung eigentlich viel besser lauten: „Entdecke, wie interessant du bist, auf Reisen.“

Wenn du deine nächste Reise auch nutzen möchtest, um mehr spannende Dinge über dich selbst zu erfahren, dann können dir folgende Reflexionsfragen vielleicht dabei helfen:

  1. Welche neuen Bedürfnisse und Wünsche entdecke ich im Urlaub bei mir? Wie kann ich diese eventuell auch in meinem Alltag zu Hause erfüllen? Zum Beispiel eine Weile einfach nur dazusitzen und dem Sonnenuntergang zuzuschauen oder öfter ausprobieren, etwas Neues zu kochen.
  2. Was fällt mir an anderen Orten besonders auf oder was finde ich speziell? Und was sagt das eigentlich über mich selbst aus? Zum Beispiel: „Das Leben ist hier irgendwie ruhiger und weniger hektisch. Ich habe scheinbar ein relativ hohes Lebenstempo.“
  3. Was kann ich von hier evtl. für mich lernen? Was kann ich von hier als Inspiration für mein Leben mitnehmen? Zum Beispiel: „Die Menschen gehen hier sehr offen und unvoreingenommen aufeinander zu. Ich möchte auch freundlicher und offener auf andere Menschen zugehen können.“
  4. Wo habe ich mich auf dieser Reise Herausforderungen oder Ängsten gestellt? Wo habe ich neue Grenzen für mich kenngelernt? Zum Beispiel sich trauen, eine fremde Stadt ganz alleine zu erkunden. Etwas zu essen oder zu trinken, was ich vom Aussehen her ekelig finde.

Reisen sorgen dafür, dass wir einmal aus unserer Komfortzone heraustreten müssen. Sie können uns etwas über unsere eigene Identität verraten. Und sie können uns Inspiration für unser eigenes Leben schenken. Schau hin und entdecke dich neu, auf Reisen!

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Kommentare

  • Reisen ist für mich wie das Spazieren über einen Bazar. Ich sehe Vieles, kann Vieles kennenlernen und mir aussuchen, ob ich es auch für mich haben möchte. Reisen hat mir meine Lebenswelt im Laufe der Jahre viel größer gemacht. Es hat mich angefüllt mich neuen Dingen, Einstellungen und Ansichten. Eine feine Sache. Und Reisetagebuch zu schreiben, gehört für mich dazu.

  • Es ist wie mit so vielem: Entweder ist es das Ding von einem oder auch nicht! Darum sollte sich jede/r ihr/ sein eigenes Urteil fällen.

    Der Schriftsteller Jean Paul sagte mal so treffend: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht verdrängt werden können!

    Sämtlich Materielle kann einem gepfändet werden – ausser die Erinne-rung, die man gemeinsam/ alleine “errungen” hat.

    Eventuelle Dokumentationen über die erlebten Aktionen (z. B. in Form von Zeitungsartikeln) sind für Gerichtsvollzieher wertlos.

    Man spricht auch in diesem Fall von “immateriellen” Werten. Was für einen (Aussenstehenden) sinnloser “Tinnef” ist, kann für den anderen (Besitzer) von unschätzbarem Wert sein (weil da bestimmte Erinnerun-gen hängen wie Veranstaltungen (Plakate/ Flyer) / “Machwerke” von – eventuell verstorbenen/ viel zu jung verunglückter Familienangehöri-ger/ enger Freunde oder Bilder/ Clips vom verstorbenen/ verunglück-ten Haustier.

    Dieses Immaterielle wird sehr schön auch von Wolfgang Borchert (wer ihn nicht kennt: ein Schriftsteller, der sich verstärkt mit dem Nach-kriegs-Deutschland auseinandergesetzt hat.) in der “Küchenuhr” aufgegriffen.

    Im Zentrum steht ein junger Mann, der von seinem Elternhaus einzig die Küchenuhr hat retten können. Diese ist stehen geblieben, als die Bombe das Haus traf.

    Nun sagt der logisch denkende Mensch: Was will der mit einer kaput-ten Wanduhr? Unsere (heutige) Welt ist darauf “ausgerichtet”, dass Ir-reparables per sé entsorgt wird.

    Doch an dieser Uhr hängen (für ihn) wichtige Erinnerungen: Die Gebor-genheit in der Kindheit, seine Jugend, dann sein Arbeitsantritt, danach dass seine Mutter – wenn er erst spät abends heimkam – nochmal für ihn aufgestanden ist, um ihm noch was zu essen zu machen…

    Genauso ist es mit dem Reisen: Mein Lebensgefährte ist so gar nicht für das Reisen. Fahrten, die länger als (maximal) zwei Stunden gehen, machen ihn fürchterlich nervös. (Also: den Bodensee, wo ich gebürtig herkomme und man mit der Bahn mit gut 13,5 – 14 Stunden dabei ist – geht (für ihn) gar nicht!)

