Wissenswertes: Position in der Geschwisterreihe ist unwichtig

Ich bin so kooperativ, weil ich ein mittleres Kind bin. Oder: Ich bin gewissenhaft und ordnungsliebend, weil ich bei uns das älteste Geschwisterkind war.

Wer hat solche Aussagen nicht auch schon mal gehört. Oder Ähnliches über seine Geschwister oder sich selbst gesagt. Und manch ein Erwachsener fragt sich: Hätte sich meine Persönlichkeit anders entwickelt, wenn ich an einer anderen Position in der Geschwisterfolge geboren worden wäre? Wenn ich ein Nesthäkchen gewesen wäre? Oder nicht immer der Jüngste, sondern der Älteste gewesen wäre?

Dass die Position innerhalb der Geschwisterreihe Einfluss auf die Persönlichkeit hat, gilt in einigen wissenschaftlichen Kreisen und vor allem in der Alltagspsychologie als allgemein gültig.

Welche Rolle spielt die Position in der Geschwisterreihe?

Einige Wissenschaftler aus Leipzig und Mainz haben sich den Einfluss der Geschwisterkonstellation genauer angeschaut und dazu Daten von über 20.000 Erwachsenen aus Deutschland, den USA und Großbritannien ausgewertet.

Die Professoren Dr. Stefan Schmukle, Dr. Julia Rohrer und Dr. Boris Egloff fanden heraus, „dass die zentralen Persönlichkeitseigenschaften Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nicht mit der Geschwisterposition in der Herkunftsfamilie zusammenhängen“ (Rohrer et al. 2015).

Die Untersuchungsergebnisse, die den Einfluss der Position innerhalb der Geschwisterreihe auf die Persönlichkeit anbetreffen, waren sehr aussagekräftig und belastbar. So zogen die Wissenschaftler den Schluss: Die Position innerhalb der Geschwisterkonstellation wirkt sich nicht dauerhaft auf die Persönlichkeit aus.

Welche Chancen liegen in diesen Untersuchungsergebnissen?

Was bedeutet das für uns, die wir psychologische Kenntnisse auf uns selbst anwenden? Hat sich manch einer völlig vergeblich mit seiner Rolle innerhalb der Geschwisterreihe beschäftigt?

Ich denke nein, denn die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und den Rollen, die jeder Einzelne innehat, ist ja oft sehr wertvoll.

Vielmehr können uns diese Untersuchungsergebnisse zu zwei wertvollen Schritten ermutigen:

  1. Die reine Position innerhalb der Geschwisterkonstellation scheint nicht so wichtig für unsere Persönlichkeit zu sein, wie man lange gedacht hat. Daher lohnt es sich, sich weniger mit der Position als vielmehr mit der eigenen Persönlichkeit, der der Schwester oder des Bruders auseinanderzusetzen. Sich zum Beispiel zu fragen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Wer ist meine Schwester, mein Bruder? Was macht sie aus? Wie war und ist unser Verhältnis? Was macht es uns schwer und was verhilft uns zu einem guten Verhältnis? Das alles lässt sich jenseits der Position innerhalb der Geschwisterreihe beantworten.
  2. Die Position innerhalb der Geschwisterreihe entfällt als Entschuldigung und Ausrede. „Ich bin halt ein Nesthäkchen, deswegen fällt mir dieses oder jenes schwer.“ Oder: „Ich bin ein Sandwichkind, daher komme ich nicht gut mit diesem oder jenem zurecht.“ Oder: „Ich bin ältestes Geschwisterkind, deswegen bin ich da- und darin nicht so gut.“ Solche und ähnliche Formulierungen fallen nach Kenntnis dieser Untersuchungsergebnisse schwer. Das eröffnet die Chance, genauer hinzuschauen: Was war und ist es genau, was es mir schwer macht, dies oder jenes zu tun? Ist es, dass ich nie Verantwortung für mich übernehmen musste, gleichgültig ob ich jüngstes, ältestes oder Sandwichkind bin? Ist es, dass ich viel zu früh Verantwortung tragen musste, ob nun als jüngstes oder ältestes Kind? Was hat mich auf welche Weise zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin? Und wie kann ich mit diesen Voraussetzungen das Leben führen, das ich führen möchte? Was hilft mir dabei, meine Wünsche zu verwirklichen und so zu sein, wie ich sein möchte?

Natürlich spielen für uns alle, die wir Geschwister haben, die anderen Kinder in der Familie eine große Rolle. Nicht nur als Kinder, sondern oft auch als Erwachsene. Und sicher haben sie Einfluss auf uns, unsere Entwicklung und auch unseren Lebensweg. Aber die Position innerhalb der Konstellation spielt den aktuellen Untersuchungen zufolge nicht die Rolle, die viele von uns lange vermutet haben. Das macht uns freier, jenseits alter Schubladen zu denken. Und raus aus dem Schubladendenken zu kommen, ist ja generell ein guter Schritt nach vorne. Weil es den Blick weitet und mehr Flexibilität und Freiheit ermöglicht.

Pressemitteilung der Universität Leipzig (2015). Erstgeborene, Sandwichkinder und Nesthäkchen: Geschwisterposition hat nur sehr geringen Einfluss auf die Persönlichkeit. (Stand: 5.4.2016)

Rohrer, J. M./Egloff, B./Schmukle, S. C. (2015). Examining the effects of birth order on personality. (Stand: 5.4.2016)

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