Wieder klarer sehen

Die Klarheit seines Inneren ist für den Menschen das höchste Gut.
– Adalbert Stifter

Als ich auf dieses Zitat von Adalbert Stifter stieß, fragte ich mich: Ist Klarheit des Inneren wirklich ein so hohes Gut? Und was ist damit überhaupt gemeint? Und dann natürlich auch: Wie kann ich denn Klarheit gewinnen, wenn gerade kaum etwas klar ist?

Klarheit kann ja sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Der eine sieht klar, wenn er ganz genau weiß, was er als Nächstes tun möchte. Ein anderer hat so viele Dinge im Kopf, die er nicht sortiert bekommt, und wünscht sich ein bisschen mehr Ordnung und Struktur für seine Angelegenheiten. Und der Nächste leidet unter einem Gefühlschaos und möchte womöglich erst einmal klarer sehen, was hinter den diffusen oder schwer einzuordnenden Gefühlen steckt.

Ich denke, diese unterschiedlichen Sichtweisen von Klarheit hängen alle miteinander zusammen. Wissen, was ich tun möchte, kann ich nur mit einem klaren Blick auf den Status quo. Dadurch kriege ich auch ein bisschen Klarheit in meine Angelegenheit. Und meine diffusen Gefühle und Gedanken kann ich nur besser einordnen, wenn ich weiß, was mich genau belastet und welches meine Baustellen sind.

Wer klar sieht, wo er steht und welche Gefühle und Gedanken ihn umtreiben, der kann auch mit schwierigen Situationen leichter umgehen. Weil er nämlich weiß, woran er ist. Deswegen ist es sinnvoll, sich, gerade wenn das Leben unübersichtlich wird, ab und zu eine klare Sicht zu verschaffen. Außerdem fällt es einem klar sehenden Menschen leichter, Ziele zu entwickeln oder diese zu erreichen. Andererseits aber auch zu sagen: Das ist eine zielfreie Zeit oder ich möchte gerade keine Ziele verfolgen.

Der erste Schritt zu mehr Klarheit

Ein guter Schritt zu mehr Klarheit besteht oft darin, sich die jeweilige Situation einmal genau anzuschauen. Zum einen die äußeren Gegebenheiten, wie Wohnung, Arbeit, Freundeskreis, Partnerschaft. Aber auch innere Prozesse wie Wünsche, seelischen Schmerz, Druck oder Ängste. Schaut man sich all diese Einflussfaktoren einmal an, so erkennt man leichter, was einen hemmt, in der Entwicklung stört oder vielleicht sogar unglücklich macht.

Weil es immer wieder Phasen gibt, in denen man viele Gedanken und Überlegungen unter einen Hut bekommen muss, habe ich ein Coaching-Werkzeug gebaut: den Klarheits-Check.

Klarheits-Check

Diesen Check kann man in turbulenten Zeiten oder wenn einem der Durchblick fehlt ausfüllen und so einen klareren Blick gewinnen. Wichtig bei diesem Coaching-Werkzeug ist, dass man erst einmal nur eine Bestandsaufnahme vornimmt. Also noch nicht versucht, Probleme zu lösen oder Belastungen abzustellen.

Probieren Sie es doch einfach einmal aus.

Dazu machen Sie sich eine Tabelle, Ihren ganz persönlichen Klarheits-Check.

In die erste Spalte schreiben Sie alle Lebensbereiche, Themen oder auch Beziehungen, die für Unruhe, Belastungen oder Probleme sorgen.

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?

Das herauszufinden ist schwer. Aber machbar. Und wenn du es herausgefunden hast, wirst du den Unterschied merken. Jeden Tag.

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In der zweiten Spalte notieren Sie nun alles, was in diesem Bereich oder Thema für Unruhe und Chaos sorgt. Was ist überhaupt das Problem? Was ist belastend in dem Bereich?