    Aber für weite Reisen habe ich daher meine Mutter – ihres Zeichens: pensionierte Sonderschullehrerin. Sie hat mir das Versprechen gege-ben, dass sie, so lange sie noch physisch mobil ist und “oben” noch al-le beieinander hat (ihr O-Ton), jedes Jahr eine Reise zu einem Ziel mei-ner Wahl macht.

    So waren wir schon (beispielsweise) in Prag, zuletzt in Wien, Irland, Go-zo/ Malta als nächstes sind sämtliche Partnerstädte Hamburg’s “fällig” -genauso wie die skandinavischen Länder sowie Litauen, Lettland und Estland.

    Allgemein gesagt: Jeder muss selbst wissen, ob und was ihm voll zusagt. Nur aus Gefälligkeit mitzuziehen wird schlussendlich (für beide Seiten) leidlich und unbefriedigend!

  • Ein netter Artikel, vielen Dank. Ich arbeite als Reiseführerin und finde in so insgesamt ein bisschen “intellektuell”. Auf die große Masse trifft das alles eher nicht zu.
    Mal hierzu: Man kann eine Reise immer für sich nutzen, um sich selbst weiterzuentwickeln.
    Das ist sicher richtig und die Betonung liegt auf “kann”. Über 90% der Leute haben dazu gar keine Lust. Sie wollen sich einfach im Urlaub das holen, was ihnen ansonsten im Leben fehlt: Sonne, Meer, frische Luft, Natur, Abwechslung, Freizeit, Spaß haben, eine Affäre anzetteln usw.

    Und hierzu: Reisen holen uns aus unserer Komfortzone.

    Ha. Wenn das eintritt, dann gibt es Mecker, vor allem von den Deutschen. Weshalb die meisten Reiseveranstalter sich darum bemühen, genau das zu verhindern. Alles wie zu Hause, nur neue Tapete und ein paar extra Highlights, die es zu Hause nicht gibt :-).

    • xxCommander schreibt am 31. Juli 2017

      Danke für diesen interessanten Impuls der in eine ganz andere Richtung zeigt.

      Ich kann beides in mir wahrnehmen – den von Ralfs geschilderten Drang über mich hinauszuwachsen und mich besser kennen zu lernen, und den Wunsch einfach etwas “abzuhängen” :)

  • Auf Reisen lerne ich nicht nur etwas über mich selbst, sondern schätze auch vermehrt mein Zuhause, mein Land, meine Kultur und Religion:
    Zurück aus
    – einem trockenen Land, tanze ich in Frankfurt am Flughafen im Regen,
    – den USA werde ich mir unseres Sozialsystems wieder bewusst,
    – vorderem Orient bin ich froh über Reformation und Aufklärung
    – Orient und Asien verstehe ich durch Islam, Buddhismus und Hinduismus mein Christentum auf viel tiefere, richtigere Art und Weise
    HvH

    • Angelika schreibt am 21. Juli 2014

      Hallo Hans, Du hast so treffend formuliert, was ich vor 20 Jahren auch erlebt habe. Wir habe Freunde in Ungarn und waren dort zu Besuch. Ach, was war ich froh, mal aus unserer spießigen Provinz raus zu sein und stellte dann fest, dass ich selbst spießig bin. Und zwar in dem Sinne, dass ich es genieße, hier so sicher zu leben und ein geordnetes Umfeld zu haben. Die Freiheit, die unsere Freunde haben, geht leider einher mit teilweiser sozialer Unsicherheit und einem ziemlich niederigen Lebensstandard (aus unserer Sicht). Und ich habe gemerkt, wie deutsch/preußisch ich bin, was ich nie gedacht hätte.
      Also, danke für Deinen Beitrag.

