Wie lange?

Wie lang ist dein Weg

Ein junger Mann kam zu einem Meister und fragte: „Wie lange werde ich brauchen, um Erleuchtung zu erlangen?“

Der Meister schaute kurz auf und antwortete: „Zehn Jahre.“

Der junge Mann reagierte erschrocken. „Was, so lange?“ fragte er.

Der Meister sah noch einmal auf und erwiderte „Nein, ich habe mich geirrt. Ich denke, du wirst 20 Jahre brauchen.“

„Aber Herr, warum habt Ihr die Zeit nun verdoppelt?“

Die Antwort kam prompt: „Wenn ich es mir recht überlege – in deinem Fall wird es wohl 30 Jahre dauern.“

Anthony de Mello
aus Gib deiner Seele Zeit
leicht geändert

 

 

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Kommentare

  • Na ja, heute würde sich der junge Mann ja gar nicht erst die Mühe machen, zum Meister zu gehen, sondern einfach „Erleuchtung sofort“ bei Google eintippen.

  • Es zeigt vor allem eines: Alles ist eine Frage der inneren Einstellung.

    Sicher kann vieles nicht immer SOFORT funktionieren!

    Der Opa meines Lebensgefährten hat sich zu Lebzeiten oftmals voll BEABSICHTIGT „verlaufen“, um seine Umgebung noch besser kennenzulernen.

    Er betrieb mit seiner Familie auf St. Pauli eine eigene Hotel-Gaststätte. SO (nach dem beabsichtigten „Verlaufen“) konnte er seinen Gästen bestimmte Tipps (Tricks) mit an die Hand geben (z. B. wenn man vor ‚m „Michel“ – unserer Hauptkirche – steht, geht man dort z. B. links vorbei).

    Denn: Innovation setzt voraus, dass zuvor etwas schiefgegangen ist!

  • Ich sehe dahinter ganz einfach die Metapher, dass unser ganzes Leben aus Lernen und sich Weiterentwickeln besteht. Bis zum letzten Tag lernen wir dazu und wir sind nie „fertig“ ( oder wenn man so will, “ erleuchtet „). Ich finde die Antworten des Meisters sehr freundlich formuliert, heute und „hier“ würde man das sicherlich anders sagen, aber das entspricht der großen Güte und Liebe der fernöstlichen Lebensweise.

  • Alfred P. hat Recht: Mit jedem neuem Leser gibt es eine Variante mehr, wie die Geschichte verstanden werden kann. – Dieser Effekt gefällt mir so gut an fernöstlichen Geschichten :-)

    Für mich klingt das ein wenig anders:
    Der Schüler fragt – der Lehrer nimmt sich Zeit, die Frage zu hören und zu erfassen.
    Der Schüler nimmt sich keine Zeit, den Sinn der Antwort zu erfassen … also ist er noch nicht so weit, dass er die Erleuchtung in 10 Jahren erlangen könnte, deshalb sagt der Weise, dass er offenbar länger braucht. – Und als der Schüler bei Verlängerung des Zeitraums noch immer nicht nachdenkt, sondern „rebelliert“, ist klar, dass er eigentlich noch weiter weg von der Arleuchtung ist, als vorher angenommen.

    In meinem Beruf kommt es oft vor, dass Leute was fragen und dann nicht hinhören, wenn ich antworte. – Ein frustendes Erlebnis.
    Ich glaube, ich werde mich ab sofort bei diesen Gelegenheiten auf die vorliegende Geschichte besinnen. – Bin schon gespannt, welche Antworten dann aus mir herauspurzeln werden :-)

  • Schon interessant. Fünf Leser/innen, fünf verschiedene Verständnisse dieser kurzen Geschichte.
    Mir jedenfalls kommen „Erleuchtungen“ erfahrungsgemäß völlig losgelöst von Zeit und Raum. Und so verstünde ich auch den Meister, wenn er zu mir gesprochen hätte.

  • Ich verstehe diese Geschichte so, dass der Schüler allein dadurch, dass er sich vergewissert, ob er die Antwort auf seine Frage richtig verstanden hat zum Ausdruck bringt, dass diese Zeitspanne sehr sehr lange sei. Und der Rat seines Meisters geht dahin, die Möglichkeit aufzuzeigen, dass es sehr lang währen kann, bis die „Erleuchtung“ stattfindet. Ich glaube dass es Menschen gibt, die den richtigen Weg zum Frieden und zur Erleuchtung erst am Ende ihres Lebens finden. Glücklich darf der sich schätzen, der auf der Suche nach seinem Weg liebevoller Lehrer findet, die ihm den Weg weisen ….