In der dritten Spalte schreiben Sie auf, was Ihnen helfen könnte, mehr Durchblick zu bekommen, Ruhe und Entspannung in diesen Bereich zu bringen. Was würde helfen, das Problem zu lösen, die Belastung zu verringern?

Wenn Sie die drei Spalten ausfüllen, bekommen Sie einen guten Überblick, was überhaupt los ist. Alleine das Aufschreiben kann Ihnen helfen, mehr Durchblick zu bekommen. Sie sehen Ihr Leben klarer, erkennen, was Sie womöglich hindert, zufriedener zu sein. Und entwickeln gleichzeitig Ideen, wie Sie das ein oder andere Problem lösen und Ihre Belastungen loswerden können.

Hier ein Beispiel, wie so ein Klarheits-Check aussehen könnte.

Beispiel:

Bereich Lebensbereich, Beziehung, Thema Chaos
Was bringt Unruhe, Belastung? Was ist das Problem?
Durchblick
Was hilft, das Problem zu lösen? Was würde die Unruhe, Belastung verringern?
Arbeit Nicht effizient genug Einen Weg finden, effizienter zu arbeiten
Beziehung Untreue Ehrlich sein und ihm die Wahrheit sagen. Oder: Affäre beenden
Freundschaft mit XYZ Sie nervt Klar werden: Nervt sie grundsätzlich oder nur, weil zu oft und nervige Rahmenbedingungen
Gesundheit Der andauernde Schmerz im Rücken Zum Arzt gehen
Selbstentwicklung Ziellosigkeit, ich weiß nicht, was ich will Einen Coach suchen, ein Seminar buchen, einen Selbstlernkurs bei ZZL machen ;-)
Finanzen Ich weiß nicht, wo mein Geld bleibt. Eigentlich gebe ich doch gar nicht so viel aus Meine Ausgaben regelmäßig notieren
Wohnsituation Die Wohnung ist total vollgestopft, ich fühl mich nicht mehr wohl Ausmistaktion starten
Einsamkeit Ich fühle mich einsam, das deprimiert mich Wege finden, wie ich das ändern kann

Sich selbst besser verstehen

Ganz wichtig: Die erste Aktion, nachdem man den Check ausgefüllt hat, besteht darin, sich erst einmal zurückzulehnen.

Und sich selbst Verständnis entgegenzubringen. Sich z.B. zu sagen: „Kein Wunder, dass ich mich so unruhig und zerrissen fühle. Das ist ja auch ganz schön viel.“ Oder: „Aha, deswegen fühle ich mich so. Jetzt verstehe ich mich besser.“

Das ist wichtig. Denn wenn man gleich wieder loslegt mit „Ich müsste doch und ich sollte aber …“, macht man sich so viel Druck, dass man sich wieder unruhig fühlt. Die Gedanken schlagen dann womöglich wieder Purzelbäume und das bisschen gewonnene Klarheit ist schneller weg, als man Piep sagen kann.

Genießen Sie die neu gewonnene Klarheit. Denn wie Adalbert Stifter sagt, ist die Klarheit des Inneren das höchste Gut.

Wenn Sie in einem nächsten Schritt wirklich etwas ändern möchten, finden Sie in Ihrem Klarheits-Check schon eine erste gute Grundlage dafür.

Den Klarheits-Check können Sie übrigens immer mal wieder einsetzen. Immer wenn Sie sich unruhig fühlen. Oder das Gefühl haben, es sind einfach zu viele Baustellen, die nicht vorangehen. Dann machen Sie Ihren Klarheits-Check und sehen, wo es hakt. Vor allem auch, wieso genau einzelne Themen oder Bereiche schwierig sind und was Sie unternehmen können, um wieder zufriedener zu werden.

Wenn Sie also das nächste Mal denken „Ich blick überhaupt nicht mehr durch“ oder zu einer Freundin sagen „Es ist grad alles total chaotisch“, dann erinnern Sie sich an den Klarheits-Check. Und daran, dass Sie nur einen einzigen Schritt von einer klaren Sicht entfernt sind.

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