  • Hallo zusammen,
    vielen Dank für diesen interessanten Beitrag und vielen Dank an Marc für die Denkanstöße.
    Ich finde, es kommt darauf an, dass man etwas daraus macht. Es sind ja auch viele persönliche Präferenzen im Spiel und Möglichkeiten, die sich ja auch immer mal ändern können.
    Ich selbst habe im letzten Jahr Reise-Urlaub gemacht, 2 Wochen Toskana, mein Herzenswunsch. Es war toll, selbst zurecht zu kommen, einkaufen, nach einem Weg fragen, die Begegnungen mit den Meschen dort, nur mit Sprachführer. Das hat sehr viel Spaß gemacht, mich gestärkt und neue Erfahrungen hervorgebracht.
    In diesem Jahr war ich 3 1/2 Wochen Zuhause. Traumhaft! Ok, ein bisschen Renovierungsarbeit war notwendig, aber zeitlich begrenzt, das war abgesprochen. Den Rest der Zeit konnte ich einmal aufmerksam vormittags einkaufen gehen, Nachbarn treffen, die ich sonst eher selten sehe. Spüren, dass meine Liebste und ich gut zusammen arbeiten können und das kann ich mir immer noch ansehen, jeden Tag mich daran erinnern an diesen Urlaub, den ich mal ohne Reise verbracht habe.
    Es hat beides seine Berechtigung und in beidem kann ich Positives sehen.
    Deshalb lese ich aus dem Satz “…an sich selbst aber gehen sie vorbei, ohne zu staunen” auch eher:
    Entdecke, wie interessant Du bist! (egal wo du bist.)
    Petra

  • Wie passend für mich! Zuerst einmal der ermutigende Artikel von Mathias und dann der Kommentar von Christina!
    Denn ich plane seit einiger Zeit, endlich einmal meine amerikanische Freundin in den USA zu besuchen, und das für 3 Wochen! Allein traute ich es mir zuerst nicht zu. Aber es ergab sich, dass 2 Freundinnen, die anfangs grundsätzlich geneigt und erfreut waren, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mitfahren können. Jetzt muss ich wohl oder übel allein fahren! Mir wird sicher eine ganze Menge durch meine Freundin geboten, aber doch nicht die ganze Zeit. Also, was mache ich? Mut sammeln! Ich (63 J.) bin fast noch nie allein verrreist, immer mit Partner, mit Familie, mit Kindern, mit Freunden, schon gar nicht in die USA. Ich weiß inzwischen, dass ich alleine reise, aber ein sehr mulmiges Gefühl bleibt doch.
    “Entdecke, wie interessant du bist, auf Reisen” mit den anschließenden 4 Punkten baut mich sehr auf. Und besonders Punkt 4!
    Ich will auch, wie Christina, Land und Leute kennen lernen, keinen “Urlaub” dort machen und möglichst an einem Fleck bleiben!
    Nun habe ich mehr Mut gesammelt, fühle mich bestärkt und möchte noch etwas ergänzen zum Alleinreisen, was ich kürzlich gelesen habe:
    Das Alleinreisen bietet die Chance, sich auszuprobieren. Man kann jeden Tag ein anderer sein, keiner kennt einen in der “Alltagsrolle” und wundert sich, wie man denn heute “drauf” ist. Ich bin gespannt auf mich!
    Zum Schluss ein Wort von Paulo Coelho:
    It’s the possibility of having a dream come true that makes life interesting.
    (Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.)
    – Paulo Coelho, The Alchimist (Der Alchimist)