  • Ich glaube eher es geht darum, dass der junge Mann die Antwort auf die Frage bereits in sich trägt, und nur er selbst sich diese Frage beantworten kann.

    Solange er das nicht begreift, wird er seiner Erleuchtung wohl sein ganzes Leben lang hinterherlaufen.

    Schönen Sonntag!

  • Ich kenne die Geschichte in einer anderen, mir eher einleuchtenden Version. NAch der ersten Antwort des Meisters fragt der junge Mann nämlich, wie lange es dauert, wenn er sich sehr anstrengt. Drauf antwortet der Meister dann: 20 Jahre.
    Die Essenz ist für mich also nicht keine Fragen zu stellen oder „Meistergläubig“ zu sein, sondern zu erkennen, dass es neben dem aktiv sein auch einen zweiten Pol gibt, die Fähigkeit, geduldig zu warten, loszulassen und etwas wachsen zu lassen. neben dem Einatmen müssen wir auch ausatmen, neben der Anspannung auch entspannen.
    Schon die Benediktiner wussten, dass zum labora auch das ora gehört, sonst kommt Mensch aus dem Rhytmus …
    In diesem Sinne genieße ich den Sonntag als Tag der Feier, des Festes, der Dankbarkeit für mein Mensch- und geliebt sein und genieße an den Werktagen das Gestalten und Bewegen können.

    Einen gesegneten Sonntag wünscht
    Stephan

  • „Und die Moral von der Geschicht‘ „:
    stelle keine Frage nicht.
    Wer fragt, etwas wissen möchte, ist unbequem
    und bekommt „Verlängerung“.

    Wer dumpf – und vor allem brav- auf das in Aussicht gestellte wartet,
    tut, was der Meister sagt,
    für bare Münze nimmt, was von oben kommt,
    sich kein eigenes Bild macht und schon gar nicht kritisch fragt,
    dem wird Anerkennung zu teil.

    Wenn ich mir die Nachrichten ansehe,
    Unternehmen und Schulen betrachte …
    hat sich in den Jahrhunderten nichts geändert.

    Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden
    Punkt

    • Tanja schreibt am 24. Januar 2016

      Ich denke nicht, dass das die Moral dieser Geschichte sein soll. Geduld und Lernen kann nunmal nicht vorhersehbare Ergenisse bringen.

  • ‚Tolle Geschichte!

  • Wahrscheinlich kam „der junge Mann“ aus dem Westen und nicht aus fernöstlichen Gebieten ;-)).
    Schönen Sonntag noch und viel Spaß mit der „Lektion Hingabe“.
    Nele

  • Da fällt mir wieder die Geschichte vor der Kirche ein.Ich bin ja schnurstraxx rein gelaufen Miten in die Beerdigung und ich habe angefangen zu Weinen.Mir ging es 10 Sekunden später wieder gut.In dem Moment bin ich innerlich zusammen gebrochen.

    Dann war ich später mal wieder dort.Es ist nix gewesen.Danach war einfach Schluss.

    Mir kann jemand sagen was er möchte den Tod eines geliebten Menschen Verkraftest du nicht.Du schiebst es in deiner Seele vor dir her.

    Da hilft auch keine Ablenkung.

    Sowas redet man sich selber ein.Auch Menschen irgend wie belehren zu wollen.Warum?

    Der Tod ist einfach da.Genauso wie die Geburt.Jeder der den Tod mal erlebt hat wird aber ernster im Kopf.

    In älteren Jahren wird das viel schwieriger Werden.

    Ich dachte auch immer Schweigst du drüber,weil mit der Beerdigung ist alles gelaufen.

    Scheiße ist.Die Harten kommen in den Garten.Nur wird keiner das Laub wegfegen.

    Der Mensch der einst geboren wurde,hat in seinem Leben doch so viel bewirkt das seine Beerdigung Gedanken ausgelöst hat.

  • Finde ich sehr cool, dieses cooler Meister-Ding. Hat so was von Karate Kid. („Wie lange noch?“) :D

    Wird mich auf jeden Fall heute durch den Tag begleiten! :)

    Liebe Grüße,
    Ronja

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