  • Guten Morgen!
    Der Beitrag trifft meinen Nerv. Aus dem Grund, weil ich mich schon längere Zeit – etwa ein Jahr – genau damit beschäftige.
    Und das kam so: Seit 2012 weiß ich, dass ich gerne nach Brasilien reisen möchte. Ich begann Portugiesisch zu lernen. Lernte über das Internet viele Brasilianer kennen. Das Portugiesisch klappt mittlerweile recht gut, wobei ich im Alltag niemanden zum Sprechen habe. Geplant war – für mich jedenfalls – mit meinem Mann dorthin zu fliegen, bis er dann irgendwann mit der Sprache herauskam, dass er gar nicht dorthin möchte. Ich habe mich gefragt, ob ich mich trauen würde dort ganz allein hinzureisen. Meine Antwort vor einem Jahr: Nein. Deshalb fliege ich jetzt zusammen mit einer Freundin. Ich kenne sie schon seit über 10 Jahren. Ich weiß, dass sie sehr unternehmungslustig ist, sehr viel Energie hat, offen ist und gern reist. Dachte ich. Also eigentlich ist das auch so. Nur verstehe ich darunter etwas anderes als sie.
    Wir trafen uns letztes Jahr im August, um unsere Reise zu planen, auf die wir uns schon soooo sehr freuten. Wir trafen uns in einem Café und ich nahm gleich den Brasilien-Reiseführer mit. Ich besitze eine Unmenge Material über Brasilien. Noch bevor wir uns setzen sagte sie: Du, ich habe eben ein Angebot bei Lidl gesehen: Eine Rundreise durch Südamerika für yx Euro. Das war wie ein Schlag ins Gesicht und ich antwortete etwas trotzig: Ich will keine Südamerika-Rundreise, ich will nach Brasilien. Dann waren wir beide erstmal still und bestellten uns Kaffee bzw. Tee. Da meine Freundin aber sehr pragmatisch und sehr sachlich ist, bemerkte ich keine emotionale Reaktion. Sie fragte einfach: Ok, und wie hast Du Dir das vorgestellt? Ich erzählte ihr, dass ich mich eigentlich “nur” an der Ostküste aufhalten wollte. Genaugenommen zwischen Rio und Sao Paulo. Die beiden Megastädte sind etwa 400 km voneinander entfernt und dazwischen befinden sich kleine Städtchen – vor allem Paraty – die mich sehr ansprechen. Meine Vorstellung war außerdem, dass wir den Flug und eine erste Nacht im Hotel buchen und dann weitersehen. Ihre Vorstellung war etwas anders. Das erfuhr ich aber nicht an dem Tag, sondern einige Wochen später. Es stellte sich heraus, dass sie Angst hatte auf eigene Faust zu reisen. Und dass sie eine geführte Gruppenreise bevorzugen würde.
    Drei Monate später lud ich sie zu einem brasilianischen Abend zu mir ein. Ich hatte brasilianisches Essen gemacht, Pao de Queijo und Pudim con leite. Ich habe das Wohnzimmer mit einer brasilianischen Flagge geschmückt, Guarana in Dosen gekauft und mehrere Filme auf DVD ausgeliehen. Ich wollte ihr zeigen, wie die Menschen dort sind (bzw. wie ich es vermute), damit sie die Angst verliert. Bei diesem Treffen war nun ihr Vorschlag in den 2 Wochen!, die wir zur Verfügung hatten, nach Rio zu reisen, dann ins Amazonas-Gebiet und dann zu Iguacu-Wasserfällen. Diese drei Reiseziele liegen alle sehr weit auseinander. Ich fragte: In zwei Wochen möchtest Du das alles sehen? Das ist doch Stress pur. Sie meinte daraufhin nur, dass ihr das nichts ausmache. Mir schon. Außerdem schlug sie vor mal ins Reisebüro zu gehen. Das taten wir am nächsten Tag. Leider war die Beratung sehr schlecht und die Angst meiner Freundin nahm noch zu.
    Es gab noch mehrere Besuche in einem anderen Reisebüro, mehrere Telefonate und Treffen, bei denen wir auch darüber sprachen, welch unterschiedliche Vorstellungen wir haben.
    Ja, wir fliegen nach Brasilien. Im Oktober. 18 Tage. Wir werden nach Rio fliegen, dann ein Stück an der Ostküste fahren bis nach Sao Paulo und drei Tage an den Iguacu-Wasserfällen verbringen. Es wird eine geführte Tour sein, die wir uns selbst in Bausteinen zusammengesetzt haben. Ich hatte zwischenzeitlich meine Zweifel, ob sie die richtige Reispartnerin ist, denn meine Vorstellung: Einfach mal in ein Café setzen und die Menschen beobachten und Einwohner ansprechen deckte sich nicht mit ihrer Vorstellung: Hauptsache wir sind in Rio und besuchen den Zuckerhut und die Christusstatue und fliegen zu den Wasserfällen. Ich wollte schon vorschlagen, dass wir nicht zusammen reisen sollten. Zu dem Zeitpunkt wäre ich bereit gewesen allein zu reisen. Sie wollte aber unbedingt, nur nicht allein. Und ich wollte sie nicht enttäuschen.
    Während dieser Zeit fiel mir das Mini-Büchlein von Andrea Specht in die Hände: “Reisen – Impulse, Neuland zu entdecken” Sie beschreibt dort den Unterschied zwischen Urlaub machen und reisen. Denn …”wer Urlaub macht, reist noch lange nicht. Urlaub richtet sich auf das Bedürfnis nach Erholung. Das können zwei Wochen Faulenzen auf dem eigenen Balkon sein. Oder ein Liegestuhl auf einer Karibikinsel mit einem guten Buch, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Reisen hingegen bedeutet, Neuland zu erschließen. Sich aufzumachen, bereichern zu lassen und zu entdecken.”
    Vielleicht ist das der wesentliche Unterschied zwischen meiner Freundin und mir: Sie will Urlaub machen (wobei sie es grundsätzlich nicht mag auch nur eine halbe Stunde still zu sitzen, sie muss sich bewegen, manchmal denke ich an Flucht) und ich möchte entdecken…nämlich das Land, die Leute, die Kultur. Wissen wollen wie sie leben, was sie denken, sagen, kochen, schreiben. Wie das Land riecht, es sich anfühlt. Ich möchte es genießen.
    Für mich ist Dein Beitrag, Mathias, absolut auf den Punkt getroffen. Besonders das Zitat von Aurelius Augustinos.

    Ich freue mich inzwischen wieder auf die Reise. Aus Deinem Beitrag, Mathias, lese ich heraus, dass Brasilien eine sehr schöne und bereichernde Reise für Dich war. Und macht mir Mut auch allein dorthin zu reisen.
    Ich bin sicher, dass meine Freundin und ich das bekommen, was wir wollen: Sie die Fotos von der Christus-Statue und den Wasserfällen und eventuell das eine oder andere sportliche Event, um ihre scheinbar unentliche Energie zu stillen. Und ich werde innehalten, genießen, riechen, mit Menschen sprechen, das Land in mich aufsaugen, denn ich werde mit Sicherheit nicht das letzte Mal dort gewesen sein.

    Einen schönen Sonntag Euch allen!
    Christina

    • Marina schreibt am 20. Juli 2014

      Liebe Christina, danke für Deinen ausführlichen Bericht,…Ich musste ständig nicken, hab` ihn meinem Mann vorgelesen.
      Deine Erfahrungen zeigen sehr deutlich, dass das Gesagte inhaltlich oft was völlig Anderes ist, als das des Gegenüber. Obwohl die benutzten Worte die gleichen sind.
      Oder: Was A sagt ist nicht unbedingt das, was B versteht.
      Das finden wir in Partnerschaften ja ständig vor.
      Mir geht es ähnlich wie Dir: ich möchte das Unbekannte erkunden, erforschen, aber mich nicht zu sehr ins Unbekannte stürzen. ich brauche keine Kicks, wie Bungeejumping (ich würde sterben und möchte mir da nichts beweisen), Überfälle im Fremden Land, die Nacht in einem “Loch” verbringen….etc. Ich möchte ja Urlaub machen! Und ich möchte das Erlebte mit Jemandem teilen.

      Meine Schwester ist so ein Typ, wie evt. Deine Mitreisende, die ständig Erlebnisse abhakt. Ich glaube nicht, das sie alles wirklich “erlebt”.
      Ich habe inzwischen auch das Gefühl, dass Viele der Event Generation Erlebnisse abhaken möchten um später im Schaukelstuhl was erzählen zu können nach dem Motto: hab` ich alles gemacht, erlebt!!
      Damit das eigene Leben nicht zu langweilig wirkt. Inneres Erleben hat nun mal nicht bewundernde Wirkung.
      schönen Sonntag

  • Ein sehr interessanter Beitrag wie auch ein sehr interessanter Kommentar. Beides hat eines gemeinsam: die Annahme (Unterstellung), dass man zu Hause nichts Neues, Herausforderndes findet, um sich zu reflektieren bzw. die Annahme, vor dem zu Hausesein zu fliehen.
    Offengestanden können beide Annahmen ihre Berechtigung haben. Indes empfinde ich es für schade, wenn, basierend auf blossen Annahmen, derartige Empfehlungen ausgesprochen werden.
    Im Ergebnis ist doch wichtig, dass man sich reflektiert, an sich arbeitet, um nicht auf der Stelle zu stehen, um sich weiter zu entwickeln. Und ob wir dies im Rahmen einer Urlaubsreise oder eines Urlaubsaufenthaltes zu Hause tun, mag dahingestellt bleiben.
    Äusserst positiv ist bei beiden Beiträgen, dass sie offenbar dazu geführt haben, sich mit den Thema als solchem auseinander zu setzen.

  • sehr interessant Ihr Beitrag.

    Für mich ist reisen auch eine Flucht. Der Alltag ist meist dicht durchgetaktet und mein Mann und ich genießen es sehr, den Urlaub zu Hause zu verbringen. Die Dinge, die Sie erwähnen, in meinem Umfeld zu erleben: mich selbst/uns besser kennenzulernen, Dinge erfahren, die uns ausmachen, sich in einem “Supermarkt” 20 km weiter weg z. B. auf dem Land, zurechtzufinden, mit offenen Augen die Welt um meine Heimat zu sehen, Orte, die von weit her bereist werden, in meiner Gegend zu besuchen und vieles mehr. Mich erschreckt es, dass Menschen jeden freien Tag verreisen müssen, weil man zu Hause nichts mit sich anzufangen weiß. Bespaßung von außen braucht. Ist das nicht auch Ablenkung von mir selbst? Angst davor, mir selbst zu begegnen?

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